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StartseiteKultur heuteKulturminister vertagen Bestätigung17.12.2020

Kulturhauptstadt ChemnitzKulturminister vertagen Bestätigung

Das Auswahlverfahren der Europäischen Kulturhauptstadt 2025 steht in der Kritik. Die Kulturminister der Länder haben die Entscheidung für Chemnitz daher noch nicht offiziell bestätigt - sie wollen vorher mit der Kulturhauptstadt-Jury sprechen. Um den Titel fürchten muss Chemnitz aber wohl nicht.

Von Tobias Krone

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Über dem Opernhaus Chemnitz leuchtet ein farbenfrohes Feuerwerke am nächtlichen Himmel. (imago images / HärtelPRESS)
Freude in Chemnitz: Ende Oktober schlug die europäische Jury Chemnitz als Kulturhauptstadt 2025 vor (imago images / HärtelPRESS)
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Offenbar hat es etwas länger gedauert als erwartet, bis sich die Ministerinnen und Minister der Bundesländer nach ihrer Schalte am Mittwochnachmittag auf einen gemeinsamen Text für die Öffentlichkeit einigen konnten, doch dann um halb acht steht er: Ja, man will noch einmal Anfang Januar mit der Kulturhauptstadt-Jury sprechen - und nein, auch die Kulturpolitik steht zu Chemnitz als Siegerin. Einen Tag später gibt sich der bayerische Kunstminister Bernd Sibler von der CSU sehr zufrieden:

"Ich denke, das ist die echte Gelegenheit, dass die Fragen, die im Raum stehen, beantwortet werden. Und das glaube ich, sind wir als diejenigen, die jetzt entscheiden müssen, auch der Öffentlichkeit und allen Beteiligten schuldig. Deshalb bin ich auch ausgesprochen zufrieden, dass wir das nicht einfach durchwinken, sondern dass die Dinge, die im Raum stehen, noch einmal durchleuchtet und durchdacht werden."

Damit meint Sibler, der auch Vorsitzender der Kulturministerkonferenz ist, vor allem die Vorwürfe gegenüber der Jury: Diese habe eine allzu große Nähe zu Menschen, die immer wieder Bewerberstädte beraten. Zuerst berichtete die Süddeutsche Zeitung darüber. Vor allem ein Punkt im geplanten Chemnitzer Kulturhauptstadtprogramm wirft Fragen auf: So soll eine Friedens-Fahrradtour ins tschechische Pilsen just in einem Kulturzentrum enden, das das Mitglied der Auswahljury Jiří Suchánek leitet. Auf Anfrage erklärt Suchánek, er habe mit der Planung der Fahrradtour nichts zu tun.

Auswahl mit "Geschmäckle"

Unabhängig von ihrem Inhalt hat die Angelegenheit ein Geschmäckle - befand der CSU-Kulturpolitiker im Bundestag Michael Frieser vor einer Woche gegenüber dem Deutschlandfunk:

"Dass es dort zu einem Projekt kommt, das ja auch nicht ganz billig wird, das ist etwas, was einen, wenn man Verantwortung für Steuergelder übernimmt, doch zumindest etwas verunsichert und den Prozess in einem fragwürdigen Licht erscheinen lässt."

In Chemnitz wollte man sich bisher zu den Vorwürfen nicht äußern - auch nicht dazu, ob der Berater des Teams, der gut bekannt ist mit Jiří Suchánek, die Tour bewusst zum Kulturzentrum nach Pilsen geplant hat, um einen Vorteil zu erreichen.

Gespräch mit der Jury geplant

Nun bietet die Jury für Anfang Januar der Kulturministerkonferenz ein Gespräch an. Auf der Liste der Länder dürfte auch die Frage stehen, ob da jemand der Jury nicht genau genug auf die Finger geschaut hat. Für den bayerischen Kunstminister Bernd Sibler steht fest:

"Das Verfahren und die Besetzung der Jury wird von der Europäischen Kommission geleitet, und genau da müssen die Konsequenzen auch gezogen werden, wenn es denn sein muss."

Die Kommission hatte sich in den vergangenen Wochen bei der Bewertung der Vorwürfe zurückgehalten. Sie verwies lediglich darauf, dass sie davon ausgehe, dass sich Jury-Mitglieder an die Compliance-Regeln hielten, die sie alle unterschrieben hätten.

Aus der Szene der Berater*innen, die Städte bei Kulturhauptstadtbewerbungen unterstützt, ist zu hören, die Vorwürfe zu großer Nähe seien überzogen. Der Markt an fachkundigem Personal sei eben überschaubar - da sei es nichts Besonderes, dass immer wieder die gleichen Namen als Berater*innen zu entdecken seien. Es sei nicht zuletzt die bayerische CSU, die aus Neid die Debatte vorantreibe, weil das bayerische Nürnberg nicht gewonnen habe.

"WANDELGANG" des niederländischen Künstlerkollektivs Observatorium ist eine Art Brücke über eine Straße. Das Werk ist Teil des Kunstprojekts "Gegenwarten/Presences" im öffentlichen Raum in Chemnitz und ist eine wichtige Etappe bei der Bewerbung als Kulturhauptstadt 2025. (imago images / Sylvio Dittrich) (imago images / Sylvio Dittrich)Undurchsichtiges Auswahlverfahren Ehrlicher Wettbewerb oder Vetternwirtschaft – was steckt hinter den Vorwürfen rund um die Vergabe des Titels "Europäische Kulturhauptstadt"? Besteht tatsächlich eine zu enge Verbindung zwischen Beratern und Jury? 

Tatsächlich waren die Reaktionen aus anderen Städten und Bundesländern über die Vorwürfe deutlich leiser als diejenigen, die aus Bayern zu hören waren. Bayerns Kunstminister Bernd Sibler war es auch, der das Thema auf die Tagesordnung der Kulturministerkonferenz brachte. Das habe er aber nicht in bayerisch-parteipolitischer Absicht getan, beteuert Sibler:

"Es gab eine Reihe von Kolleginnen und Kollegen aus dem Ministerkreis, die hier ähnliche Fragen gestellt haben. Es geht natürlich auch um Chemnitz, dass hier nicht ein falscher Eindruck stehen bleibt, dass der Titel in Frage zu stellen sei. Jeder hat das Recht auf ein transparentes Verfahren, die Gewinner wie die Verlierer."

"Chemnitz ist die Siegerstadt"

Am Ende des Gespräches mit der Jury wird voraussichtlich die offizielle Ernennung durch die Kulturministerkonferenz stehen. Für die sächsische Kulturministerin von der CDU, Barbara Klepsch, ist nämlich schon jetzt klar:

"Chemnitz ist zweifelsohne die Siegerstadt. Das haben gestern alle Mitglieder der KMK in der Videoschalte noch einmal bekräftigt."

Und auch in Chemnitz atmet man auf. Schriftlich meldet sich der Projektleiter der Chemnitzer Bewerbung, Ferenc Csák zu Wort: Er sei überzeugt vom "korrekten Verlauf des Verfahrens". Dass sich die Kulturministerinnen und -Minister davon noch einmal in einem Gespräch mit der Jury überzeugen wollten, sei "eine gute Sache und räumt alle Zweifel aus dem Weg".

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