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StartseiteTag für Tag"Ohne den Teufel ist es langweilig"20.11.2018

Kulturgeschichte des Teufels"Ohne den Teufel ist es langweilig"

Fernsehserien wie "Lucifer" nehmen den Satan nicht ernst, die meisten Christen fürchten die Hölle nicht mehr. Allenfalls der Papst beschwört noch den Teufel. Die Grazer Religionswissenschaftlerin Theresia Heimerl erklärt, was das für die Bewältigung des Bösen in der Gegenwart bedeutet.

Theresia Heimerl im Gespräch mit Gerald Beyrodt

Eine Teufelsstatue der St. Mang Kirche in Regensburg.  (imago/Westend61)
Sünde, Krankheiten und Kriege - im Mittelalter war klar, dass der Teufel dahinter steckte (imago/Westend61)
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Gerald Beyrodt: Ein Hauch von Schwefel zieht durchs Radiostudio, denn hier geht es gleich um den Teufel. Im Mittelalter lauerte der Teufel immer und überall. Er galt als das Böse schlechthin. Als Kind hatte ich ein Kasperletheater und ich habe beinahe täglich damit gespielt. Zwei Figuren liebte ich besonders: die eine war grün, das Krokodil, die andere war überwiegend schwarz und hatte rote Hörner: der Teufel. Wenn diese beiden Figuren mit im Spiel waren, dann ging alles besser mit den Kasperle-Geschichten, weil nämlicheKasper einen ordentlichen Gegner hatte oder sogar zwei. Weil Protagonisten Antagonisten brauchen, damit eine Geschichte funktioniert. Weil Helden doppelt so heldenhaft sind, wenn es einen Schurken gibt.

Für die Menschen im Mittelalter war der Teufel alles andere als eine Spielfigur. Sondern eine bedrohliche Realität. Und diese Zeit unter anderem erforscht Theresia Heimerl, Professorin für Religionswissenschaft an der Uni Graz. Frau Heimerl, können Sie mir einen Steckbrief des Teufels geben?

Theresia Heimerl: Der Teufel hat in der Tat eine interessante Biografie. Der Name, unter dem ihn auch viele kennen bei uns, der Satan, taucht im Alten Testament auf. Dort ist er allerdings noch ein Engel, sogar ein hochrangiger Engel, wenn man so will – allerdings einer, den die Menschen als unsympathisch wahrnehmen. Er hat staatsanwaltliche Funktion, er ist derjenige, der über die Erde streift und dann die bei Gott berichtet und auch Strafe für sie fordert.

"Aus diesem Engel wurde das Böse"

Man kann eben davon ausgehen, dass diese doch sehr unsympathischen Charakterzüge des Teufels irgendwann im zweiten vorchristlichen Jahrhundert dazu geführt haben, dass aus diesem Engel tatsächlich der Böse wurde, dem dann auch zugeschrieben wird, dass er gegen Gott rebelliert, dass er selbst sich an die Stelle Gottes setzen möchte und dann von Gott und den treu gebliebenen Engeln gestürzt wird und in die Unterwelt, die wir dann später auch als Hölle kennenlernen, hinabstürzt und von da an das Böse repräsentiert, den Feind der Menschen, den Widersacher Gottes.

Um jetzt auf ihre Kasperletheater-Gestalten zurückzukommen: Die Bibel sagt uns überhaupt nicht, wie dieser Satan oder dieser Widersacher aussieht. Diese Hörner oder auch diese Bocksbeine oder der Pferdefuß, der sprichwörtliche, des Teufels, der verdankt sich eigentlich der antiken mythologischen Gestalt des Gottes Pan oder Faunus im Lateinischen. Der hatte solche Hörnchen und auch solche Bocks- oder Ziegenbeine. Die bekommt dann sozusagen der Teufel ikonografisch hinzu, weil ihm eben auch die für das Christentum große Sünde des sexuellen Begehrens, die der Gott Pan ja auch in der antiken Mythologie hat, weil das auf den Teufel übertragen wird.

Beyrodt: Wenn wir aber diese Geschichte des Teufels erst einmal Revue passieren lassen, heißt das, eigentlich ist er schon eine speziell christliche Figur?

Heimerl: Genau. Eigentlich ist er eine speziell christliche Figur, in die, wenn man so will, schon vorchristliche Vorstellungen eingeflossen sind, Vorstellungen die rund um das Alte Testament entstanden sind in den sogenannten Apokryphen, also nicht anerkannten Texten. Aber in der Form, wie wir ihn heute kennen, ist er tatsächlich eine speziell christliche Figur, die sich so in den alttestamentlichen Texten nicht findet.

"Ein fixer Bestandteil der mittelalterlichen, kirchlichen Pastoralmacht"

Beyrodt: Wir sind ja heute ein bisschen gewöhnt, den Teufel ganz spielerisch zu sehen. Aber für die Menschen im Mittelalter war er eine alltägliche Bedrohung. Wo war er denn im christlichen Mittelalter überall präsent?

Heimerl: Sie Theresia Heimerl, Religionswissenschaftlerin aus Graz (Deutschlandfunk/ Privat)Theresia Heimerl (Deutschlandfunk/ Privat)finden ihn praktisch in der Vorstellungswelt der Menschen wirklich fast überall am Werk. Jede Versuchung kommt im Grunde vom Teufel, das heißt: Eigentlich jede Sünde, die ich als mittelalterlicher Mensch begehe, ist vom Teufel inspiriert, ist eine Versuchung des Teufels, der ich nachgegeben habe leider. Er ist auch im Grunde verantwortlich für fast alles Leid, alles Übel, das mir widerfährt: also für Krankheiten aller Art, wo man sich vorstellt, die werden eben auch vom Teufel und seinen Dämonen hervorgerufen, für Naturkatastrophen, Hungersnöte, Kriege, politische Wirren, die ja auch sehr, sehr direkt das Leben der Menschen beeinflusst haben. Also im Grunde ist er für alles Übel und für alles Schlechte zuständig. Und ich denke, wenn man in mittelalterliche Predigten hineinliest oder hineinhört, dann hat man schon auch den Eindruck, das war ein fixer Bestandteil der mittelalterlichen, kirchlichen Pastoralmacht. Denn: Wer kann vor diesem allgegenwärtigen Teufel schützen, davor bewahren, dass man dann eben in der Hölle als Verdammter endet? Das ist die Kirche mit ihren Möglichkeiten, ihren Heilsangeboten, wenn man so will.

Beyrodt: Sie sagen ja auch in Ihren Aufsätzen, dass der Teufel im Mittelalter eigentlich eine Art Machtinstrument der Kirche ist, ein Unterdrückungsinstrument der Kirche. Wie meinen Sie das genau?

"Wenn Hölle und Teufel wegfallen, was kann mir noch passieren, wenn ich sündige?"

Heimerl: Sagen wir mal so: Die mittelalterliche Pastoralmacht, wie Michel Foucault das so schön nennt, der Kirche beruht ja ganz stark darauf, dass ich eben sage: Das irdische Leben ist kurz und dann droht eben entweder die ewige Verdammnis oder das ewige Heil bei Gott im Himmel. Und die einzige Institution, die diesen Weg ins himmlische Heil, ins ewige Leben sozusagen gewährleisten kann, ist die Kirche. Und wer mich daran hindert permanent, indem er mich in Versuchung führt, das ist der Teufel. Und ich sage mal so: Wenn mir Hölle und Teufel wegfallen, stellt sich sehr rasch die Frage, wie wir natürlich auch gesehen haben dann im Zuge der Säkularisierung: Naja, was kann mir noch passieren, wenn ich sündige, wenn ich nicht den kirchlichen Geboten folge?

Beyrodt: Also man muss sich an die Gebote halten, um nicht in die Hölle zu kommen.

Heimerl: Im Grunde, für 90 Prozent der mittelalterlichen Menschen, können Sie davon ausgehen. Dass zunächst einmal ganz groß war, wirklich die Angst vor dieser sehr real inszenierten ewigen Verdammnis, die ja nicht einfach nur darin besteht, so wie das heute deutlich vorsichtiger gesagt wird, dass man in ewiger Gott-Ferne ist. Sondern da gab es ja wirklich den Teufel und seine Dämonen, die die Menschen auf wirklich sadistische Art und Weise quälen, und Feuertöpfe, wo man geschmort wird, und dergleichen. Und wenn ich das bei jedem Kirchgang vor Augen habe und in jeder Predigt höre, dann ist die Angst schon groß, dort zu enden.

"Eine ganz interessante Gestalt" 

Beyrodt: Sie schreiben in Ihren Aufsätzen sehr süffisant über den Teufel. Ich habe mir beim Lesen vorgestellt, diese Dame hatte wahnsinnigen Spaß daran, über den Teufel zu schreiben. Stimmt das? Jedenfalls ist der Schreibstil sehr süffisant.

Heimerl: Ja. Also ich finde, der Teufel ist eine ganz interessante Gestalt, eine sehr vielseitige Gestalt, die sehr viel aussagt auch über die jeweilige Zeit, in der er imaginiert wird. Ich finde, am Teufel und an dem, was man ihm zuschreibt, erschließt sich, finde ich, das mittelalterliche Christentum und die mittelalterliche Religiosität sehr, sehr schön – genauso, wie sich dann auch die Wandlung, die kulturelle und gesellschaftliche Wandlung, wenn ich mir den Teufel weiter ansehe - im 19. Jahrhundert vor allem, wo er ja dann wirklich wieder zum schönen, dunklen Engel wird und auch als solcher vorgestellt wird - wo ich das sehr schön nachvollziehen kann. Ich sage jetzt einmal etwas Provokantes: Es ist ein bisschen so wie in Ihrem Kasperletheater: Ohne Krokodil und ohne diese Teufelchen-Gestalt, die natürlich kindgerecht dann schon ist, wird das Ganze  langweilig.

Beyrodt: Diesen spielerischen Umgang mit dem Teufel, den man schon bei Goethe hat, den gibt es eigentlich immer noch: die Fernsehserie "Lucifer", ein schöner, dunkler Mann ...

Fresko mit Engel und Teufel, Atotonilco, Mexico. (imago / Danita Delimont)Fresko mit Engel und Teufel, Atotonilco, Mexico. (imago / Danita Delimont)

Heimerl: Genau.

Beyrodt: Gleichzeitig redet der Papst immer noch vom Teufel und meint es als einen großen Ankläger. Leben diese Serienmacher und der Papst in völlig unterschiedlichen Welten?

Strukturen des Bösen statt böser Personen

Heimerl: Ja. Ja. Also ich glaube, das kann man ganz nüchtern feststellen. In der medialen Welt der westlichen Hemisphäre ist der Teufel einfach ein ganz interessantes, auch wirksames – wie man an dieser Serie und anderen Produktionen und Produkten sieht – ein hochwirksames Asset, mit dem man arbeiten kann, weil eben diese Ambivalenz solche Figuren auch interessant macht, weil man durchaus auch auf eine Tradition zurückgreifen kann, wissend aber, dass die Zuseherinnen und Zuseher das nicht mehr ganz so ernst nehmen. Das ist die eine Seite. Und die andere, die wir jetzt auch wieder bei Papst Franziskus sehen, ist schon auch die – und ich denke, das muss man schon auch in Blick auf die katholische Kirche, die ja eine Weltkirche ist, ernst nehmen -, dass außerhalb Europas, denke ich – oder vielleicht in bestimmten Kreisen in Europa – der Teufel tatsächlich auch noch weit mehr als bei uns als ernstzunehmende Realität, als Bedrohung gesehen wird. Und ich meine, dazwischen ist die theologische, durchaus westliche Rede anzusiedeln, wo man jetzt weniger vom Teufel vielleicht als Person – womöglich noch mit Hörnchen oder dergleichen – spricht, sondern eher von einer Personifikation von Strukturen des Bösen.

Beyrodt: Im Alltag, würde ich denken, glauben die meisten Menschen in Mitteleuropa nicht mehr an den Teufel.

Heimerl: Genau.

"Der mittelalterliche Mensch konnte das Böse leichter bewältigen"

Beyrodt: Da gibt es nur ein Problem: Das Böse gibt es ja trotzdem. Es gibt mindestens böse Handlungen und Taten. Frau Heimerl, fehlt uns eigentlich etwas ohne den Teufel?

Heimerl: Ich würde es so formulieren: In gewisser Weise war das mittelalterliche Weltbild mit dem Teufel, der für alles verantwortlich war, bedeutend einfacher. Ja, ich glaube schon, dass es als mittelalterlicher Mensch leichter war in gewisser Weise, mit dem vielen Bösen, das mir begegnet auf allen Ebenen, umzugehen – mit der Vorstellung: Da steht jemand dahinter, da steht dieser Teufel dahinter und der tut mir das an. Oder der steht hinter bösen Menschen, die mir Leid zufügen.

Beyrodt: Während die theologischen Vorstellungen vom Teufel oder vom Bösen wesentlich komplizierter sind heute.

Heimerl: Ja. Genau. Also heute würde das so, vor allem in der westlichen Theologie, kaum jemand mehr in dieser mittelalterlichen Deutlichkeit formulieren, weshalb eben bei uns sehr gerne von diesen Strukturen des Bösen gesprochen wird, die aber wenig greifbar sind und, glaube ich, dieses heute sehr präsente Gefühl der permanenten Verunsicherung hervorrufen. Strukturen sind ja nicht so erfassbar und greifbar, Strukturen des Bösen. Und ich kann das im Grunde auf fast alles anwenden: Für die einen ist der Kapitalmarkt eine Struktur des Bösen, für die anderen ein bestimmtes politisches System. Das ist bei weitem nicht so klar, wie es die Figur des Teufels über Jahrhunderte war.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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