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StartseiteCorsoPerformance to go11.05.2015

Kunst in Köln Performance to go

Performances sind - konträr zum aktuellen Kunstmarkt-Boom - nahezu unverkäuflich. Zumindest bis jetzt, denn das Kölner Performance-Duo "Katze und Krieg" wagt das Experiment und eröffnet auf Zeit mitten in der Kölner City ein Geschäft. Unter dem Titel "Money. Experience. Satisfaction now" gibt es dort für Shoppinggeplagte Performance zum Mitnehmen.

Von Peter Backof

Die Einkaufsmeile Hohe Strasse fotografiert am Mittwoch (22.08.2012) in Köln. (picture-alliance / dpa / Oliver Berg)
Mitten auf der Kölner Hohe Straße eröffnet für kurze Zeit ein Shop, der Performances zum Mitnehmen anbietet. (picture-alliance / dpa / Oliver Berg)
Weiterführende Information

Performance-Biennale in Buenos Aires - Meditieren mit Marina
(Deutschlandradio Kultur, Fazit, 10.05.2015)

"Ist das hier die Hohe Straße, Richtung Dom?"

Ja genau, und überall schwebt dieser süßlich-fettige Pommesduft. Das Ladenlokal, das "Katze und Krieg" für diese Woche zwischengemietet haben, befindet sich am Anfang der massiv frequentierten Shoppingmeile in der City. Ein "Mutter Erde"-Ökoshop, ein "Sofort-Bargeld!"-Goldankauf, ein Friseursalon und ein Straßencafé sind die Nachbarn. Und die schauen etwas ungläubig, aber interessiert, wie Julia Dick und Katharinajej erste Kundschaft acquirieren:

"Zum Beispiel 'Deep Love', eine Performance für mehr Liebe im Angebot oder 'Clouds in Heaven', eine Performance für Entspannung." - "Eigentlich muss man das anders dann aussprechen und sagen: 'Clouds in Heaven!'"

"Hey, du kannst dir alles, was du brauchst, auch kaufen! Ein Utopieladen eigentlich. Möchtest du was kaufen?"

Ein völlig neuer Markt

Seit Wochen schon verschicken "Katze und Krieg" Werbemails im Stil nerviger Pop-up-Ads, wenn auch regenbogenfarben und somit friedfertig. Diese Ästhetik findet sich jetzt auch im Schaufenster vor Ort wieder, die Musik tönt aus einem kleinen Lautsprecher in Richtung Café. Schwer einzuordnen, irgendwo zwischen anthroposophischer, künstlerischer und sozialpädagogischer Methode platzieren "Katze und Krieg" ihr Angebot, bei dem sie die Nachfrage auch erst einmal generieren müssen.

"Wenn es die Schublade geben würde - 'Ah, da werden Performances verkauft' - toll, wenn die gleich aufgehen würde, dann würden Menschen es ja verstehen, aber es ist ja ein ganz neuer Markt. Es gibt diese Art von Geschäft nicht: Ich glaube, es wird erstmal für alle irritierend sein. Aber wir arbeiten daran. Wir meinen das ernst. Also jetzt haben wir Performances zwischen 4,99 und 22,99. Also wirklich wie..."

Also wie der Friseur daneben. Preise zwischen Augenbrauenzupfen und Waschen-Legen. Dieses Geld hätte man, unterwegs in einer Fußgängerzone, dabei, um prèt-à-porter eine Performance auszuprobieren. Eine Menütafel am Shop informiert über die elf Optionen. Von "Light My Fire" für mehr Erotik – aha! - bis "Flying High" für mehr Freiheitsgefühl.

Die Inhalte hatten Julia und Katharina vor Ort bei Passanten erfragt: Was fehlt, was wäre ein Mehrwert in Ihrem Leben?

Wir wollen wissen: Was machen sie nun daraus? - und probieren "Clouds in Heaven", für mehr Entspannung, aus:

"Und meinst du, dass du jetzt während der Performance auch das dokumentieren möchtest oder machst du jetzt erst einmal die Erfahrung?"

Ja, schwierig, das Ethnologenproblem: Du mischst dich in ein System ein und veränderst es.

"Eigentlich passt es gut, wenn du das erst einmal erfährst, gerade bei 'Entspannung', kannst das Mikrofon einfach mir geben!"

Pause in der Parallelwelt

Es beginnt eine Parallelszene: Katharina und ich liegen auf einer Decke, ausgerechnet mitten auf einer Fußgängerzonenkreuzung – überlaufener geht es nicht! - hören per Headset diese Musik und lassen uns die Sonne ins Gesicht scheinen. Was für eine Wahrnehmung! - das Peinliche an dieser Übersprunghandlung ist schnell ausgeblendet, da ist diese Musik, die Sonnencorona im Blick, Augen zu, und ganz entfernt im Surround-Sinn-Spektrum: Gelächter, Gemurmel und - Pommesduft. Wenn es nicht entspannt, dann macht es doch zumindest: gelassen!

Währenddessen hat Julia dokumentiert:

"Die versuchen zu entspannen – mitten in der Stadt? - Warum liegen die da?" - "Wir verkaufen gerade Performances und das ist eine Performance für mehr Entspannung." - "Okay!?" - "Was haben Sie gedacht?" - "Ich dachte, vielleicht isser kollabiert oder so." – "Kollabiert? Nein." - "Hätt ja sein können." - "Sowas hab´ich im Film gesehen." – "Oh, ah." - "Ne gute Idee, gefällt mir!" - "Kommst du mal vorbei?" - "Auf jeden Fall!" - "Ab Montag, immer 17 bis 20 Uhr."

"Oh, da legt sich noch wer dazu. Wow! Jetzt liegen schon ein, zwei, drei vier..., neun Leute. Zehn! Passiert gerade so ´ne Hinlege-Ansteckung."

Klug und kreativ

Der Zufall des Tages, bei diesem Appetizer für "Money. Experience. Satisfaction now": Eine Horde von einem Junggesellenabschied fühlt sich animiert. Über die anderen zehn Performances wollen "Katze und Krieg" nichts verraten: Es soll unbedingt überraschendes Street Art Theater sein.

Ein Fazit: Das ist klug und kreativ gemacht und nur auf den ersten Blick skurril und satirisch: Im Rahmen einer zehnminütigen Szene die ganz großen Bedürfnisse anzugehen – Liebe, Gesundheit, Reichtum – das ist natürlich utopisch, aber: Es setzt einen Impuls, verzaubert vielleicht den Tag. Empfehlung: Mitmachen!

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