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StartseiteKalenderblattMalerei am Abgrund12.12.2013

KunstMalerei am Abgrund

Viele seiner Gemälde sind heute weltberühmt, früher schockierten sie das Bürgertum: Zu neu war das, was der norwegische Maler Edvard Munch schuf. Er gilt als Begründer des Expressionismus und malte Bilder elementarer, menschlicher Empfindungen. Vor 150 Jahren wurde er geboren.

Von Anette Schneider

Undatierte Aufnahme eines Selbstbildnisses des norwegischen Malers Edvard Munch. (picture alliance / dpa)
Selbstbildnis des norwegischen Malers Edvard Munch. (picture alliance / dpa)
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Der Lebensfries des Edvard Munch

Zitat Edvard Munch: "Ich ging spazieren mit zwei Freunden. Da sank die Sonne. Auf einmal ward der Himmel rot wie Blut, und ich fühlte einen Hauch von Wehmut. ... Meine Freunde gingen weiter, und ich stand allein, bebend vor Angst. Mir war, als ginge ein mächtiges, unendliches Geschrei durch die Natur.“

Diese Eindrücke notierte Edvard Munch 1891 an den Rand einer Vorarbeit zu seinem wohl berühmtesten Gemälde "Der Schrei“.

Munch, am 12. Dezember 1863 im norwegischen Löten geboren, und in Christiania, dem späteren Oslo, aufgewachsen, hatte bereits als Sechsjähriger seine Mutter verloren, dann seine Lieblingsschwester, eine andere wurde wahnsinnig. Während er das Zeichnen früh als seelische Rettung entdeckte, war sein Vater, ein streng pietistischer Militärarzt, mit der Familiensituation völlig überfordert.

Gemälde "Der Schrei" von Edvard Munch (picture alliance / dpa / Andrew Gombert)"Mir war, als ginge ein mächtiges, unendliches Geschrei durch die Natur.“, notierte Munch an den Rand einer Vorarbeit zu seinem berühmtesten Gemälde (picture alliance / dpa / Andrew Gombert)

Zitat Edvard Munch: "Er versuchte, für uns Vater und Mutter zu sein. Aber er war schwermütig, nervös ..., mit Perioden religiöser Anwandlungen, die an Wahnsinn grenzten, wenn er tagelang im Zimmer auf- und abschritt und dabei Gott anrief.“

Und: Der Vater entschied, Munch solle Ingenieur werden!

Doch der schrieb im November 1880 in sein Tagebuch:

Zitat Edvard Munch: "Ich bin nun wieder aus der Technischen Schule abgemeldet. Ich habe mich entschieden, Maler zu werden.“

Es entstanden naturalistische Porträts, und schon bald folgten erste Ausstellungsbeteiligungen.

1885 erhielt Munch ein Stipendium für eine Parisreise. Dort entdeckte er Arbeiten von Courbet und Degas. Danach war nichts mehr wie zuvor: Zurück in Norwegen malte er das Bild eines todkranken Kindes, das den Kopf erschöpft der Mutter zuwendet, die neben ihm am Bett hockt. Statt des bisherigen feinen Farbauftrags setzte Munch die Farben mit grobem Pinselstrich neben- und übereinander, arbeitete Kratz- und Pinselspuren ein, ließ ganze Passagen scheinbar unfertig - und präsentierte das Gemälde der Öffentlichkeit.

Zitat Edvard Munch: "Mit 'Das kranke Kind‘ bahnte ich mir neue Wege - es wurde zum Durchbruch in meiner Kunst. Die meisten meiner späteren Werke verdanken diesem Bild ihre Entstehung. Kein Gemälde hat in Norwegen so viel Ärgernis erregt wie dieses. Als ich am Eröffnungstag den Saal betrat, in dem es hing, standen die Menschen dichtgedrängt vor dem Bild - man hörte Geschrei und Gelächter.“

Malweise und Thema schockierten das Bürgertum. Doch Munch hatte zu seiner Malerei gefunden: Fortan entstanden expressive Bilder über Krankheit und Tod, Angst und Einsamkeit, Liebe, Eifersucht und Hoffnung - Bilder elementarer, menschlicher Empfindungen.

Publikum reagiert empört auf seine Aktbilder

Die Kunsthistorikerin Karin Orchard kuratierte gerade eine Munch-Ausstellung im Sprengel Museum Hannover:

"Er findet eine Formensprache dafür, die es vorher so noch nicht gegeben hat: Wirklich auf eine ganz individuelle Art und Weise auf solche Problematiken und diese ganzen psychologischen Zustände, zu reagieren. Da ist Munch wirklich der Erste.“

Viele Jahre führte Munch ein rastloses Leben: Er pendelte zwischen Norwegen, Frankreich und Deutschland, lernte in literarischen Bohème-Kreisen u. a. Ibsen kennen, Strindberg und Arno Holz. 1892 stellte er erstmals in Berlin aus, darunter Aktbilder verführerisch-dämonischer Frauen. Das Publikum reagierte empört, die Ausstellung musste geschlossen werden.

Die Zeitschrift „Kunstchronik“ schrieb dazu lapidar:

"Es besteht kein Grund, über Munchs Bilder noch Worte zu verlieren; denn sie haben nicht das Geringste mit Kunst zu tun.“

Da kaum jemand seine Bilder kaufte, begann Munch ab Mitte der 1890er-Jahre mit Holzschnitten und Radierungen.

Nach seinen rastlosen Jahren und einem Nervenzusammenbruch wurde Munch 1909 in der Nähe von Christiania ansässig. Mittlerweile hatte er sich als Maler durchgesetzt, und er begann, seinen Blick eher weg von der Seele nach außen zu richten: Er malte Landschaften, und - verstärkt nach dem Ersten Weltkrieg und der russischen Revolution - Bilder von Arbeitern.

1933 begannen die Nationalsozialisten Munch als "entarteten Künstler “ zu diffamieren und wollten während der Okkupation Norwegens eines seiner Anwesen enteignen. Edvard Munch, Skandinaviens wohl berühmtester Künstler, starb im Januar 1944.

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