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StartseiteCorsoWie der Wolf zum Bösen kam28.10.2016

KulturgeschichteWie der Wolf zum Bösen kam

Der Gruselfaktor des bösen Wolfs hat nicht nur an Halloween Hochkonjunktur. Auch in der der Popkultur taucht das Tier immer wieder auf: im Film, in Romanen und Songs. Doch woher kommt das schlechte Image?

Petra Ahne im Corso-Gespräch mit Adalbert Siniawski

"Werewolf of London" von 1935  ist der erste Mainstream-Werwolf-Film aus Hollywood (imago stock&people/WHA)
"Der Werwolf von London" aus dem Jahr 1935 ist der erste Werwolf-Film aus Hollywood (imago stock&people/WHA)
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Adalbert Siniawski: Der Mensch und der Wolf - das ist eine Beziehung, die uns Menschen seit Jahrhunderten in den Bann zieht. In der Popkultur spielten der mystische Wolf und das streunende Rudel eine große Rolle. Etwa im frühen Hollywood-Horrorstreifen "Der Wolfsmensch" aus dem Jahr 1941 von George Waggner. 1982 verwandelte sich Michael Jackson zum Werwolf im Musikvideo zu seinem Hit "Thriller". Und erst kürzlich reaktivierte Regisseur Christian Petzold im Film "Wölfe" in der Reihe Polizeiruf 110 die Klischees. Wie ist der Wolf in unserer Kulturgeschichte zu diesem Image gekommen? Das wollte die Journalistin und Literaturwissenschaftlerin Petra Ahne wissen und hat die Wölfe in einem kleinen, lesenswerten Buch portraitiert. Petra Ahne, schönen guten Tag nach Berlin!

Petra Ahne: Guten Tag.

Das Unkontrollierbare, Triebhafte, Beängstigende

Siniawski: Welche Darstellung des Wolfes in der Kunstgeschichte oder der Popkultur finden Sie besonders interessant?

Ahne: Da ist es schwer, an einem Punkt anzufangen. Der Wolf, der stolziert ja durch die Literatur- und Kunstgeschichte seit Jahrtausenden. Also man kann in der Literaturgeschichte anfangen bei Ovid: Das war eigentlich so der erste "Werwolf" in den "Metamorphosen". Also das, wofür der Wolf immer stand, das hat sich eigentlich nicht geändert. Er war immer so das Außerhalb. Er stand für die Natur, für das Unkontrollierbare, Triebhafte, irgendwie Beängstigende. Das hat sich nicht geändert.

Was sich ändert und was ich sehr spannend finde, ist, wie das besetzt ist, diese Natur. Also es war ja die meiste Zeit etwas Furchterregendes, und daher hat der Wolf auch sein furchterregendes Image bekommen, das sich auch bei jedem von uns schon seinen Platz gesucht hat in der Fantasie, mit dem Rotkäppchen zumindest. Jetzt aber ändert sich das. Und das finde ich jetzt gerade wirklich auch eine aufregende Entwicklung.

Die Erzählung von Rotkäppchen

Siniawski: Ja, genau! Kommen wir vielleicht kurz zurück zum Rotkäppchen, weil Sie schon sagen: Die Angst vor dem Wolf und dem Bösen ist uns ja dann schon quasi mit dem Märchen in die Wiege gelegt. Hat diese Erzählung einen großen Einfluss auf uns? Wie wir über den Wolf denken? Also Charles Perrault und die Brüder Jacob und Wilhelm Grimm haben das ja befördert.

Ahne: Ja, ich denke schon. Wobei das Rotkäppchen, das die Brüder Grimm uns ja vermittelt haben, ja nur quasi schon die Ur-Ur-Enkelin eines sehr frühen Rotkäppchens - wobei damals hatte es noch keine rote Kappe - eines sehr frühen Mädchens ist, das auch zu Anfang, im 16. Jahrhundert, einem Werwolf begegnet ist. Und das hat sich dann immer weiter fortgesetzt und wurde auch immer mehr zurechtgestutzt zu so einer pädagogischen Handreichung. Und natürlich sitzt das noch immer irgendwo.

Also ich habe auch bei meinen Recherchen Wolfsmanager, das sind die Menschen, die jetzt so das Verhältnis Mensch-Wolf ins Lot bringen sollen, gesprochen. Die sagen, also Rotkäppchen ist das, ist das Allerschlimmste. Und das lesen Sie ihren eigenen Kindern nicht vor. Ich weiß nicht, ob man das so sehen muss. Für mich selber war das Rotkäppchen, der Wolf war immer so ein abstrakter Wolf, der … aber natürlich hat das einen Einfluss, klar.

Grenzüberschreitung in den Bereich des Menschen

Siniawski: Er steht für die dunkle Seite, die man nicht betreten darf, ja?

Ahne: Ja, genau. Er ist immer so das Außerhalb, er ist das Dunkle und er hatte einfach in vergangenen Jahrhunderten auch das Zeug dazu. Also das muss man sich schon klar machen, dass er etwas Furchterregendes hatte. Er hat einfach Eigenschaften, die ihn den Menschen unbehaglich machen. Also er hat wie kein anderes Raubtier die Grenze zu dem Bereich, den der Mensch als seinen Bereich betrachtet, überschritten - und tut das noch. Also es gibt natürlich auch andere, oder gab andere Raubtiere in Deutschland und Europa, den Luchs und den Bären. Aber die waren nicht so unverfroren. Die haben nicht so frech die Grenze überschritten und sich auch geholt, was dem Menschen geholt, was dem Menschen gehört hat, die Nutztiere.

Der Wolf jagt im Rudel, das hat vielleicht auch noch so einen unheimlichen Faktor. Er hat auch Eigenschaften, die wir als unheimlich empfinden. Er jagt manchmal, oder er tötet mehr Tiere als er fressen kann. Also manchmal passiert das dann und dann liegen dann da die Kadaver herum. Er macht sich auch an Aas zu schaffen. Und das kann man sich auch schon vorstellen, dass das in früheren Jahrhunderten, wenn dann auf dem Schlachtfeld, die Wölfe, die über die Leichen gebeugt waren, dass das Angst gemacht hat und dass man das Gefühl hatte, dass dieses Wesen eine ohnehin schon fragile Ordnung ins Wanken bringt.

Der Wolf in der Bergpredigt

Siniawski: Sie haben auch von moralischen Grenzen gesprochen. Einer der Ursprünge liegt vermutlich vielleicht schon sogar in der Bergpredigt, ja? Jesus hatte ja da vor den falschen Propheten gewarnt, die in Schafskleidern kommen und in Wahrheit reißende Wölfe sind. Ist dieses Gleichnis der Grund, warum sich diese Verknüpfung, Wolf gleich böse gleich Sünde, in unseren Köpfen festgesetzt hat? Beziehungsweise auch schon in den früheren Jahrhunderten.

Ahne: Ja, also der Wolf hat sicher im Alten Testament schon eine wichtige so Nebenrolle gehabt. Er hat so dieses klassische Bild der christlichen Ideengeschichte einfach so um den Bösewicht noch vervollständigt. Hirte, Schaf, Wolf. Also erst mit dem Wolf konnte das Schaf so zu dem folgebereiten Wesen werden, also sprich die christliche Gemeinde, die auch jemanden braucht, der sie beschützt. Und er hat diese Rolle dann auch immer stärker zugewiesen bekommen im Mittelalter, als die katholische Kirche dann sich den Werwolf so zu Eigen gemacht hat sozusagen und in ihr Personenarsenal aufgenommen hat.

Die Werwolfsprozesse

Siniawski: Genau. Und in der frühen Neuzeit, als die Hexenverfolgung ihren Höhepunkt erreichte, da wurden zwielichtige Männer in sogenannten Werwolfsprozessen hingerichtet. Wer waren diese Männer?

Ahne: Ja, ich finde das wirklich verwirrend. Der Werwolf ist wirklich eine  verwirrende Gestalt, insofern als man sich klar machen muss: Was ist das eigentlich? Sind das die Menschen, die dann umgebracht wurden in den Prozessen oder die dann zum Tode verurteilt wurden? Haben die sich selber für Werwölfe gehalten? Haben die diese Morde begangen, die ihnen angelastet wurden? Und vor allem, was haben echte Wölfe mit all dem zu tun? Also auch wenn man Prozessakten liest, ist das gar nicht so leicht auseinanderzudividieren, das ist so ein ganz dichtes Gewebe von Anschuldigungen. Und die sind ja auch unter Folter haben die ja auch dann gestanden.

Interessant ist ja auch die Erklärung, die sich die katholische Kirche zurechtgelegt hat, was denn ein Werwolf ist. Denn man konnte ja nicht sagen, dass ... also der war ja der Handlanger des Bösen, des Satans. Aber man konnte ja dem Satan nicht zugestehen, dass er in der Lage ist, ein Geschöpf zu schaffen. Dann wäre er ja Gott gleichgestellt. Also hat man gesagt, das ist eine Sinnestäuschung. Und zwar betrifft die alle. Betrifft den Menschen selber, der sich in den Werwolf verwandelt und betrifft alle Zeugen dieses Vorfalls und dieser Morde. Also es ist schon davon auszugehen, dass das Menschen waren, die da verurteilt wurden, die eher am Rand der Gesellschaft standen, und man hatte dann einfach die Gelegenheit, die ganz nach draußen zu befördern, indem man sie umgebracht hat.

Die Berserker in Wolfspelzen

Siniawski: Und andere wiederum haben sich das Bild vom Werwolf und diese Angst vor dem Werwolf geschickt zu Nutze gemacht, etwa Krieger auf der Seite der germanischen Stämme, die sich Wolfspelze ja umgelegt haben, um dann unerbittlich zu kämpfen und den Gegner damit einzuschüchtern.

Ahne: Ja genau, das ist auch eine ganz interessante Tradition, so dieser Wertiere. Also die gibt es ja  in vielen Kulturen, und der Werwolf ist ja nur eins von vielen. Genau, zum Beispiel die Berserker, die - in einem unheimlichen Furor muss das gewesen sein -, sind sie mordend herum gezogen, außerhalb jeder Gesellschaftsordnung. Und um quasi das noch zu legitimieren, diese Wildheit, diese Aggression, haben sie sich Wolfs- oder Bärenpelze umgelegt. Also das ist quasi eine aus Sicht dieser jeweiligen Krieger eine positive Besetzung dann dieses wilden Images. Und das kann man eigentlich bis in der Tradition kann man dann eigentlich sogar bis zu den Nationalsozialisten gehen, die ja auch den Wolf bewundert haben.

Der Wolf im Nationalsozialismus

Siniawski: Und zwar zum Beispiel in der paramilitärischen Organisation "Werwölfe" von Heinrich Himmler.

Ahne: Genau. Die wurde 1944 gegründet und sollte das Vorrücken der Alliierten stoppen. Genau. Aber auch Goebbels hat schon 1928 mit so Wolfsbildern gearbeitet: "Und wie so wie ein Wolfsrudel brechen wir ein und holen uns die Schafe", so sinngemäß. Also dieses Wilde, Aggressive, verbunden mit Eigenschaften, die auch Ideal des faschistischen Staats waren, so die Bereitschaft sich unterzuordnen, wehrhaft zu sein, treu, loyal. Das haben die alles dem Wolf zugeschrieben. Also den haben die auch benutzt, um so ihr eigenes Bild zu schärfen.

Der fürsorgliche Wolf im "Dschungelbuch"

Siniawski: Das Bild vom fürsorglichen Wolf, das gibt es allerdings auch, etwa in der mythologischen Geschichte von Romulus und Remus, die von einer Wölfin gesäugt wurden. Oder etwa zeitgenössisch-popkulturell im "Dschungelbuch", wo Mogli ja auch von, oder beziehungsweise bei Wölfen lebt. Wie passt das wiederum zusammen?

Ahne: Ja also diese beiden Stränge gab es schon immer. Nur der des fürsorglichen Wolfs konnte dich nicht so ganz durchsetzen. Also es gibt einige so Ursprungsmythen, da ist der Wolf ganz am Anfang eben auch bei Romulus und Remus. Dieser kurze Exkurs in die Wildnis zum Wolf hat dann dazu beigetragen, diesen Staat gründen zu können. Und, ja Mogli hat sich ganz zu großen Teilen gespeist aus dem Glauben, den es in Indien immer noch teilweise gibt, dass Wölfe Kinder großziehen, was eigentlich kein seriöser Wissenschaftler mehr glaubt. Aber das hält sich da ganz hartnäckig. Und, ja, dieses Bild des fürsorglichen Wolfs.

Siniawski: Vielleicht in Teilen.

Ahne: Ja, ist eigentlich eins, was jetzt wiederbelegt wird. Jetzt wo der Wolf eher so wieder als Sinnstifter gesehen wird von vielen Menschen.

Siniawski: Ja. Und trotzdem. Werden diese Bilder vom bösen Wolf, vom furchteinflößenden Werwolf in der Popkultur auch weiterhin tradiert, weil es so schön gruselig ist?

Eine Umdeutung des Wolfes ist im Gange

Ahne: Das kann schon sein. Also ich habe mir jetzt nicht so viele Werwolfs-Filme angesehen angeschaut in meiner Recherche, weil ich die immer so gruselig finde. Die kosten ja immer diese buchstäbliche Verwandlung sehr aus, die ja eigentlich in dem ursprünglichen Werwolf, wie ich gerade erklärt habe, gar nicht passiert.

Also ich merke aber schon, dass es da eine Ablösung gibt. Also ich finde sehr spannend, dass der Wolf verwendet wird. Ja, dass er wieder in … dass er nicht nur buchstäblich nach Deutschland zurückkommt, sondern auch in unseren Geschichten, in unserer Fantasie wieder Einzug erhält. Und das ist ja wirklich sehr deutlich gerade zu beobachten in Romanen, in Filmen. Sie haben ja eben den "Polizeiruf" erwähnt von Petzold. Den Roman von Roland Schimmelpfennig, das … "Wild" von Nicolette Krebitz, der Film. Und da ist aber schon eine Umdeutung im Gange. Also das ist nicht mehr der unheimliche Wolf. Das ist etwas Neues. Er ist auch so ein bisschen so ein Versprechen, so eine Verheißung, das ist spannend zu beobachten.

Siniawski: Der Mensch und der Wolf nähern sich vielleicht wieder an. Petra Ahne, Autorin des Buches "Wölfe - Ein Porträt". Es ist erschienen im Verlag Matthes & Seitz. Ihnen danke für das Gespräch.

Ahne: Sehr gerne.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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