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StartseiteKultur heute"Bilder, die einen fordern"03.06.2019

Kunst im Kanzleramt"Bilder, die einen fordern"

Welche Bilder sollen in Merkels Büro? Emil Nolde musste raus, da sich der Maler als Anhänger der Nationalsozialisten erwiesen hat. Der Künstler Klaus Staeck sprach sich im Dlf für ein Bild des in Auschwitz ermordeten Felix Nussbaum aus. Und in Bezug auf die Lage "seiner" SPD gab er sich kämpferisch.

Klaus Staeck im Gespräch mit Stefan Koldehoff

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Klaus Staeck (imago / Photothek)
Klaus Staeck - Plakatkünstler, Galerist, Jurist und SPD-Mitglied (imago / Photothek)
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Nolde und der Nationalsozialismus Ende Legende

Stefan Koldehoff: Mit Klaus Staeck, dem großen Plakatkünstler und wachen Zeitbeobachter, waren wir schon seit längerem verabredet, um auch ihn in unserer losen Reihe dazu zu befragen, was denn im Amtszimmer von Angela Merkel an die Wand kommen sollte, an der seit einigen Wochen nicht mehr der Nationalsozialist Emil Nolde hängt. Das soll gleich auch geschehen. Vorher aber muss die Frage an ein SPD-Mitglied stehen, das seiner Partei in guten wie in schlechten Zeiten zur Seite gestanden und für sie zahlreiche Wählerinitiativen unter Intellektuellen organisiert hat: Wie geht es Ihnen, einen Tag nach gestern?

Klaus Staeck: Ja, wie immer kämpferisch, und ich erwarte wenig von anderen, viel von mir. Und da wird sich zeigen, wie weit man in meinem Alter noch in der Lage ist, politisch mitzuwirken. Darum geht es doch in der Demokratie.

Koldehoff: Das heißt, das Totenglöckchen, das manche heute für die Sozialdemokratie schon läuten, da hängen Sie sich nicht mit an den Schwengel?

"Weglaufen gilt nicht"

Staeck: Natürlich nicht. Diese Totenglockerei, das hat es immer schon gegeben, auch bei anderen. Bei manchen traf es zu. – Nein, eine Partei, die über 150 Jahre alt ist, da wäre es ja noch toller, wenn die auf einmal aufgeben würde. Die Probleme, für die sie gekämpft hat, ein Leben lang, die existieren doch weiter, mehr denn je eigentlich. Und die Lieblinge der Medien im Augenblick (die Farbe scheint grün zu sein), das wird sich auch bald wieder legen. Deshalb ja: Natürlich bin ich besorgt – das ist das schöne alte Wort – um meine politische Richtung, aber der werde ich treu bleiben. Weglaufen gilt nicht.

Koldehoff: Sie haben schon für Willy Brandt Wahlkampfunterstützung organisiert. Ist es schwerer geworden seitdem, Intellektuelle für diese Partei zu organisieren?

Staeck: Nein, schwerer ist es eigentlich nicht geworden. Ja, Unterschiede hat es immer gegeben, für den einen mehr, für den anderen weniger haben sich die Leute engagiert, gerade der letzte Wahlkampf. Aber Sie werden mit Sicherheit durch die Medien nichts von diesem Wahlkampf erfahren haben. Da können wir noch so schöne Presseerklärungen machen und Pressekonferenzen abhalten. Aber hätten wir gegen die SPD eine Initiative initiiert, dann wären wir sicher über alle Medien gelaufen. So ist die Lage. Das beschreibt auch ein Stück das Problem, vor dem wir stehen.

Koldehoff: Kommen wir zu der anderen Partei beziehungsweise zur Bundeskanzlerin, die dieser anderen großen Partei, die ja immer noch Volkspartei ist, angehört: Angela Merkel. Die hat vor einigen Wochen …

Staeck: Übrigens noch mal: Diese Volkspartei-Rederei – ich kann den Leuten nur eine gute Reise wünschen, die sich wünschen, dass es die Volksparteien nicht mehr gäbe, die beiden großen. Das ist nachher eine andere Republik. Vielleicht kommt man auf die Idee, sich mal klarzumachen, was es bedeuten würde, die gäbe es beide nicht mehr oder sie wären nur noch Splitterparteien. – Viel Glück!

Demokratie braucht Kompromissfähigkeit

Koldehoff: Was würde es bedeuten, nur noch Klientelparteien?

Staeck: Na ja, es gibt dann nur noch dieses Wabern, auch in den Medien. Da ist plötzlich der Mann mit den blauen Haaren, der YouTuber. Das ist plötzlich der Star. Aber Sie können keine Gemeinde, Sie können keinen Osten nehmen, was sich Staat nennt, leiten mit diesen wunderbaren Sprüchen. Kritik üben ist eine Geschichte, die beherrsche ich auch. Aber nachher etwas umsetzen, praktische Politik machen, ist etwas ganz anderes. Da braucht man nun mal auch große Organisationen und man braucht natürlich die Fähigkeit zum Kompromiss. Das ist das Wesen der Demokratie, was manche ja offenbar so furchtbar finden.

Koldehoff: Deswegen habe ich gesagt, nach wie vor Volkspartei. Angela Merkel ist die Kanzlerin. Sie hat vor einigen Wochen entschieden, dass sie Emil Nolde nicht mehr in ihrer unmittelbaren Umgebung haben möchte, nicht mehr im Amtszimmer haben möchte, seit nun unumstößlich feststeht, dass der Mann bis 1945 glühender Anhänger des Nationalsozialismus gewesen ist. War das aus Ihrer Sicht eine gute Entscheidung, diese beiden Bilder, die da hingen, abzuhängen?

Staeck: Na ja, jedenfalls ist es ihre Entscheidung gewesen. Ich bewerte so was gar nicht, ob gut oder schlecht. Das Paradoxe bei Nolde ist ja noch, dass er auch als entartet galt. Das macht die deutsche Sache noch verrückter.

Für ein Weilchen weiße Wand

Sie hat sich so entschieden. Es heißt ja immer so schön, Tapetenwechsel kann hilfreich sein durch Bilder. – Nein, es ist die Frage, was da jetzt sonst hinkommen soll, obwohl: Ein Weilchen weiße Wand ist auch nicht zu verachten.

Koldehoff: Das heißt, Sie würden gar nicht unbedingt dafür plädieren, dass da jetzt sofort was Neues hin sollte?

Staeck: Ich würde nicht sofort austauschen. Nein! Ich würde mir eine gewisse – na, sagen wir ruhig das schöne alte Wort – "Bedenkzeit" gönnen und ja, nachdenken. Nicht die schnelle Lösung ist da, glaube ich, gefragt. Vielleicht gibt es auch eine ganze Menge Vorschläge noch, die gemacht werden. So eine weiße Wand, die reizt ja auch dazu, Vorschläge zu machen, und ich würde mich da gern mit einreihen.

Koldehoff: Dann frage ich Sie doch ganz konkret: Wie würde denn einer Ihrer Vorschläge (oder haben Sie mehrere) aussehen?

Demokraten in schwierigen Zeiten

Staeck: Ich würde es zunächst mal ein wenig eingrenzen bei den vielen, vielen Künstlern, die ich auch persönlich kenne, schon auf Leute, die bewiesen haben, dass sie Demokraten sind in schwierigen Zeiten. Ich formuliere das mal ein bisschen gestelzt. Da gibt es nicht allzu viele, aber doch, wenn man genau hinschaut, eine ganze Menge, die zum Beispiel im Dritten Reich verfolgt wurden.

Einer, den ich besonders im Blick habe – ich habe mich mal damit beschäftigt -, das ist der Felix Nussbaum. Viele kennen dieses Selbstporträt mit dem Judenstern – auch aktuell, wenn man hört, dass der Herr Bundespräsident jetzt gerade wieder vor dem Antisemitismus gewarnt hat -, Bilder, die auch einen fordern, nicht bloß Dekoration. Ich bin überhaupt auch jemand, der ein Bild erwerben will – ich bin ja gleichzeitig noch Kunsthändler, Galerist. Dann sage ich immer: Ein Bild, das nur die Wand verschönern soll, davon rate ich ab, sondern ein Bild ist etwas, wenn man die Chance hat, selber auswählen zu können, was einen auch fordert.

Koldehoff: Felix Nussbaum ist ein Künstler, der in einem Vernichtungslager von den Nationalsozialisten ermordet worden ist.

Staeck: Ja, in Auschwitz ist er umgekommen. 1944 noch zum Schluss.

Koldehoff: Warum würden Sie ausgerechnet für ihn plädieren? Ist es auch gute Kunst?

Typisch deutsches jüdisches Schicksal

Staeck: Ja, sein ganzer Lebenslauf. Mich interessieren auch immer die Menschen hinter den Bildern. Ein typisches deutsches jüdisches Schicksal zu Zeiten der Nazi-Herrschaft, geflüchtet 1940, soweit ich mich erinnere, dann erst mal eine Reise durch halb Europa, dann in Brüssel, muss man schon sagen "gestrandet", dort von einem Kunsthändler vier Jahre versteckt worden, denunziert worden, dann zurückgeschafft worden nach Deutschland mit einem der letzten Juden-Transporte, wie das so im Amtsdeutsch hieß, und in Auschwitz dann umgekommen.

Dieses deutsch-deutsche Schicksal – ich weiß nicht, ob Sie wissen, dass ich auch noch Jurist bin, Rechtsanwalt. Und wenn ich daran denke, dass fast alle meine Lehrer seinerzeit an der Universität Heidelberg auch Nazis waren, die ungeschoren davon kamen, dann bin ich diesem Schicksal ganz besonders verbunden: selber mal geflüchtet, noch mal was anderes. Dieser Nussbaum, der fordert einen.

Es muss nicht dieses Bild sein. Das ist nun ein besonders strenges. Ich weiß gar nicht, ob das im Nussbaum-Haus in Osnabrück hängt. Da gibt es, glaube ich, an die 200 Arbeiten, die dort versammelt sind. – Ja, wäre meine Wahl. Genauso gut Hans Hartung, auch einer, der emigriert ist nach Frankreich, Otto Freundlich. Es gibt viele, leider viele, die da in Frage kämen.

Kunst nicht als schmückendes Element

Koldehoff: Müsste es ein Bild oder ein Bildprogramm sein? Oder könnte man auch an eine Art von Rotation denken?

Staeck: Das wäre mir egal. Es könnte ein Zyklus sein. Aber ich glaube, ein Bild ist schon, das fordert. Ich erwarte, noch mal, die Kunst nicht als schmückendes Element zu benutzen, sondern ja, damit leben, und das ist schon eine Herausforderung. In einem Kanzlerbüro, Kanzlerinnenbüro – ich glaube, Gerhard Schröder hatte den Baselitz, den stürzenden Adler hinter seinem Schreibtisch, habe ich mal gesehen. Da lässt die Wand einiges zu, sicher. Aber ich wäre schon für ein Bild.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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