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StartseiteAus Kultur- und SozialwissenschaftenWas sagen andere Kulturen zum Bösen?15.08.2019

KulturgeschichteWas sagen andere Kulturen zum Bösen?

Was für eine Gesellschaft böse ist, hängt von ihren kulturellen und religiösen Vorstellungen und Werten ab. Nicht christliche Kulturen haben völlig andere Vorstellungen davon. Einige nutzen Masken, um das Böse zu bannen - und sehen das mehr als eine kollektive Aufgabe an.

Von Mirko Smiljanic

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Nō-Maske hannya (Eifersuchtsdämonin): eine durch Liebesleid oder Eifersucht in einen Rachegeist verwandelte Frau (© Übersee-Museum Bremen, Matthias Haase )
Nō-Maske hannya (Eifersuchtsdämonin): eine durch Liebesleid oder Eifersucht in einen Rachegeist verwandelte Frau (© Übersee-Museum Bremen, Matthias Haase )
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Die Faszination des Bösen Von Tätern, Opfern und Endorphin-Junkies

Wer über die breite Freitreppe das Foyer des Übersee-Museums Bremen betritt, spürt fast körperlich das Motte des Hauses: "Faszination. Ferne." Im ersten Lichthof des Völker-, Handels- und Naturkundemuseums – so sein offizieller Titel – empfängt den Besucher links ein Auslegerboot aus Papua-Neuguinea, dahinter ragen riesige Hareiga Masken bis ins obere Stockwerk. Rechts steht das originalgroße Modell eines auftauchenden Buckelwals, daneben ein begehbares Blauwalherz. Geradezu schimmert eine Weltkugel im Scheinwerferlicht. 1,2 Millionen Exponate verteilt auf 10.000 Quadratmetern Ausstellungsfläche beherbergt das Übersee-Museum.

Symbolbild zum Thema häusliche Gewalt: Schatten sollen symbolisieren, wie eine Frau versucht, sich vor der Gewalt eines Mannes zu schützen. (Picture Alliance / dpa / Maurizio Gambarini) (Picture Alliance / dpa / Maurizio Gambarini)Faszination des Bösen / Angst und Schrecken verbreiten und erleben
Sommerreihe: Das Böse übt seit jeher eine große Faszination auf die Menschen aus. Unterschiedliche Kulturen gehen anders damit um. Und natürlich ist wird dies auch in den Kultur- und Sozialwissenschaften immer wieder thematisiert.

Und es hat etwas, was in Deutschlands Museumslandschaft selten ist: ein öffentliches Schaumagazin mitAusstellungsstücken, für die sich in der offiziellen Ausstellung kein Platz mehr fand. Über drei Etagen reiht sich in einem Sondertrakt Glasvitrine an Glasvitrine voller ethnologischer Highlights. Vor einer steht Stephanie Walda-Mandel, Sachgebietsleiterin Ozeanien und Amerika.  

"Ozeanien besteht ja aus Mikronesien, Melanesien und Polynesien, das sind fast 8.000 Inseln, die da zugehören. Und es ist einfach eine unglaubliche kulturelle Vielfalt an Sprachen und Menschen. Und das ist etwas ganz besonderes in Ozeanien."

Ozeanien ist ein Forschungsparadies für Ethnologen

Ozeanien ist für Ethnologen ein Forschungsparadies. Wobei Stephanie Wanda-Mandel sich besonders für die Vorstellungen und Praktiken rund um das Böse interessiert – also den negativen und schädlichen Aspekten einer Gesellschaft. Was genau stellen sich die Bewohner Ozeaniens unter dem Bösen vor? Gibt es möglicherweise ein Grundmuster, das für alle fremden Kulturen gilt?

Giebelmaske vom Sepik in Papua-Neuguinea (© Übersee-Museum Bremen / Volker Beinhorn)Giebelmaske vom Sepik in Papua-Neuguinea (© Übersee-Museum Bremen / Volker Beinhorn)

"Es ist so, dass Menschen sich immer schon mit dem Bösen auseinandersetzen mussten. Und ich denke, was vielleicht alle Kulturen eint, ihr größter gemeinsamer Nenner, ist, dass alle Kulturen Strategien und Praktiken entwickelt haben, das Böse abzuwehren. Oder es für sich auch negativ zu nutzen, um anderen zu schaden. Oder es vielleicht auch in etwas Gutes zu verwandeln. Und ich denke, das ist etwas, was den meisten Kulturen gemein ist."

Womit deutlich wird: Verglichen mit christlich geprägten Gesellschaften haben fremde Kulturen einen anderen Umgang mit dem Bösen entwickelt. Die im Westen allgegenwärtigen Begriffspaare Gut und Böse, Himmel und Hölle kommen in der ursprünglichen Gedankenwelt fremder Völker kaum vor. Renate Noda, Abteilungsleiterin Völkerkunde am Überseemuseum Bremen und Sachgebietsleiterin Asien:

Gut und Böse, Himmel und Hölle gibt es fast nur im Christentum

"Ich würde sagen, dass es diesen Widerspruch oder diesen Unterschied oder Kontrast zwischen Gut und Böse, wie wir es hier aus dem Christentum oder im Westen oft verstehen, gar nicht gibt."

Erst Missionare haben diese Vorstellungen mehr oder minder gewaltsam eingeführt – auf Papua-Neuguinea in Ozeanien waren es vor allem Deutsche. Präzise abgegrenzte Verhaltensweisen – vergleichbar mit den Definitionen des Deutschen Strafgesetzbuches – gibt es in der Welt fremder Kulturen nicht.

"Wenn ich gerade zu vielen Objekten aus Afrika arbeite, dann ist es eher so, dass es Objekte sind, die eine Kraft in sich haben, und man dann auch merkt, diese Kraft kann entweder gut oder böse agieren, je nachdem wie sie sich positioniert. Aber sie ist nicht, wie das im Christlichen sehr gerne gemacht wird, so in zwei Seiten, das Gute und das Böse ist dann der Teufel."

Gut und Böse sind doppeldeutig, so Silke Seybold, Sachgebietsleiterin Afrika. Die Göttin Kali steht im Hinduismus sowohl für Tod und Zerstörung, als auch für Erneuerung. Zeigt Kali ihre sanfte Seite, heißt sie Durga. Vergleichbares gibt es auf Bali. Dort kämpft die gute Hexe Barong gegen die böse Hexe Rangda. Egal wie heftig sie streiten, nie gibt es eine Siegerin, Gut und Böse halten sich die Waage, sind zwei Seiten derselben Medaille.

Völlig fremd ist diese Sichtweise auch dem Westen nicht. "An sich ist nichts weder gut noch böse, das Denken macht es erst dazu", lässt William Shakespeare Hamlet sagen.

Giebelmasken schützen auf Papua Neuguinea vor Schadenszauber

Wie aber sieht der Umgang mit dem Bösen in Ozeanien auf Papua-Neuguinea konkret aus? Stephanie Walda-Mandel geht zu einer Vitrine im Schaumagazin und zeigt auf eine Holzmaske mit weich verlaufenden Linien und großen konzentrischen Augen. Für uns sind es schöne Masken, die allerdings nur am Rande dekorativen Zwecken dienen.

Im Vordergrund das Cover von Bartholomäus Grills "Wir Herrenmenschen", das mit Palmblättern illustriert ist, im Hintergrund ein Palmblatt vor dunkler Fläche. (Siedler Verlag/ Unsplash/ Vesela Vaclavikova) (Siedler Verlag/ Unsplash/ Vesela Vaclavikova)Buchtipp: Bartholomäus Grill / "Wir Herrenmenschen"
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"Diese Masken heißen Giebelmasken, das heißt, sie sind an der Front eines Männerhauses am mittleren Sepik angebracht."

"Der Sepik ist ein Fluss auf Papua-Neuguinea"

"Und sie schützen die Menschen. Diese Giebelmasken verkörpern im Prinzip eine mythische Urzeitfrau, das ist ganz wichtig! Die Männerhäuser sind ja in Neuguinea das rituelle Zentrum eines Dorfes. Und Männerhäuser haben ein Geschlecht, sie sind weiblich, sie sind auch lebendig. Und durch diese Giebelmasken kann das Haus wie durch Augen sehen."

Wobei man sich diese Masken nicht als virtuelle Überwachungskameras vorstellen darf, die registrieren, wer etwa auf den Eingang zusteuert. Die großen Augen der mythischen Urzeitfrau erkennen vielmehr Schadenszauber.

Die Gruppe ist wichtiger als der Einzelne

"So ein Schadenszauber kann ausgelöst werden durch andere Menschen, aber auch, ganz wichtig, auch durch Ahnen und Geistwesen. Und zu diesen Ahnen und Geistwesen haben Menschen ein ganz ambivalentes Verhältnis, ein bisschen Furcht auch. Und man versucht, sie nicht zu erzürnen, damit diese Ahnen und Geistwesen ihre böse Macht nicht sprechen lassen. Diese Ahnen und Geistwesen können einen solchen Einfluss auslösen, dass praktische böse Mächte auf den Menschen einwirken. Dadurch können zum Beispiel Ernten vernichtet werden, was existenzbedrohend ist, Krankheiten, die bis zum Tode führen, generell Unheil können dadurch ausgelöst werden. Und davor sollen diese Masken schützen."

Wenn das Böse in Erscheinung tritt, auch ausgelöst durch ein Individuum, steht immer die Gruppe, die Familie oder das Dorf im Mittelpunkt. Der Einzelne spielt eine untergeordnete Rolle.

"Es sind ja Familienclans, so nennt man das auch in der Ethnologie. Und es geht immer sehr, sehr stark um die Gruppe. Mein Tun als Individuum hat immer Auswirkungen auf die Gruppe."

In eine vergleichbare Richtung, bei genauem Hinsehen aber doch wieder anders, steuert die Gedankenwelt der Ewe, einer Ethnie aus dem südlichen Grenzbereich von Togo und Ghana. Silke Seybold, Sachgebietsleiterin Afrika, steht vor einer Vitrine im Schaumagazin des Übersee-Museums Bremen und zeigt auf kleine, unscheinbare Figuren. 

"Das sind so Tonklumpen, dann sind Kauris drauf, das könnten Augen sein, es könnte aber auch was anderes sein. Manches ist menschlich, manches eher tierisch. Man fragt sich, was ist das? Das sind Legbawo."

Legbawo vermitteln zwischen Mensch und Gott

Legbawo sind in der Vorstellungswelt der Ewe Vermittler zwischen dem höchsten Gott und ihnen. Gott selbst hat den Kontakt zu den Menschen abgebrochen, weil sie nicht seinen Geboten gefolgt sind. Allerdings hat er Kräfte eingesetzt, die statt seiner mit den Menschen kommunizieren.  

"Und diese Kräfte, die haben sich unter anderem auch in solchen Figuren manifestiert. Da gab es ganz unterschiedliche, da gab es große, die am Weg irgendwo standen oder auch am Eingang zu einem Dorf. Es gab welche, die waren kleiner, die standen an den Eingängen von den Gehöften. Oder noch kleinere, die an den Eingängen zu den Häusern zu finden waren."

Antworten auf Fragen nach dem Umgang mit individueller Schuld sind das allerdings nicht. Was geschah mit jemandem, der seinen Nachbarn im Streit erschlug? Zunächst einmal suchte die Gemeinschaft nach einem Ausgleich. Der Täter musste je nach Schwere der Schuld der Opferfamilie etwas zahlen. Viel mehr geschah mit dem Täter, wie wir heute sagen würden, auch deshalb nicht, weil Menschen in vielen fremden Kulturen davon ausgehen dass ohnehin nach dem Tod abgerechnet wird. Im frühen Buddhismus Indiens, Japans und Chinas lässt sich das gut nachzeichnen.

Persönliche Schuld wird im Jenseits abgerechnet

"Wenn man verstirbt, kommt man in die Unterwelt vor einen Richter, der dann urteilt, ob man überwiegend gute Taten vollbracht oder schlechte. Und je nach dem kommt man unterschiedlich lang in eine spezielle Hölle, je nach dem, was man verbrochen hat."

Eine Vorstellungswelt, die zumindest teilweise christlich geprägt zu sein scheint, so Renate Noda, Abteilungsleiterin Völkerkunde am Überseemuseum Bremen und Sachgebietsleiterin Asien. Das Christentum als Impulsgeber für den Umgang mit dem Bösen im Buddhismus? Nein. Durchaus möglich, dass es umgekehrt war.

"Es hat wohl auch Beziehungen gegeben, dass Christen und Buddhisten sich in Ägypten begegnet sind und sich auch gegenseitig beeinflusst haben. Auch der Rosenkranz ist so eine Frage, wer hat wen beeinflusst, woher kommt der Rosenkranz zum Beispiel."

Versucht man einen Vergleich zwischen den Antworten auf das Böse fremder Kulturen und christlich geprägter Gesellschaften, ist es vielleicht dieser: Das Christentum orientiert sich am Individuum, fremde Kulturen am Kollektiv.

Blick auf den Ozeanien-Bereich im Überseemuseum Bremen (© Übersee-Museum Bremen / Matthias Haase)Blick auf den Ozeanien-Bereich im Überseemuseum Bremen (© Übersee-Museum Bremen / Matthias Haase)Über das Übersee-Museum Bremen:
 Das Übersee-Museum Bremen ist außerhalb der Bremer Schulferien Dienstag  bis Freitag von 9 bis 17 Uhr sowie Samstag und Sonntag von 10 bis 17 Uhr geöffnet. Es bietet neben ständigen und wechselnden Ausstellungen auch eine Reihe von Veranstaltungen und Workshops.

Ort: Bahnhofsplatz 13, 28195 Bremen
Eintrittspreise: 7,50 Euro Erwachsene; 6,50 Euro Senioren; 3,00 Euro ermäßigt; Kinder bis 5 Jahre frei

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