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StartseiteAus Kultur- und SozialwissenschaftenKunst der Sprechblase04.10.2012

Kunst der Sprechblase

Die Deutsche Gesellschaft für Comicforschung widmete sich dem politischen Gehalt der Bildgeschichten

Comics galten lange als Schund oder Kinderkram. Dabei haben sie als eine Form der Bildgeschichte in fast allen Kulturen der Welt eine lange Tradition. Dass sie tatsächlich viel über eine Gesellschaft verraten, zeigte die 7. Tagung der Deutschen Gesellschaft für Comicforschung.

Von Cajo Kutzbach

Bei Comics muss man eben in den Bildern und zwischen den Zeilen lesen. (picture alliance / dpa / Daniel Karmann)
Bei Comics muss man eben in den Bildern und zwischen den Zeilen lesen. (picture alliance / dpa / Daniel Karmann)

Der Darmstädter Comicjournalist und Comicforscher Martin Frenzel schreibt seine Doktorarbeit über frankobelgische Comics, darunter natürlich ”Tim und Struppi", der oft als unpolitischer Comic für Kinder angesehen wird.

"Der frankobelgische Comic ist im Gegenteil hochpolitisch. Gerade Herge hat sich sehr stark mit dem Thema Nationalsozialismus und Faschismus auseinandergesetzt. Wenn man sich fragt warum ist Tim noch nie in Deutschland gewesen, dann ist das bei näherem Hinsehen gar nicht richtig. Er ist ständig in Deutschland, den Herge hat ein Kunstland geschaffen. Das Kunstland heißt 'Bordourien'. Französisch ein Wortspiel 'an der Grenze des Lachens', das Land in dem man wenig lacht."

In der Geschichte "König Ottokars Zepter" spielen die Uniformen und Flugzeuge auf den SS-Staat an. Die Geschichte ist eine Art Parabel über den Einmarsch Deutschlands ins Sudetenland, in die Tschechoslowakei. Dabei ist der Comicautor Herge durchaus umstritten, was Martin Frenzel mit dessen Reifungsprozess erklärt:

"Herge hat sich zeitlebens – ambivalent, es gibt ja auch den Vorwurf Antisemitismus, Rassismus gegen ihn – dann hat er sich gewandelt wurde weltoffen, humanistisch, kosmopolitisch. Es gibt aber immer wieder die große Auseinandersetzung Herges mit den Deutschen und mit dem Faschismus."

Bei Comics muss man eben in den Bildern und zwischen den Zeilen lesen. In Schweden wurden im Zweiten Weltkrieg Comics teilweise dazu benutzt, die Schweden mit dem amerikanischen Lebensstil vertraut zu machen. In Finnland dienten Comics zur Hebung der Moral und um zu verkünden, wie sich gute Bürger verhalten sollten. Comics werden auf viele Weise politisch genutzt. Entsprechend vielfältig sind ihre Formen und Themen:

"Es gibt auch viele Beispiele von belgischen Bildgeschichten, wie beispielsweise Pierre Christan, Bilal, Tardi und solchen Leuten, die eben sich in der Negation zur Gesellschaft sehen und Sozialkritik üben, etwa soziale Utopien entwerfen, Science-Fiction Serien politischer Prägung wie 'Valerian und Veronique oder aber die 'Legenden von heute', wo Utopien entworfen werden für eine bessere Gesellschaft."

Die Comicforschung in Deutschland hat Dietrich Grünewald wesentlich vorangetrieben, der Professor für Kunstwissenschaft an der Universität Koblenz/Landau ist, und die Deutsche Gesellschaft für Comicforschung mit gegründet hat.

"Es gibt in vielen Wissenschaftsbereichen viele Menschen, die sich für Comics interessieren und dabei forschen. Wobei es nicht die Comicforschung gibt, es gibt keinen Lehrstuhl, es gibt kein Institut, es gibt auch keinen Studiengang, sondern es sind Literaturwissenschaftler, es sind wie ich Kunstwissenschaftler, es sind Soziologen, Kommunikations-Wissenschaftler, Anglisten, Romanisten, Theologen."

Sie alle haben festgestellt, dass der Comic nicht nur lustig und unterhaltend sein kann, sondern auch viel über die Gesellschaft verrät, in der er entstand, denn nur, wenn er Vertrautes voraus setzt, kann er es in Frage stellen, sich darüber lustig machen, oder es angreifen.

"Er ist von einer wahnsinnigen Vielfalt und das zu untersuchen, zu klären macht Spaß und ist wichtig. Einmal unter dem Aspekt was sind Comics überhaupt? Wie sind sie historisch einzubinden? Wie sind sie international einzubinden? Welche Leseanforderungen stellen Sie an sie und was kann man mit Comics eigentlich alles vermitteln?"

Dabei betrachtet Grünewald den Comic als eine Form der Bildgeschichte, die in Europa, aber auch fast allen anderen Kulturen der Welt eine lange Tradition hat. Da gibt es Höhlenbilder, Friese, Bildteppiche, Altartafeln, Kreuzwege, teils nur mit Bildern, teils mit Bildern und Texten, mal in Form von Spruchbändern, mal darunter stehend oder in Sprechblasen. Es gibt die Bibel, den Faust als Comic, aber auch Handbücher für Soldaten, kurz zu allen möglichen Themen und in unterschiedlicher Qualität.

"Es gibt solche Bildgeschichten die gewissermaßen fließbandmäßig hergestellt worden sind, wo nicht viel Kunst Überlegung drin steckt, die Klischees bedienen und benutzen. Und es gibt andere, die sprühen einfach vor Kreativität und Fantasie und stellen auch ein entsprechend hohes Anforderungspotenzial an den Betrachter."

Es liegen Welten zwischen Comics für Kinder und Satirezeitschriften, wie dem englische Punch oder dem deutsche Simplicissimus. Ganz entscheidend ist auch, wer den Comic herstellen ließ. Der fast 70 Meter lange Teppich von Bayeux aus dem 11. Jahrhundert ist eine Auftragsarbeit der Sieger und schildert die Eroberung Englands natürlich aus dieser Sicht. Ein anderer Bilderzyklus aus dem 16. Jahrhundert wehrt sich gegen die Eroberung Lothringens, in dem er den Schrecken des Krieges darstellt. Dietrich Grünewald meint, dass die Beschäftigung mit Bildgeschichten in der Schule doppelt nützlich wäre:

"In der Schule sollte meines Erachtens die Bildgeschichte einmal Gegenstand von Unterricht sein, zum Beispiel im Kunstunterricht. Und die Bildgeschichte, der Comic kann Mittel des Unterrichtes sein, um komplexe schwierige Zusammenhänge auch im Politikunterricht besser und anschaulicher vermitteln zu können."

Catherine Michel, promovierte Film- und Medienwissenschaftlerin aus Berlin, befasst sich mit dem Nahostkonflikt im Comic. Auch wenn sie noch bei der Auswertung der Daten ist, zeigt sich schon, dass der größte Teil der Comics Israelkritisch eingestellt ist. Inhaltlich geht es zum Beispiel um das bis zu acht Meter hohe Bollwerk, dass das Land durchzieht, oder die Übergriffe israelischer Soldaten, die mittlerweile belegt sind. Es handelt sich meist um Kritik am Verhalten des Staates Israel und weniger um Antisemitismus.

"Comic wird als politisches Mittel eingesetzt um eben auf diesen Konflikt aufmerksam zu machen. Es gibt beispielsweise einen französischen Autor mit italienischen Wurzeln, Philippe Squarzoni, der ist ein Attac-Mitglied, lebt in Lyon und ist mit seiner Attac-Gruppe eine Woche lang nach Israel gereist, um da im Rahmen einer Mission Palästinensern zu helfen. Und was er geschrieben hat, dieses Comic gibt's bisher nur auf Französisch. Es ist auch nicht auf Englisch übersetzt, geschweige denn auf Hebräisch oder Arabisch."

Squarzonis Comic schildert die Erlebnisse der Reisegruppe und wirbt damit für deren Sichtweise des Nahostkonfliktes.

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