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StartseiteKultur heuteDer Beitrag der Saami12.01.2014

Kulturhauptstadt UmeaDer Beitrag der Saami

Prägend für die Region um die Kulturhauptstadt Umea in Schweden waren einst die Saami, die Ureinwohner Nordskandinaviens. In den 1940er-Jahren waren sie ethnischer Verfolgung ausgesetzt. Auch heute fühlen sich viele Saami noch diskriminiert. Am Konzept für die Kulturhauptstadt wurden sie erst spät beteiligt.

Von Agnes Bührig

Das Glashaus (The Glass House, Glashuset) im Zentrum der schwedischen Stadt Umea, die zusammen mit der lettischen Hauptstadt Riga Europas Kulturhauptstadt 2014 ist.
Das Glashaus (The Glass House, Glashuset) im Zentrum der schwedischen Stadt Umea, die zusammen mit der lettischen Hauptstadt Riga Europas Kulturhauptstadt 2014 ist.
Weiterführende Information

Schweden | Frische Kultur im hohen Norden 
(Deutschlandradio Kultur, Fazit, 7.1.2014)

Kritik an Kulturhauptstädten: "Feuerwerk für ein Jahr" 
(Deutschlandradio Kultur, Interview, 30.12.2013)

Rentier, Eis und Laptop
(Deutschlandfunk, PISAplus, 10.1.2009)

Krister Stoor sitzt im samischen Café Trapphie in Umeå und besingt den Fluss Umeälv mit einem traditionellen Jojk. Der Gesang des 54-jährigen Saami mit dem runden Gesicht beschreibt ein Gewässer, ohne dass es die Stadt Umeå nicht gegeben hätte. Der Umeälv diente einst als Verkehrsader in einer dünn besiedelten Region, 350 Kilometer südlich des Polarkreises, sagt Krister Stoor. An der Universität von Umeå erforscht der Ethnologe den traditionellen samischen Gesang:

"Dieser Jojk beschreibt den Fluss Umeälv, wie er war, bevor er aufgestaut wurde. Ein lebhaftes Gewässer mit Stromschnellen. Der Fluss, den wir heute sehen, erinnert eher an einen Menschen, der psychisch ruhiggestellt wurde."

Der Text vom Fluss könnte als Sinnbild für die Lage der Saami dienen. Sie sind die Ureinwohner Nordskandinaviens und zogen einst mit ihren Rentierherden über das Fjell. Als im 17. Jahrhundert der Bergbau an Bedeutung gewann und ihnen die Kolonialisierung zunehmend ihr angestammtes Weideland nahm, begann der Kampf ums Überleben ihrer Kultur und Werte. Die Trommeln der samischen Schamanen waren den Missionaren aus dem Süden suspekt, ihre Sprache verstanden sie nicht, die Kinder der Saami steckten sie in Internate, sagt Eva Conradzon, die jedes Jahr die Samische Woche von Umeå organisiert:

"Es gab Anweisungen von Regierungsseite, sie kurz zu halten. Ältere Saami können davon berichten, wie sie in den traditionellen Zelten, den Koten, unterrichtet wurden. Sie erinnern sich bis heute vor allem daran, wie sie gefroren haben. In den Zeiten der Rassenbiologie in den 1940er-Jahren wurden die Schädel der Saami vermessen, ihr Körperbau klassifiziert. Sie wurden als angeblich niedere Rasse eingruppiert."

Muster von Unterdrückung

Viele ältere Saami trauten sich bis heute nicht, sich zu outen, sagt Conradzon. Das erfuhr auch die samische Künstlerin Katarina Pirak Sikku, die sich in ihrer Arbeit mit der Rassenbiologie beschäftigt hat. Auf dem Plakat ihrer Ausstellung ist sie selbst in der samischen Tracht zu sehen, fotografiert im Profil, ein Zirkel vor dem Gesicht, mit dem ihre Kopflänge vermessen wird. Sikku ist eine von acht samischen Künstlerinnen, die im Bildmuseum ausstellen. Doch wie die Saami an Umeå 2014 beteiligt werden, das wurde ihnen zunächst von oben diktiert, sagt Krister Stoor:

"Umeå bekam Kritik, weil die Verantwortlichen ein Konzept entwickelt hatten, ohne die Saami mit einzubeziehen. Das ist ein Muster von Unterdrückung. Wer die Macht hat, hat oftmals fertige Lösungen, gibt vor, wie alles aussehen soll. Die Macher haben uns dann angeboten, bei diesem vorgegebenen Konzept mitzumachen. Das hieβ aber, dass wir nicht von Anfang an dabei sein durften. Die Folge war, dass sie alles neu konzipieren mussten."

"Es muss einen Willen geben, zu erneuern"

Jetzt ist das europäische Kulturhauptstadtjahr in die acht samischen Jahreszeiten eingeteilt, die den Lebenszyklus der Rentiere beschreiben. Die Tiere haben eine wichtige Bedeutung für die Kultur der Saami. Die Kunsthandwerker verarbeiten Naturmaterialien wie Fell und Horn des Rens, seine Haut ziert Gürtel und Taschen der Trachten. Dazu kommt der Jojk, den Künstler wie die norwegische Sängerin Marie Boine auch als Stilelement im Jazz und Folk entdeckt haben. Es ist die Balance zwischen Tradition und Moderne, wie so oft, sagt der Ethnologe Krister Stoor:

"Wir wollen unsere eigene kulturelle Prägung behalten und dabei nicht diskriminiert werden. Keiner soll kommen und uns vorschreiben, was wir zu denken haben. Und wir sollten mehr Raum für den Jojk fordern. Wenn man zufrieden ist, besteht das Risiko der Stagnation. Es muss einen Willen geben, zu erneuern, zu verändern und gleichzeitig das Alte zu behalten. Der Jojk ist wie der Umeälv, er ist gezähmt, hat aber noch sein ganzes Leben vor sich."

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