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StartseiteKultur heuteDas Spiel mit dem Übernatürlichen02.08.2019

Kulturgeschichte der MischwesenDas Spiel mit dem Übernatürlichen

Sphinxe, Harpyien, Chimären - seit Urzeiten erfinden Menschen Mischwesen. Der Literaturwissenschaftler Jürgen Wertheimer erklärt unsere Faszination für Doppelkreaturen mit der menschlichen Neugier und der Sehnsucht nach Verwandlung und Grenzüberschreitung.

Jürgen Wertheimer im Gespräch mit Karin Fischer

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Ein Mischwesen mit einem Voglekörper und einem menschlichen Kopf sitzt auf einem Ast. Im Hintergrund ist der Vollmond zu sehen. (dpa / picture-alliance / akg-images)
Halb Vogel, halb Mensch - Hans Thomas Zeichnung einer "Harpyie" (dpa / picture-alliance / akg-images)
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Karin Fischer: In Japan dürfen Forscher jetzt zum ersten Mal Chimären aus Mensch und Tier züchten und bis zur Geburt heranwachsen lassen. Es geht dabei um den Versuch, menschliche Organe in Tieren herzustellen. Deshalb hat in den vergangenen Tagen das Wort "Mischwesen" in den Nachrichten die Runde gemacht. Mischwesen kennen wir seit langem, aus der Kulturgeschichte nämlich. Die Sphinx ist 2 ½ Jahrtausende vor Christus entstanden. Der Kentaur ist ein Mischwesen aus Mensch und Pferd. Wir kennen Pegasus, die Meerjungfrau oder den Homunculus - immer schon hat der Mensch solche Wesen geschaffen. Ich habe mit dem Tübinger Literaturwissenschaftler und Autor Jürgen Wertheimer darüber gesprochen und ihn zunächst gefragt, welche Bedeutung solche Mischwesen in den frühesten Zeiten haben?

Jürgen Wertheimer: Niemand weiß es natürlich, aber wir können schlussfolgern aus den Objekten, die vor uns liegen. Das älteste dieser Art von zwittrigen Wesen stammt aus der Zeit von 40.000 vor unserer Zeit und ist in Schelklingen gefunden worden: ein Löwenmensch, halb Löwe, halb Mensch. Was treibt uns an seit frühester Zeit, solche Doppelwesen zu erfinden? Nun ja, ich denke, vor allem Neugier. Ich möchte jetzt nicht gleich mit Animismus und ähnlichem kommen – Neugier! Unsere Faszination für Vermischung, für einen Moment des Experiments mit uns selbst und mit der Umwelt, ein Verlangen nach einem Grenzgang, nach einer Grenzüberschreitung. Ich bilde mir ein, was wäre, wenn ich ein Löwe wäre. Und wie würde der Löwe mich wahrnehmen. Das ist also eine Verwandlung, eine Verdopplung, eine Vervielfältigung der Wahrnehmung.

In eine andere Haut schlüpfen

Fischer: Die Mischwesen als Spiegel des Menschen vielleicht für Hoffnungen, vielleicht für Ängste. Als Projektionen auch, als Beschwörung vielleicht. Entspringt das im weiteren Sinne einem magischen Denken?

Wertheimer: Das kann man magisch nennen, wenn Neugier und intellektuelles Vergnügen magisch sind. Und ich denke, auch religiöse Elemente sind ja nichts anderes als verwandelte Neugier. Wir möchten einfach andere Räume erschließen. Wir möchten in eine andere Haut schlüpfen und werden dann für einen Moment andere Wesen. Sie können das dann in eine religiöse Richtung deuten, Sie können das in eine metaphysische Richtung deuten. Das ist mir nicht so wichtig. Wichtig ist, glaube ich, dieser experimentelle Charakter, der seit der Frühzeit in uns angelegt ist: Sphinxe, Harpyien, Chimären zu erfinden und das Faszinosum des Übernatürlichen im Experiment zu erproben.

Fischer: Solche Mischwesen sind ja gerne Nixen, oder, wie bei Mörike, eine Wasserfrau mit langen fließenden Haaren, die im Blautopf sitzt: eine Männerfantasie?

Wertheimer: Ja, sicher auch eine Männerfantasie. Jedenfalls, warum sollen Frauen nicht partizipieren an dieser großen Wunschmaschinerie der Mischwesen. Und alles was, wir hatten es bereits erwähnt, was uns ängstigt, was uns fasziniert, was uns bedroht, was uns außergewöhnlich erscheint oder erscheinen soll, verwandeln wir in solche Doppelwesen, die doppelt kodiert sind und die uns mehrere Fragen an die Existenz heranzutragen erlauben. Eine davon heißt auch: Wie gehen wir damit um? Wie werden wir die Ängste los? Zum Beispiel, indem wir sie domestizieren. Und der Domestizierungsvorgang ist auch ein ganz wichtiger. Wir beginnen vielleicht mit der Lust an der Verwandlung, aber es kippt sehr schnell in den Akt der Domestizierung.

Fischer: In Goethes Faust, im Homunculus, sehen wir ja dann den Schritt auch hin zu einer Verwissenschaftlichung dieses Mischwesens.

Wertheimer: Ja, das ist wohl der nächste Schritt nach der Verwandlung und der Zähmung: die Reproduktion. Wir schaffen die Welt: Die Tiere kommen nicht mehr auf uns zu, sondern wir kommen auf sie zu. Wir verwandeln sie, wir schaffen sie letztlich. Goethe sagt, sie, die Natur – wenn ich’s richtig zitieren kann – sonst hat sie uns organisiert, jetzt lassen wir sie kristallisieren. Das heißt, die Richtung hat sich umgekehrt. Und plötzlich sind wir die Herren des Verfahrens.

"Talsohle der Entmystifizierung"

Fischer: Und wenn wir jetzt den Bogen zur Gegenwart schlagen, Jürgen Wertheimer, und zu den jüngsten Nachrichten kommen, können wir dann feststellen, dass der Zauber jedenfalls verflogen ist? Ist das reine Hybris? Was ist das?

Wertheimer: Ich möchte es nicht moralisch werten. Es ist ein naturwissenschaftliches Verfahren. Fakt ist, dass es in einem Moment entsteht, in dem wir ohnehin an der Talsohle der Entmystifizierungen angelangt sind. "Die schöne Lau" von Mörike, die lebt noch in ihrem Blautopf und wird langsam ins Menschliche integriert. Jetzt aber wird der letzte Rest des Geheimnisses und des Mysteriums der Verwandlung und der Begegnung getilgt. Die Tiere, Träger dieser Organe, sind zum Materiallager regrediert. Wir haben sie erfunden, weil sie uns mal was bedeutet haben. Sehr viel bedeutet haben! Und wir machen sie, fertigen sie, weil sie uns jetzt im Grunde nichts mehr wert sind.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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