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StartseiteKultur heuteNotfallpläne für das libanesische Nationalmuseum04.06.2015

Kulturgüter schützen im KriegNotfallpläne für das libanesische Nationalmuseum

Die Terrormiliz IS hat mit der Zerstörung von historischen Kulturgütern im Irak und in Syrien gezeigt, wie verletzlich das kulturelle Erbe der Menschen ist. Das libanesische Nationalmuseum in Beirut, dessen Kunstschätze selbst den 15-jährigen Bürgerkrieg überstanden, bereitet sich auf die neue Lage vor.

Von Juliane Metzker

Christliche und muslimische Geistliche beten zum 40. Jahrestag des Ausbruchs des Bürgerkriegs im Libanon gemeinsam vor dem Nationalmuseum in Beirut. (dpa / EPA / Wael Hamzeh)
Christliche und muslimische Geistliche vor dem Nationalmuseum in Beirut. (dpa / EPA / Wael Hamzeh)
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Einst verlief vor dem Nationalmuseum in Beirut eine Todeszone. Heute liegt der kolossale Art-Déco-Bau an einer viel befahrenen Kreuzung. Keine dreißig Jahre früher lauerte hier der Tod aus den Gewehrmündungen der Scharfschützen. Im libanesischen Bürgerkrieg riss die sogenannte Green Linie, die Demarkationslinie, Ost- und Westbeirut auseinander; das Museum mitten drin.

Dass seine Kunstschätze den Krieg fast unbeschadet überstanden, grenzt nicht an ein Wunder, sondern ist einem starken Willen zu verdanken. Museumsdirektorin Madame Anne-Marie Afeiche lädt ein zu einer Tour durch das "Mathaf" - einem der bedeutendsten und standhaftesten Museen im Nahen Osten. "Willkommen im Nationalmuseum in Beirut. Dieses Museum ist ein Nationalmuseum, da unsere Sammlung nur aus der Region des Libanons stammt. Und es ist ein archäologisches Museum mit Objekten aus prähistorischer Zeit bis zur osmanischen Ära im 18. Jahrhundert."

Madame Anne-Marie Afeiche (Juliane Metzker)Madame Anne-Marie Afeiche (Juliane Metzker)

Einschusslöcher in den Wänden

Die Glastüren öffnen automatisch, dahinter liegt eine sandsteinfarbene Halle, in der sich über zwei Etagen eine Sammlung von unschätzbarem Wert verteilt. Darunter der Sarkophag des Phönizierkönigs Ahiram aus dem zehnten Jahrhundert vor Christus. Die Inschrift darauf gilt als eine der ersten Überlieferungen des phönizischen Alphabets. Auch er überstand den fünfzehnjährigen Bürgerkrieg fast unbeschadet: "Das Museum war wegen des Krieges von 1975 bis 1991 geschlossen. Denn es lag zwischen den Zonen der kämpfenden Milizen. Viele Kämpfer verschanzten sich im Museum und lebten sogar hier."

Wer genau hinsieht, findet sie noch, die Spuren des Krieges. Die Fassade des Museums wurde in den Neunzigerjahren zwar renoviert, doch hier und da sind deutlich Einschusslöcher zu erkennen. In einem Wandmosaik prangt ein tellergroßes Loch. Dort hatte sich ein Scharfschütze verschanzt. Makaber, denn das Mosaik trägt den Namen "Der Gute Hirte" und zeigt eine Allegorie auf Jesus Christus im Paradies."Das war eine strategisch vorteilhafte Position für den Scharfschützen. Von hier aus überblickte er ein weites Feld vor dem Museum und tötete viele Menschen. Es war deshalb sehr gefährlich, die sogenannte Museumspassage zu überqueren."

Große Kunstschätze einbetoniert

Dass nicht noch größerer Schaden im Museum entstand, ist dem damaligen Museumsdirektor Maurice Shehab zu verdanken. Die kleinen Kunstschätze mauerte er in Holzkisten im Museumskeller ein. Die großen Objekte versuchte er erst mit Sandsäcken und Holzplanken zu schützen, doch die Milizen konnten die Materialien gut gebrauchen und bedienten sich davon. "Deshalb hatte Maurice Shehab eine fantastische Idee für die großen Objekte, die er nicht bewegen konnte. Er zog große Betonmauern um sie herum hoch. Es war für uns eine große Überraschung, als wir uns 1996 entschieden, diese Betonblöcke endlich zu öffnen."

Kultur trotzt dem Krieg - eine heute eher rare Erfolgsgeschichte im Nahen Osten vor dem Hintergrund der Kulturzerstörungen durch den sogenannten IS. Aufgrund der geografischen Nähe reagieren auch die Museen und Kultureinrichtungen im Libanon auf die mögliche erneute Gefährdung. Sie arbeiten mit den libanesischen Sicherheitsdiensten und mit Interpol zusammen, um geschmuggelte Kunstschätze aus Irak und Syrien an der Grenze abzufangen. Und neue Notfallpläne müssen her. Die alten sind nicht mehr up to date. "Das Nationalmuseum hatte damals nicht mit Kulturvandalismus zu kämpfen. Es war Bürgerkrieg. Das ist sehr verschieden. Heute sind wir uns über die Problematik in der Region bewusst und werden unser Bestes geben, um im Notfall wieder richtig zu handeln."

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