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StartseiteKulturfragenZwischen Bildungsauftrag und Finanzvorbehalten02.03.2014

KulturperspektivenZwischen Bildungsauftrag und Finanzvorbehalten

Seit 74 Tagen ist die CDU-Politikerin Monika Grütters in der neuen Bundesregierung Staatsministerin für Kultur und Medien. Den Fall Gurlitt nahm sie zum Anlass, Recherchen und Aufarbeitung zur NS-Raubkunst zu forcieren. In den "Kulturfragen" äußerte sich Grütters zu den weiteren Schwerpunkten, die sie in ihrem Amt setzen will.

Monika Grütters im Gespräch mit Stefan Koldehoff

Monika Grütters (dpa / picture alliance / Karlheinz Schindler)
Monika Grütters (dpa / picture alliance / Karlheinz Schindler)
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 (Deutschlandfunk, Kultur heute, 30.01.2014)

Kunstfund - Der Fall Gurlitt und die Folgen (Deutschlandfunk, Hintergrund, 113.02.2014)

Stephan Koldehoff: Frau Grütters, irgendjemand scheint mal festgelegt zu haben, dass man Politiker erst nach 100 Tagen nach der berühmten Bilanz, den ersten Eindrücken, dem Angekommensein fragt. Bei Ihnen sind es gerade knapp über 70 Tage, deswegen werden wir das mit der Bilanz schön sein lassen. Ich würde Sie aber zunächst gerne mal fragen: Sie sind gerade in der vergangenen Woche mit der Bundeskanzlerin und dem Kabinett aus Israel zurückgekommen. Welche Rolle spielt der deutsch-israelische Kulturaustausch, was haben Sie da empfangen in Israel an Wünschen, an Status-quo-Berichten, was hat sich da getan bei diesem Besuch?

Monika Grütters: Ja, wenn es um Kulturfragen geht, schließt das auch immer die Aufarbeitung unserer Geschichte ein, was in einem bilateralen Verhältnis zwischen Deutschland und Israel natürlich eine wichtige, manchmal auch schmerzliche Rolle spielt. Andererseits haben wir in den letzten 70 Jahren eben auch erlebt, wie sehr die Kultur das entscheidende verbindende Glied sein kann. Und die Gespräche mit meiner Kollegin Limor Livnat, die eine durchaus auch Deutschland gegenüber kritische Person ist, waren sehr bewegend. Wir haben ein gutes und am Ende wirklich schönes Gespräch geführt, wobei wir uns so ein bisschen über unsere jeweilige Rolle als Frauen in den Kabinetten begegnet sind, aber dann vor allen Dingen gesprochen haben darüber, wie wichtig die Künstler für uns sind, ihre Geschichten, aber auch natürlich die Art, wie sie Erfahrung vermitteln können.

Wir haben beispielsweise vereinbart, einen Übersetzerpreis künftig zu vergeben. Und das ist deshalb wichtig, weil es ein Übersetzerpreis ist. Also, wir würdigen genau die Personen, die in beiden Kulturen so intim zu Hause sind, dass sie auf eine besonders schöne und ausgefeilte Sprache die jeweiligen Gedanken der anderen Seite vermitteln können. Das soll im kommenden Jahr, da haben wir 50 Jahre Aufnahme diplomatischer Beziehungen zwischen Deutschland und Israel, zum ersten Mal vergeben werden, und zwar in Berlin. Und dann jedes Jahr im Austausch. Das ist eine schöne Maßnahme.

Wir wollen darüber hinaus sensible Archivbestände digitalisieren, die auf Deutsch, Hebräisch und Jiddisch zum Teil im Mittelalter hier in Deutschland erschienen sind, aber wir möchten auch in die Zukunft blicken und zum Beispiel die Datenbank Exilkunst jetzt auch auf Hebräisch zugänglich machen und auch da wieder Vorschläge aus Israel digitalisieren, also auch einem jüngeren Publikum, was sich im Internet bewegt, gegenüber unsere Geschichte vermitteln. Und darüber hinaus wird es nächstes Jahr – das finde ich besonders schön – eine Ausstellung im Martin-Gropius-Bau geben mit Werken aus dem Tel-Aviv-Art-Museum. Das ist deshalb bedeutsam, weil es gegründet wurde von Dr. Karl Schwarz, der 1933 aus Berlin geflohen ist und seine Museumsarbeit hier hinter sich lassen musste, um sie dann in Tel Aviv wieder neu zu begründen. Und es wird zum ersten Mal Bilder aus diesem Museum mit ganz hervorragenden zeitgenössischen Kunstwerken in Berlin zu sehen geben. Daran sehen Sie, dass die Kunst sich als Brückenbauerin immer noch und zum Glück nach wie vor eignet.

Kulturpolitischen Austausch mit Israel stärken

Koldehoff: Im übrigen politischen Bereich gibt es manchmal Spannungen zwischen der Bundesrepublik und Israel. Ist das im Kulturbereich vollkommen ausgeschlossen, begegnet man sich da ohne Vorbehalte, ohne Tabus?

Grütters: Nein, die Tabus und auch die Ängste, die Sorgen, das Misstrauen, auch schmerzliche Erfahrung – übrigens, ist ja meistens biografisch und subjektiv begründet –, die gibt es natürlich gerade da auch. Da gibt es Erfahrungen, die kann man nicht abstrahieren und die nehmen eine sehr persönliche Note an. Wenn in der Familie meiner Kollegin der Holocaust gewütet hat oder wenn ihr Neffe einem Anschlag durch die Palästinenser zum Opfer gefallen ist, dann kann man das nicht rational oder abstrakt wegreden und zur politischen Tagesordnung übergehen. Deshalb bin ich besonders dankbar, dass gerade sie mir sehr warmherzig begegnet ist und im Übrigen unsere Anstrengungen zum Thema Provenienzrecherche und Restitution, also auch Aufarbeitung des von den Nationalsozialisten verfolgungsbedingt entzogenen jüdischen Kulturgutes, dass sie das nicht nur würdigt, sondern sagt, sie haben Bewunderung dafür, wie wir in den vergangenen Wochen versucht haben, die Anstrengungen da zu verstärken.

Koldehoff: Sie haben eine Aufstockung der Mittel angekündigt, Sie haben angekündigt, bestimmte Institutionen, die sich mit dem Thema befassen, zu konzentrieren, zusammenzulegen. Sie haben aber auch vor allen Dingen gesagt, Sie wollen eine Art Stiftung gründen, die sowohl öffentliche als auch private mögliche Besitzer von NS-Raubkunst ansprechen kann. Welche Idee steckt hinter dieser Stiftung?

Grütters: Tatsächlich ist es ja so, dass wir bis zur Jahrtausendwende, glaube ich, weniger getan haben, als nötig gewesen wäre. Aber es gab 98 diese Washingtoner Konferenz, der sich Deutschland dann mit vielen anderen Ländern angeschlossen hat. Wir haben dann eine gemeinsame Erklärung zwischen Bund und Land gemacht, Handreichung, wie man die Erklärung, die es aus Washington gab, umsetzen kann in Deutschland. Wir haben dann 2008 die Arbeitsstelle für Provenienzrecherche gegründet, in der Wissenschaftler und Profis Museen auf Anfrage helfen, ihre Bestände zu sichten und auch Restitutionsfragen, auch komplexe juristische Fragen zu beantworten. Es gibt die Limbach-Kommission, die als beratende Kommission in Streitfällen zu einer gerechten und fairen Lösung verhelfen soll, es gibt die Lost-Art-Datenbank in Magdeburg, die Koordinierungsstelle dort. All das ist viel, aber noch lange nicht genug, sondern kann gerade erst mal einen Rückenwind geben für verstärkte Anstrengungen.

Wir müssen auch zu einem Bewusstseinswandel bei den Museen und bei Privatleuten auch beitragen durch das öffentliche Diskutieren dieser Situation. Und wir haben den Eindruck durch den spektakulären Fall Gurlitt, dass etwas fehlt. Erstens eine konzentrierte Darstellung all dieser Aktivitäten, die es ja schon gibt, zweitens aber natürlich auch eine vernünftige Öffentlichkeitsarbeit. Es geht dabei um heikle, politisch schwierige, moralisch belastete Themen und natürlich um komplexe juristische Zusammenhänge, da fehlt auch ein Ansprechpartner, viele fühlen sich unwohl, wenn sie angefragt werden und darüber Auskunft geben sollen. Deshalb möchten wir die Anstrengung schneller, transparenter und effektiver machen und glauben, dass es Sinn macht, eine Dachorganisation zu gründen.

Mir ist wichtig, dass das in Form einer Stiftung passiert, weil dadurch eine größtmögliche Unabhängigkeit von dem öffentlichen Auftraggeber transportiert wird, weil es Aufsichtsformen gibt, in denen hauptsächlich Fachleute und Unterstützer dieser Initiative drin sind und nicht nur eine behördliche Aufsicht passiert. Deshalb soll in Magdeburg, wo es die Koordinierungsstelle und die Lost-Art-Datenbank schon gibt, diese Stiftung Deutsches Zentrum Kulturgutverluste, German Lost Art Foundation geben. Und zwar, wenn es geht, über eine Stiftungsgründung im Sommer dann, dass es Ende des Jahres bereits auch etabliert ist. Und diese Stiftung soll vor allen Dingen die ganzen Aktivitäten bündeln, Provenienzforschung, Dokumentation, Restitution unter einem Dach. Wir wollen Bund, Länder und Kommunen einbeziehen, es soll auch möglich sein, über die in der SBZ und in der DDR verloren gegangenen Kulturgute zu sprechen und sie aufzuarbeiten, wir möchten, dass die Forschungsstelle Entartete Kunst, die im Moment, auf private Initiative gegründet vor zehn Jahren, dann auch dort unter dieses Dach kommt, wir werden mehrere Wissenschaftlerstellen dort finanzieren, damit sie auch vom Staat jetzt anerkannt wird.

Stiftung für Provenienzforschung geplant

Koldehoff: Wer kann sich an diese Stiftung dann wenden?

Grütters: Daran sollen sich Museen und öffentliche Stellen natürlich wenden können, wo immer wieder Anfragen dieser Art eingehen, wir haben aber auch die Hoffnung – und es ist das ausdrückliche Angebot, das wird noch deutlich zu kommunizieren sein –, dass auch Private diese Anlaufstelle dann für sich in Anspruch nehmen. Weil da natürlich ein Bewusstseinswandel oder zumindest eine Bewusstseinsschärfung noch nötig ist, das hat man an diesem Privatfall Gurlitt jetzt gesehen. Wir wissen nicht, wie viele Bestände dieser Art es in vergleichbaren privaten Zusammenhängen gibt, aber vermuten kann man, dass das kein Einzelfall ist. Es gibt immer wieder Anrufe bei der Arbeitsstelle für Provenienzrecherche mit der Bitte um Diskretion, sich die eigenen privaten Bestände anzusehen, und ich hoffe, dass das als Ermutigung verstanden wird, dass wir jetzt eine solche zentrale Anlaufstelle, eine Stiftung bürgerlichen Rechts deshalb extra gründen.

Koldehoff: Und wenn sich nun ein Privatmensch an diese Arbeitsstelle wenden würde und sagt, wir haben da seit vielen Jahrzehnten einen Max Liebermann über dem Sofa hängen und eigentlich wissen wir gar nicht so richtig, wo der herkommt, dann würde der auch Hilfe bekommen?

Grütters: Der würde Hilfe bekommen durch die Provenienzrechercheure, die das hoffentlich lückenlos nachverfolgen können. Und man kann dann Angebote machen, wie man mit einem solchen Befund umgeht. Wenn es jemanden gibt, dem man das eigentlich zurückgeben müsste, und diese Person oder die Nachfahren wären identifizierbar, kann man über faire und gerechte Vergleiche ja sprechen. Es geht nicht immer nur um materiellen Ausgleich, sondern vor allen Dingen uns darum, Opferbiografien auf der anderen Seite anzuerkennen, auch 70 Jahre danach, über die Brüche, über das Leid, über das Unglück zu sprechen, das diese Familien erlitten haben. Und die Erfahrung zeigt auch, dass viele Fälle diskret geregelt werden, weil es in der Tat gar nicht das Interesse der Anspruchsteller ist, ein Bild wieder zurückzubekommen oder viel Geld, sondern dass sie tatsächlich in ihrer Biografie anerkannt werden möchten. Und dann ist der finanzielle Ausgleich in der Regel machbar.

Koldehoff: Sie sind selbst Kunsthistorikerin, Sie haben viele Ausstellungen kuratiert, unter anderem im Max Liebermann Haus am Brandenburger Tor. Das heißt, dieses Thema ist für Sie nicht neu. Es gibt Ihnen jetzt dieser Job, diese Stelle als Kulturstaatsministerin ganz neue Möglichkeiten, darauf zu reagieren. Was für ein Verständnis von Kultur steckt dahinter?

Grütters: Die Kultur ist ja Trägerin von Werten. Es gibt so einen schönen Satz von Mark Twain: Kultur ist das, was übrig bleibt, wenn der letzte Dollar ausgegeben ist. Richtig ist: Kultur auch in Deutschland funktioniert nicht ohne viel Geld. Und 87 Prozent der Kulturleistungen in Deutschland werden vom Staat finanziert, damit sie möglichst frei und unabhängig sich artikulieren kann, frei vom Zeitgeist, vom Geschmack, von privaten Geldgebern. Wir wissen, dass diese große ästhetische Vielfalt ein Gewinn für unsere Demokratie ist, weil Kultur ein Wert an sich ist, etwas, das auch sperrig sein darf, ein kritisches gesellschaftliches Korrektiv. Es sollen Dinge entstehen, die uns unbequem sind, die Zumutung sind. Wenn sie dann zusätzlich auch noch unterhält, umso besser, aber das hohe Ansehen, das Deutschland heute in der Welt wieder hat, davon bin ich fest überzeugt, haben wir deshalb, weil im Artikel fünf unseres Grundgesetzes drin steht: Kunst und Kultur sind frei, und wir ihr diese Freiheiten geben, zu experimentieren, Dinge zu tun, die man sonst nicht wagen würde. Und das Experiment darf auch scheitern, ohne dass wir sofort sagen, nach einem Opernpremierenflopp müssen wir das Haus schließen! Nein, es muss weitermachen und die Grenzen ausloten, dafür sind kreative, intellektuelle Vordenker eben da. Nur weil wir uns diese Freiheiten tatsächlich existenziell erlauben – und sie gehen von diesen Vordenkern einer Gesellschaft aus –, hat Deutschland, glaube ich, keine Gefahr mehr, wieder in totalitäre Denkstrukturen abzurutschen. Und deshalb gilt es, diese Kultur zu verteidigen, die Ausdruck von Humanität ist.

Problematik der Finanzierung

Koldehoff: Würden das – Sie haben gerade die Länder und Kommunen angesprochen, die da eigentlich mitziehen müssten –, würden das Ihre Kolleginnen und Kollegen, Kulturdezernenten in den Städten oder Kulturminister in den Ländern so mit unterschreiben oder hören Sie da dann sofort: Tolle Idee, Frau Grütters, sehen wir genauso, wir sind aber leider pleite?

Grütters: Ja, mit dem Vergeben der Gelder, und das sind Steuergelder, für die wir Politiker Verantwortung haben und für deren Vergabe wir uns auch gegenüber dem Wahlbürger immer wieder rechtfertigen müssen - wenn wir die große Autonomie der Kunst, so wie ich sie für richtig halte, verteidigen, ist das auch immer mit einem Kontrollverlust verbunden. Ich verzichte darauf, zu kleinlich zu steuern, weil ich an die Kultur und die Intellektuellen, auch die Wissenschaft glaube. Das sind die Vordenker, die wissen im Zweifelsfall mehr als ich als Politikerin. Ich glaube, auf dieses Experiment müssen wir uns in diesen zwei Milieus einlassen, und ich versuche, meine Kollegen auf Bundes-, Landes- und kommunaler Ebene davon zu überzeugen, dass es diese zwei Milieus sind, Wissenschaft und Kultur, die Rahmenbedingungen brauchen und die wir zum Dialog und zu Debattenkultur auffordern müssen, aber die wir nicht kleinlich steuern dürfen. Nur dann kommen die großen Leistungen. Sehen Sie, Deutschland gibt gerade 1,6 oder 1,7 Prozent seiner Steuerleistungen für Kultur aus und trotzdem sind wir das Land mit der höchsten Theaterdichte der Welt. Es gehen zehnmal so viele Menschen ins Museum wie in alle Bundesligaspiele, auf 1000 Einwohner kommt eine Erstveröffentlichung eines Verlages und die Kreativindustrie übrigens ist der zweitstärkste Wirtschaftszweig nach der Automobilindustrie und vor der Finanzwirtschaft. Und das mit lediglich 9,3 Milliarden, also 1,7 Prozent aller Steuern. Die Kulturnation Deutschland, das ist das Markenzeichen, was uns das hohe Ansehen in der Welt nach dem Zivilisationsbruch des Dritten Reichs wiedergebracht. Wir hätten mehr zu verlieren als nur ein paar Steuerausgaben und wir sollten stolz darauf sein, dass wir in dieser Form wahrgenommen werden.

Koldehoff: Wenn wir noch mal auf den ersten großen Schwerpunkt Ihrer Amtszeit dabei zurückkommen, auf die Provenienzforschung, auf die Stärkung, Sie haben gerade gesagt, wie wichtig es ist, dass die Kultur mit verhindert, wieder in totalitäre Strukturen auch nur ansatzweise zurückverfallen zu können. Wie sind denn konkret die Reaktionen aus den Ländern im Moment?

Grütters: Ich habe gestern mit meiner israelischen Kollegin Livnat darüber sprechen können und sie hat mir dafür gedankt, dass wir zum Beispiel in die Taskforce zur Aufarbeitung des Fundes in Schwabing zwei israelische Kollegen einbezogen haben. Das ist ein ganz wichtiges Signal gewesen, da sind auch Amerikaner, ein Franzose, eine Britin, dass das international besetzt wird. Und sie hat nach einem sehr bewegenden Gespräch über genau diesen Aspekt, bei dem es mir, wie gesagt, weniger um das Materielle, sondern auch um das Anerkennen unserer schwierigen Geschichte geht, dann mich spontan gebeten, ob wir nicht auch deutsche Provenienzforscher in israelische Museen schicken können, um die dortigen Sammlungen aufzuarbeiten. Das war eine sehr spontane Bitte und etwas, was tatsächlich eine emotionale Qualität hatte zwischen uns beiden, die aber als Vertrauensbeweis nicht hoch genug eingeschätzt werden kann.

Koldehoff: Da gibt es dann zumindest in dem Bereich nicht mehr auf der einen Seite die Täter, auf der anderen Seite die Opfer.

Grütters: Ja, genau, und das Anerkennen, dass unser beider Geschichte sich auch auf dem Boden beider Länder abspielt. Und dass es wieder einmal die Kultur ist, in diesem Fall auch Bilder, Kunstwerke, die so viel Geschichte in sich tragen, nicht nur erzählen, die sind Gestalt gewordene Geschichte, dass sie am Ende ja auch der konkrete Anknüpfungspunkt zur Aufarbeitung derselben sind. Und dass es manchmal Vertrauen zwischen einzelnen Personen braucht, nicht nur Strukturen müssen stimmen, auch die Chemie untereinander. Und das hat da funktioniert und ich muss sagen, sie hat das in der großen Runde dann in Gegenwart von Premierminister Netanjahu und unserer Bundeskanzlerin Merkel vorgetragen als allerersten Punkt. Das schien ihr das Wichtigste zu sein, sie hat gesagt, wir haben gerade spontan beschlossen, dass wir Forscher in dieser wichtigen Frage austauschen.

Internationalisierung der Provenienzforschung

Koldehoff: Das heißt, die Bundesrepublik wird diesem Wunsch nachkommen.

Grütters: Ich werde dem auf jeden Fall nachkommen, das war das tragendste und bedeutendste Ergebnis unseres gestrigen schönen Gesprächs.

Koldehoff: Spricht nicht ohnehin vieles für eine Internationalisierung dieser Aufgabe, Provenienzforschung, beispielsweise auch was Ihre Stiftungsidee angeht, vielleicht auch was die Limbach-Kommission angeht?

Grütters: Ja. Also, sowohl bei der Limbach-Kommission bin ich offen dafür, die Zusammensetzung noch mal immer dann, wenn jemand ausscheidet, zu überdenken und auch internationale Kollegen einzubeziehen, das tut uns gut, das haben wir bei der Taskforce auch gemerkt, auch buchstäblich übrigens, nicht nur als atmosphärisches Signal. Und wir haben vor, bei der neuen Stiftung Deutsches Zentrum Kulturgutverluste tatsächlich einen Stiftungsrat zu etablieren, in dem Vertreter von Bund, Ländern und Kommunen sind, möglicherweise auch der Kulturstiftungen der Länder. Aber wir möchten dazu einen international besetzten Beirat etablieren. Das ist ganz wichtig. Wir haben hier nicht nur nichts zu verbergen, sondern wir sind auf das Wissen angewiesen. Und alle können ja von ihrer jeweiligen Perspektive profitieren, das erleben wir in der Taskforce außerordentlich deutlich und die Forschung gerade um diese Gegenstände ist und bleibt auch eine internationale Angelegenheit.

Koldehoff: Sie denken und argumentieren sehr, sehr stark vom Inhalt her. Das macht Sie, glaube ich, einigermaßen glaubwürdig in dem, was Sie vorhaben. Dennoch sind auch Sie an Etats, an Geld, ans böse Geld gebunden.

Grütters: Ja.

Steuern auf Kulturgüter und Freihandelsabkommen

Koldehoff: Zu Ihren Aufgabenbereichen gehören auch Nachdenken über Verträge mit den USA, was Kulturgut und dessen materiellen Wert angeht, aktuelles Thema, über das wir vielleicht sprechen sollten, ist die Frage nach den E-Books und E-Papers, bei denen es noch keine einheitliche Regelung gibt, was die Besteuerung angeht, Frankreich ist national vorgeprescht. Wie sehen Sie solche singulären Aktivitäten?

Grütters: Bei uns steht im Koalitionsvertrag drin, dass auch wir die günstigere Besteuerung von E-Books und E-Papers und Verlagswerken jetzt in Deutschland umsetzen werden. In der Tat ist es aber so, dass das an die Grenzen der EU-Rechtsprechung stößt, und Frankreich, dass seine E-Book jetzt mit dem niedrigeren Mehrwertsteuersatz belegt, ist prompt von der EU-Kommission verklagt worden. Vor solchen Reaktionen haben wir in Deutschland Respekt, der Finanzminister Schäuble wird da nicht vorpreschen, hat mir aber grünes Licht gegeben, dass entschieden und energisch zu verhandeln, was ich mit meiner französischen Arbeitskollegin in der vergangenen Woche bei den deutsch-französischen Regierungskonsultationen getan habe. Wir sind uns einig. Wichtig ist, dass wir mit den EU-Finanzministern die Mehrwertsteuerrichtlinie entsprechend ändern, weil das E-Book natürlich genauso ein Träger von Werten ist und weniger eine Handelsware, wie das auch für das Papierbuch gilt. Und wir verteidigen auch in den Verhandlungen mit den USA über das Freihandelsabkommen ja darum eine kulturelle Ausnahme tatsächlich auch hinzubekommen, weil es um mehr geht als nur um fiskalpolitische Kleinigkeiten, sondern um die Verteidigung der Kultur als maßgebliches Fundament unserer Demokratie.

Koldehoff: Warum wird es denn von so vielen inzwischen als Wirtschaftsfaktor gesehen und nicht mehr als Träger von Inhalt? Ich habe fast manchmal das Gefühl, dass Museumsdirektoren oder Leiter von Opernhäusern oder Theatern sich dafür rechtfertigen müssen, dass sie nur in der Kultur tätig sind.

Grütters: Das gilt vielleicht so ein bisschen als spinnert. Aber tatsächlich ist es so, dass Kulturgüter eben diesen Doppelcharakter als Ware einerseits, als Träger von Werten andererseits haben. Und wir, die Kulturpolitiker sind es, die Letzteres als den Ursprung dieses Kulturgutes tatsächlich immer wieder herausstellen müssen. Die UNESCO hat das ja früh genug erkannt und eine Konvention zum Schutz der kulturellen Vielfalt 2005 ins Leben gerufen, der Deutschland beigetreten ist aus eben diesem Grund. Die "Vielfalt wahren" heißt, den allzu vordergründig wirtschaftlichen, merkantilen Faktor zu verteidigen und nicht am Ende dominieren zu lassen. Es ist so, dass zum Beispiel im Verhältnis zu den USA wir über zwei vollkommen verschiedene Gesellschaftsmodelle sprechen. Während in den USA gerade mal 13 Prozent der dortigen Kultur vom National Endowment for the Arts finanziert werden, ist es in Deutschland exakt umgekehrt. Bei uns sind es 13 Prozent, die von privater Hand kommen, 87 Prozent macht der Staat, um die ästhetische Vielfalt zu sichern, weil sie eben unbequem ist. Und das Ergebnis ist evident, das speist sich auch aus unserer jüngeren Geschichte tatsächlich, wo Fragen der Aufarbeitung eine maßgebliche Rolle spielen. Und das kann nicht immer nur bequem und handelsgängig, marktgängig sein. Insofern haben wir viel zu verteidigen, Frankreich und Deutschland sind sich da im Übrigen einig. Aber es gilt, noch einiges an Überzeugungsarbeit zu leisten.

Koldehoff: In den USA hat das, was Sie gerade beschrieben haben, zur Folge, dass die Museen, die privat finanzierten Opernhäuser – in der Regel über Stiftungen, über bürgerliches Engagement finanziert – unter einem enormen Quotendruck stehen. Bestimmte Dinge gehen einfach nicht mehr, wenn das Publikum nicht kommt. Sehen Sie die Gefahr für Deutschland oder ist das Subventionsmodell, das wir hier haben, ein zukunftssicheres?

Grütters: Viele Künstler und Intellektuelle in Amerika beispielsweise, weil Sie das Land zitieren, beneiden uns für unsere kulturelle Vielfalt auch in der Breite. Die speist sich natürlich aus unserer Vergangenheit, als Deutschland in Kleinstaaterei zersplittert war und alle Fürsten ihre eigenen Opernhäuser haben wollten. Aber wenn man diese Häuser hat, fragt man ja nicht, ob man sie braucht, sondern sorgt dafür, dass aus ihnen was wird. Und aus dem Grund leisten wir sie uns nach wie vor. Ich bin froh, dass man die "Walküre" in Detmold hören kann, und ich sehe meine Rolle darin, auch Künstler, die von diesem Modell ja leben, weil wir sie hier alle engagieren – jede zweite Opernkarriere der Welt durchläuft die Station Deutschland, meistens am Beginn übrigens –, ich verstehe meine Rolle darin, Lobbyistin genau für diese gesellschaftlichen Zusammenhänge zu sein, aber auch für die Künstler, die eine solche starke Stimme, solch eine Ermutigung eben auch brauchen.

Selbstbewusstsein der deutschen Kulturschaffenden stärken

Koldehoff: Ist das ein Appell an die Kulturschaffenden in Deutschland, ihr Tun durchaus auch mal selbstbewusster nach außen zu tragen? Oder brauchen die das gar nicht?

Grütters: Also, als verzagt nehme ich die meisten Künstler nicht wahr, wobei man natürlich unterscheiden muss: Die, die sich artikulieren, werden wahrgenommen, viele andere kommen gar nicht erst dazu! Ich bin mir im Klaren darüber, dass viele Künstler in prekären und bescheidenen Verhältnissen leben. Deshalb ist unser Interesse, unser allgemeines, erstens sie sozial abzusichern, dafür haben wir – übrigens weltweit einmalig – die Künstlersozialversicherung, die Künstlersozialkasse geschaffen, da zahlt der Bund eben ordentlich mit, das sind uns die Künstler als eine besondere Berufsgruppe wegen ihrer eminenten gesellschaftlichen Bedeutung wert. Und das Zweite ist, Stichwort Urheberrecht: Wir müssen dafür sorgen, dass die Künstler künftig und auch weiterhin von ihren intellektuellen, künstlerischen, kreativen Leistungen leben können. Das heißt, dass jemand, der die Kunst und Kultur nutzt, auch die im Netz verfügbare, dafür zahlt. Weil es die Urheber sind, die sie geschaffen haben.

Koldehoff: Und welche Möglichkeiten hat eine Kulturstaatsministerin, selbst noch diese kulturellen Erzeugnisse in Museen, in Opernhäusern, in Theatern, auf Festivals wahrzunehmen?

Grütters: Ja, also, das Schöne an meinem Beruf ist, dass sich das Private und das Berufliche aufs Beste verbinden. Ich freue mich, wenn ich abends, zum Beispiel übermorgen Abend in Peter Sellars Ritualisierung der "Johannespassion" in die Berliner Philharmonie gehen kann, morgen Abend eröffne ich in der Tanzplattform auf Kampnagel in Hamburg ein tolles Tanzfestival. Das alles verbindet sich ja aufs Beste. Und zum Glück ist es so, ich muss nicht nur, sondern darf und kann über die Wohlfahrt der Institutionen, die wir uns geschaffen haben und die wir beschützen und wahren, wachen, sondern ich kann ja auch das avantgardistische, zeitgenössische Element fördern, indem wir große Projekttöpfe wie die Bundeskulturstiftung, den Hauptstadtkulturfonds und ähnliche Möglichkeiten auch zur Geldvergabe für klassische junge Initiativen der freien Szene benutzen.

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