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StartseiteKultur heuteKulturstätten großräumig zerstört?24.07.2003

Kulturstätten großräumig zerstört?

Zu den Ergebnissen der UNESCO-Untersuchungsreise über die Raubgrabungen im Irak

Margarete van Ess vom Deutschen Archäologischen Institut in Berlin im Gespräch

Fischer: Aus den ersten Berichten schon war das dramatische Ausmaß von Raubgrabungen im südlichen Irak deutlich heraus zu hören. Mitglieder der Unesco-Delegation, die Anfang Juli das Land bereisten, um die Kulturzerstörung im gesamten Irak zu untersuchen, waren erschüttert. Jetzt ist diese Reise ausgewertet und wird heute erstmals auch mit dokumentierenden Bildern in Berlin vorgestellt. Frage an Margarete van Ess, die Leiterin der Abteilung Bagdad des Deutschen Archäologischen Instituts in Berlin, die diese Bestandsaufnahme erarbeitet hat: Welche Situation haben Sie den vorgefunden im Irak?

van Ess: Nun, die Bevölkerung befindet sich in einer großen Umbruchsituation im Irak. Es ist nichts gesichert. Man weiß nicht, wo die Gehälter herkommen, man weiß nicht, wie man die Familie ernähren soll, man muss sich etwas ausdenken wie man über die Runden kommt. Und eine der Möglichkeiten ist, archäologische Stätten zu plündern. Jeder Iraker weiß, wie eine archäologische Stätte aussieht, auch dass dort sicher etwas herauskommt, wenn man nur lange genug buddelt. Und zunehmend ziehen halt jetzt Bauern, Beduinenstämme, normale Bevölkerung zu diesen archäologischen Stätten und setzen die Schippe an, um Gegenstände zu finden. Das tun sie in Tagarbeit, in Nachtarbeit, je nachdem, wie leicht ein Ort zu erreichen ist.

Fischer: Seit die halbe Welt falsche Zahlen aus dem Nationalmuseum in Bagdad verbreitet hat, sind wir Journalisten ja mit dramatischen Berichten etwas vorsichtiger geworden. Deshalb noch einmal die Frage. Was dort kaputt geht durch solche Raubgräbereien, sind das Vasen, Tontäfelchen, Töpfe, was auch immer, die man aus archäologischen Grabungen andernorts schon kennt und identifiziert hat? Oder gehen da wirklich unschätzbar wertvolle Kulturgüter verloren?

van Ess: Es geht jetzt nicht unschätzbar Wertvolles im Sinne von Geldwert verloren, sondern es geht Unschätzbares verloren im Sinne von Information über alte Gesellschaften. Sie müssen sich vorstellen, diese Hügel, die wir dort unten haben, sind die letzten Reste von Lehmziegelstätten. Das heißt, wenn Sie dort buddeln, zerstören Sie diese Reste. Das heißt, Sie zerstören Häuser, Sie zerstören Paläste, Sie zerstören Tempel. Alles das, was sich zumindest in Fundamenten noch in diesen Hügeln befindet, das interessiert nun einen Raubgräber nicht. Der interessiert sich für ein Objekt, das er gut verkaufen kann. Und er wühlt eben diese Architektur um, holt vollständige Gegenstände heraus, und lässt alles andere liegen, was sonst noch dort zu finden wäre: Keramikscherben oder kaputte Tontafeln, Bruchstücke von Teracotten. Das sind alles Dinge, die für uns Archäologen extrem wichtig sind, um Gesellschaften rekonstruieren zu können. Und man muss dazu sagen, dass unsere vorderasiatische Archäologie ein vergleichsweise junges Fach ist. Wir wissen einfach noch sehr wenig gemessen an der langen Zeitspanne, die es dort an Kulturen oder Hochkulturen gegeben hat im Vorderen Orient, also 5.000 bis 7.000 Jahre.

Fischer: Was ist jetzt als nächstes zu tun, Frau van Ess?

van Ess: Verschiedene Sachen. Ich würde sagen, das Allerdringendste ist, dafür zu sorgen, dass diese Raubgrabungen, die dort unten inzwischen industrielle Dimensionen angenommen haben was die Zahl der Ausgräber angeht, das muss in irgendeiner Form gestoppt werden. Das heißt, es muss dafür gesorgt werden, dass die Wächter wieder sinnvoll schützen können, das heißt, sie müssen bewaffnet sein dürfen. Das steht im Moment in Frage in der derzeitigen kriegerischen Periode im Irak. Die Gehälter müssen gezahlt werden. Die Stämme, denen diese Wächter angehören müssen davon überzeugt werden, dass das Sinn macht zu schützen. Das heißt, man muss wohl auch letztlich denen einen finanziellen Ausgleich bieten. Und dann denke ich ist darauf zu dringen, dass in den westlichen Staaten das Bewusstsein dafür geweckt wird, wie problematisch der Umgang mit diesem ganzen Komplex ist. Und man sollte, so denke ich persönlich, darauf dringen, dass die verschiedenen Gesetze oder Konventionen, die zum Beispiel Unesco aufgestellt hat, um den Handel mit gestohlenen Objekten zu unterbinden, dass die endlich unterzeichnet oder ratifiziert werden. Deutschland hat zum Beispiel die Unesco-Konvention von 1970, die genau zum Thema ist, nicht ratifiziert.

Fischer: Vielen Dank. Das war Margarete van Ess vom Deutschen Archäologischen Institut Berlin über das Ausmaß der Raubgrabungen und mögliche Gegenmaßnahmen im Irak.

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