Montag, 17.12.2018
 
Seit 10:10 Uhr Kontrovers
StartseiteHintergrundKunst und Kultur hinter der Mauer06.10.2004

Kunst und Kultur hinter der Mauer

Die Situation der Intellektuellen in den palästinensischen Gebieten

Der Weg ist lang - von Jerusalem nach Ramallah im Westjordanland. Für die knapp 20 Kilometer muss man frühzeitig aufbrechen, denn es gibt keine durchgehende Verbindung. Ob Taxi, Bus oder Sherut, das Sammeltaxi, kein Verkehrsmittel fährt weiter als bis zum nächsten Checkpoint. Ahram ist der erste. Raus aus dem Taxi.

Von Doris Bulau

Zwei Palästinenser beobachten den Bau der Grenzmauer bei der Stadt Abu Dis im Osten von Jerusalem (AP)
Zwei Palästinenser beobachten den Bau der Grenzmauer bei der Stadt Abu Dis im Osten von Jerusalem (AP)
  • E-Mail
  • Teilen
  • Tweet
  • Drucken
  • Podcast

Die zerklüftete, staubige und mit Müll bedeckte Straße führt zum Kontrollpunkt des israelischen Militärs. Dann ins nächste Taxi bis Calandia - die gleiche Prozedur, überall fliegende Händler, die alles mögliche verkaufen: Obst, Falaffel, Plastikspielzeug, Kleiderbügel. Je länger die Wartezeit, desto höher ihre Einnahmen. Die Straße nach Ramallah ist durch eine Mauer in der Mitte geteilt - ein Monstrum, mehr als acht Meter hoch, grauer Beton. So wird die neue Grenze zementiert.

Wer - von Jerusalem aus - links vom Sperrwall wohnt, befindet sich auf israelischem Territorium, wer rechts wohnt, im Westjordanland. Die Mauer reißt Nachbarn, Familien und Arbeitplätze auseinander. Unmittelbar dahinter Ramallah, die Hauptstadt der Westbank. Hier lebt Palästinenser-Präsident Jassir Arafat in seiner vom israelischen Militär zerschossenen Residenz, der Mukata, unter Hausarrest. Eine ruhige Seitenstraße Ramallahs beherbergt das "Sakakini-Kulturzentrum". Leiterin ist die engagierte Adila Laida.

Wir machen hier eine Menge. Erst mal für alle Leute: Konzerte, Filme, Lesungen usw. Aber wir machen auch viel mit Kindern und unterstützen die Flüchtlingslager. Uns geht es um die palästinensische Identität und unsere Geschichte. Für Kinder machen wir Spiel- und Spaßprogramme. Denn in palästinensischen Schulen gibt es keine Kunsterziehung. Deshalb arrangieren wir Treffen mit Künstlern und machen Workshops.

Traditionelle Kultur ist Teil des Programms, aber auch moderner Tanz, europäische Filme, experimentelles Theater werden - wenn eben möglich - angeboten. Ausländische Künstler sind davon abhängig, ob die israelische Regierung ihnen die Einreise erlaubt. Palästinensischen Künstlern aus Hebron, Nablus, Gaza oder Bethlehem ist es gänzlich verwehrt zu kommen. Sie können ihre eigenen Städte praktisch nicht verlassen, weil die vom israelischen Militär abgeriegelt sind. Das mache es auch für die Zuschauer alles andere als einfach, klagt Adila Laidi.

Unsere Veranstaltungen finden abends statt, da gibt es keine öffentlichen Verkehrsmittel mehr, um hinterher nach Hause zu kommen, außerdem ist die Sicherheitslage instabil. Wer in Ramallah lebt, kann kommen, aber die anderen nicht - wegen der Checkpoints. Leben in Palästina heißt: Leben in Ramallah, Leben in Bethlehem oder in Nablus. Filme, die sind hier und dort zu sehen, aber die Menschen, die können seit der Intifada nicht mehr hin und her.

Um 22.00 Uhr schließt der Checkpoint in Calandia. Wer eine Minute später kommt, hat Pech und muss bleiben. Schleichwege gibt es kaum noch, und sie sind lebensgefährlich. Die Mauer ist fast unüberwindbar.

Die Mauer ist illegal. Die dürfte gar nicht da sein. Illegal im Sinn von - sie zerstört das Leben von Leuten, die hin und her, die nichts anderes als die Welt um sich herum kennen, dass es frei war von Jerusalem nach Hause zu gehen, ja. Was macht dort eine Mauer überhaupt?

Sami Kamal ist Journalist in Ost-Jerusalem. Seit mehr als zehn Jahren arbeitet er als Leitender Redakteur bei der "Jerusalem Times", die in englischer Sprache aus Palästina berichtet. Dass trotz Intifada, Mauer und Checkpoints die Kultur dort nicht tot ist, erklärt er so:

Das ist ein Mittel des Widerstands, eine Art sich zu wehren. Palästinenser sehen die Besatzung nicht nur als eine physische, militärische Besatzung. Ihre Kultur ist bedroht. Der Ausdruck eigentlich ist ein Versuch, die Identität zu behalten und zu entwickeln.

Sami Kamal war nie in Deutschland, die Sprache hat er im Goethe-Institut in Jerusalem gelernt. Einer seiner Lieblingsplätze im arabischen Osten der Heiligen Stadt ist das alte, arabische American-Colony-Hotel. In dessen Keller-Bar oder im schattigen Innenhof wurden und werden trotz allem israelisch-palästinensische Kontakte gepflegt, wird politisiert, werden Projekte entworfen. Das Colony bleibt Treffpunkt der intellektuellen Palästinenser.

Seit der Intifada gibt es eine Gruppe, die heißt Tamir. Sie haben sich zur Aufgabe gestellt, Kindern nicht Lesen und Schreiben beizubringen, sondern "Bücher zu lesen", Sie gehen in die Dörfer mit der Aufgabe, den Kindern das Lesen beizubringen. Das machen auch andere Gruppen mit Film und Theater und das sind Sachen, die neu sind.

Die Versuche, im Flickenteppich Palästina Kunst und Kultur zu vermitteln, sind mühsam. Buchläden, wie wir sie kennen, gibt es nicht. Bücher aus Europa oder den USA fehlen, bedauert Sami Kamal.

Es wird noch eine Generation mindestens vorbei gehen müssen, ja, ich kann mir eine Buchhandlung leisten. Es gibt keine Buchhandlungen in Ramallah oder Ost-Jerusalem.

Doch es gibt eigene Literatur und Autoren. Die führen allerdings ein Schattendasein. Prominente palästinensische Schriftsteller leben längst nicht mehr in den besetzten Gebieten mit ihren täglichen Schikanen. Es ist ein Teufelskreis: kein Verleger, kein Papier, keine Druckerei, keine Leser.

Es gibt einen Versuch, doch den Leuten etwas zu bieten, kostenlos. Al Ajam, die palästinensische Tageszeitung in Ramallah bietet einmal im Monat ein Buch an - im Zeitungspreis. Etwa zweieinhalb Schekel. Also wer einmal im Monat ein Buch lesen will, kann man es durch die Zeitung bekommen.

Was liest Sami Kamal selbst? - Am liebsten Krimis, egal ob auf englisch, deutsch oder hebräisch - denn arabische Krimis sind selten. Auch deutsche Klassiker und vor allem Werke zur europäischen Geschichte sind für Sami von besonderem Interesse. Die besorgt er sich heimlich in Westjerusalem, erzählt er grinsend. Doch Sami kennt sich natürlich auch aus mit der Literatur der Intifada, des Aufbegehrens gegen die israelische Besatzung. Literatur mit eigenem Impuls wie der Lyriker und Journalist Ali Sah sie nennt.

Ich glaube schon, dass die Intifada am Anfang im ersten Jahr und im zweiten die palästinensischen Schriftsteller, Autoren, Künstler beeinflusst hat. Sie schrieben viel über die Intifada, verbinden Einzelheiten, was in der Intifada passiert und geschieht in ihre Schriften, in ihren Gedichten, in ihren Romanen und Theaterstücken, sogar auch im Kino, da gibt es verschiedene Filme, über die Intifada in Westbank und Gazastreifen.

Doch wie sieht die Realität aus? - Künstler haben im eigenen Land kaum eine Chance. Ihr Ausweg: raus aus Palästina nach Europa oder in die Vereinigten Staaten. Adila Laida vom Sakakini-Kultur-Zentrum in Ramallah zeigt dafür Verständnis.

Wir Palästinenser sind die Verlierer, denn wir verlieren die talentiertesten Menschen. Sie gehen einfach weg. Ich kann sie schon verstehen. Die Menschen brauchen ein Leben.

Ortswechsel. Das kleine Städtchen Bethlehem westlich von Jerusalem ist lückenlos abgeriegelt. Die fast neun Meter hohe Betonmauer macht aus Bethlehem eine Festung, nicht einen Anziehungspunkt für Touristen und Pilger aus aller Welt. Die Geburtsstadt Jesu wird so zu einem verlassenen Ort. Touristenbusse vor der Geburtskirche - Fehlanzeige. Der große Platz mit seinen Souvenirläden wirkt leergefegt. Lebhaft dagegen präsentiert sich der Straßenmarkt im Ortskern.

Im Internationalen Begegnungszentrum versucht Leiter Mitri Raheb, das kulturelle Leben Bethlehems zu organisieren - soweit das unter diesen Bedingungen überhaupt möglich ist.

Die Mauer ist nicht nur eine Sünde, sondern ist eigentlich eine kriminelle Einrichtung, die das Leben der Palästinenser, unser Leben und das der Israeli für die nächsten drei Generationen wahrscheinlich bestimmen wird und eine Art Apartheidsystem schaffen wird. Das ist natürlich für Bethlehem eine Katastrophe, weil Bethlehem vom Tourismus lebt, und die Mauer wird Touristen schrecken, die möchten nicht durch diese Checkpoints durchgehen. Zweitens das ist eine Mauer, die die politischen Realitäten einfach betoniert, in der sie aus der kleinen Stadt Bethlehem ein großes Gefängnis macht.

Freiluftkonzerte und Theateraufführungen sind da besonders beliebt. Vor allem moderne arabische Musik hören die Menschen dieser überwiegend christlichen Gesellschaft gerne. Rai-Musik aus Frankreich galt in diesem Sommer als Höhepunkt.

Kein Tag ist einfach, jeden Tag hast du einen Plan A, das ist der eigentliche Plan, aber du musst immer einen Alternativ-Plan haben, und der bringt dich natürlich vom eigentlichen Vorhaben ab. Du arbeitest unter Hochdruck, und es ist zum Verrücktwerden - plötzlich kannst du dein Programm vergessen, musst plötzlich flexibel sein, weil Dinge passieren, mit denen du nicht rechnest.

Noura Khoury, die Managerin des Zentrums, spricht aus Erfahrung, denn die wenigen ausländischen Künstler, die den Mut haben, in Bethlehem aufzutreten, brauchen die Genehmigung des israelischen Militärs. Oft genug wird darüber aber erst am Checkpoint entschieden. So erreichen die Organisatorin immer wieder verzweifelte Anrufe: keine Erlaubnis. Wohin dann mit dem wartenden Publikum? Plan B läuft an. Statt eines Konzertes muss dann etwa ein Film gezeigt werden. Abriegelung, Checkpoints, die Mauer - Diskussionen um Gehen oder Bleiben bewegen gerade in Bethlehem die Gemüter. Denn in dem kleinen, eingemauerten Ort sind die Beschränkungen besonders deutlich zu spüren. Für Mitri Raheb, der gleichzeitig auch Pfarrer der Luther-Kirche ist, stellt sich diese Frage jedoch nicht.

Ich kann nur für mich selbst die Entscheidung treffen, nicht auszuwandern und hier zu bleiben. Ich kann nur einfach Arbeitsplätze schaffen, dass Leute sagen, ok, wir haben keine hohen Gehälter, die Situation ist schlimm, aber ich habe einen Arbeitsplatz und das ist positiv und etwas was wirklich Sinn macht.

Faten Mukarker ist Mutter von vier Kindern, Buchautorin und gläubige Christin. Sie lebt mit ihrer Familie in Beit Jalla, direkt bei Bethlehem. Wenn sie aus ihrem Wohnzimmer schaut, blickt Faten auf die israelische Siedlung Gilo, und von der Küche aus auf Har Homar, eine andere Siedlung. Und im Schlafzimmer versperrt ihr die Mauer mehr als nur die Sicht. Ihr kleiner Pfirsichgarten liegt jetzt unerreichbar dahinter. Das Gebiet wurde von den Israelis zur Sicherheitszone erklärt. Eine Entschädigung für diese Enteignung gibt es nicht. Also: Bleiben oder gehen? In Faten Makarkers Familie wird heftig darüber gestritten.

Es ist keine leichte Entscheidung. Tag für Tag muss ich kämpfen, um zu bleiben, mit meinem Mann, denn er will gehen, meine Kinder, auch sie wollen weg. Es gibt keine Familie in Beit Jalla, die keine Verwandte im Ausland hat. Gehen? Meine Heimat, meine Wurzeln sind hier, und man darf nicht vergessen, dass ist das Ziel, wo Scharon hinaus will.

Der Arzt und Schriftsteller Majid Nasser leitet ein medizinisches Zentrum in Beit Sahour, wenige Kilometer außerhalb von Bethlehem. Seine Antwort ist eindeutig. Er bleibt, obwohl er als in Hamburg ausgebildeter Mediziner gute Chancen im Ausland hätte - trotz seines mühseligen Alltags im Westjordanland.

Allein schon die Unfähigkeit, sich frei zu bewegen, einen Patienten nach Jerusalem zu bringen, ist eine Tortur. Seit 1991 ist es mir verboten nach Jerusalem zu reisen, nicht erst seit der Intifada. Die Bewegungseinschränkung macht alles schwierig. Die Checkpoints und die unsinnige Willkür, sich von einem 18-jährigen Soldaten sagen zu lassen, was geht und was nicht. Und da leiden die meisten Leute. Sie müssen zu Fuß durch den Dreck und Staub, durch die heiße Sonne. Durch die Checkpoints sind die Palästinenser zu einem Fußvolk geworden.

Die Mauer als Alltagsbelastung. Dem Argument der israelischen Sicherheitsbehörden, durch die Mauer seien die Anschläge der Palästinenser deutlich weniger geworden, kann der Journalist Ali Sah nicht folgen. Er hat eine andere Erklärung.

Für mich gibt es eine neue Orientierung in den palästinensischen Gruppen Hamas, Dschihad und die anderen, vielleicht, durch Druck von Ägypten und verschiedenen arabischen Staaten, um mit Anschlägen gegen Israel aufhören, damit sie auch dem Frieden eine Chance geben, aber nicht die Mauer.

Immerhin debattieren und kritisieren auch der UN-Sicherheitsrat und der israelische Gerichtshof den Verlauf der Mauer. Der Arzt Majid Nasser, der für eine Zwei-Staaten-Lösung ist, empört sich.

Das Problem ist, dass die Mauer in den besetzten Gebieten läuft und das ist völkerrechtswidrig, und das darf man nie akzeptieren oder sagen, das macht nichts, nein. Diese Mauer muss nicht weg und die israelische Regierung kann die Mauer von 1967 bauen, bitte schön - da hat kein Mensch etwas dagegen.

Die palästinensische Politik scheint außerstande, auf eine Lösung hinzuarbeiten, und die Israelis bauen die Mauer weiter. Für den Alltag der lebenslustigen Faten Mukarker heißt das:

Ich vermisse die Spontaneität nach Jerusalem zu fahren, ich vermisse das Meer, ich vermisse den Frieden und das Gefühl, ein Mensch erster Klasse zu sein. Ich vermisse es, in einem Staat zu leben, der meine Interessen wahrt.

Faten Mukarker, die in ihrem autobiografischen Buch "Leben zwischen den Welten" ihre Kindheit und Jugend zwischen Bonn und Beit Jalla beschreibt, macht sich in erster Linie Gedanken über die Jugend Palästinas. Ihre jüngste Tochter ist gerade elf Jahre alt und geprägt von der Besatzung, von den Bombenangriffen des israelischen Militärs vor zwei Jahren, von geschlossenen Schulen, Straßen, Kirchen und ständigen Kontrollen. Faten möchte nicht resignieren, sieht jedoch den Tatsachen ins Auge: die Männer und Frauen, die sich einen Sprengstoffgürtel umlegen, werden immer jünger.

Die Jugend in Palästina hat keine Zukunftsperspektiven, die Mauer, Präsident Bush, der Scharon die Westbank verspricht, ein Europa was schweigt. Wo soll man Hoffnung herholen? Das Leben ist nicht mehr lebenswert - hätte die Jugend eine Zukunftsperspektive auf der Erde, niemand könnte ihnen einreden, dass man sie im Himmel finden könnte.

Die Sehnsucht nach Frieden, nach einem normalen Alltag, nach Arbeit, Ausbildung und Reisefreiheit ist groß. Doch ohne Verhandlungen geht es nicht weiter. Die entscheidende Frage ist: Wer soll mit wem verhandeln? Die weltoffene und friedensbewegte Faten Mukarker weiß, dass Arafat nicht unumstritten ist, dennoch - allein die Tatsache, dass er unter israelischem Hausarrest steht, der Regierungssitz zerbombt wurde, die israelische Regierung ihn möglicherweise ausweisen und das Militär ihn liquidieren will, ist in ihren Augen eine furchtbare Demütigung des ganzen palästinensischen Volkes. Auch für Faten gibt es nur Frieden mit Arafat.

Arafat hat mit Rabin den Friedensprozess unterschrieben, und sein Interesse ist es, einen palästinensischen Staat zu errichten. Rabin wurde ermordet, übrig bleibt Arafat. An ihm hängt noch ein Hauch Oslo.

Diese Ansicht vertreten wohl die meisten Palästinenser. Dass sich der Friedensprozess zwischen Israelis und Palästinensern noch einmal beleben lässt, solange Scharon und Arafat sich feindselig gegenüber stehen, scheint zur Zeit fraglich. Irgendwann aber ist auch in Israel und Palästina eine jüngere Generation am Ruder.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk