Montag, 26.10.2020
 
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Kunst und MusikWissen ohne Worte

Egal ob Gemälde, Skulptur oder Musikstück: Kunst enthält ein immenses Wissen über die Welt. Welche Rolle spielen solche Medien für die Vermittlung von Wissen? Wie wandert es aus den nicht-begrifflichen Medien in die soziale Praxis? Über diese Fragen haben Forscher auf einem Kongress in Berlin debattiert.

Von Bettina Mittelstrass

Ein golden schimmerndes, reich verziertes Dom-Modell aus dem 12. Jahrhundert ist im Januar 2014 im Bode Museum in Berlin zu sehen. (picture alliance / dpa / Stephanie Pilick)
Ein golden schimmerndes, reich verziertes Dom-Modell aus dem 12. Jahrhundert ist im Januar 2014 im Bode Museum in Berlin zu sehen. (picture alliance / dpa / Stephanie Pilick)

"Ich begrüße Sie alle recht herzlich hier in der Schatzkammer. Ausgestellt sind, wenn Sie sich umschauen, vor allem Elfenbeinschnitzwerke, also Werke der Elfenbeinschnitzkunst, aber auch andere Preziosen. Mir geht es in meiner Vorstellung um dieses Stück hier - wenn Sie vielleicht ein bisschen näher kommen möchten."

Im Bode-Museum in Berlin lädt der Theaterwissenschaftler und Wissenshistoriker Michael Conrad zu einer kriminologischen Arbeit am Objekt ein. Ein kleiner Thron aus Elfenbein in einer Vitrine - nicht größer als ein Würfel mit einer Seitenlänge von vielleicht sechs Zentimetern. Darauf sitzt eine weibliche Figur. Was ist geschehen, dass es diese kleine Objekt heute hier im Museum gibt? "Es handelt sich um eine Schachkönigin aus dem 12. Jahrhundert. Man glaubt, dass sie in Süditalien in der Zeit entstanden ist. Also treten Sie ruhig näher und schauen Sie mal, was Ihnen alles auffällt."

"Bilder, Skulpturen zum Beispiel, aber auch Texte sind Wissensspeicher. Denn in ihnen eingeschrieben, eingelagert sind zum Beispiel Kulturtechniken, ist der Umgang mit bestimmten Formtraditionen, Innovationskraft, Veränderung von Formen und damit sozusagen auch Wissen, das sich angereichert hat über verschiedene Zeiten und das Bewegungen, Veränderungen unterliegt."

Es geht um "Wissen in Bewegung"

Der Kunsthistoriker Klaus Krüger ist Professor an der Freien Universität Berlin und Mitglied im Sonderforschungsbereich "Episteme in Bewegung". Episteme ist aus dem Altgriechischen abgeleitet und bedeutet Wissen oder Wissenschaft. Es geht also um "Wissen in Bewegung" in dem seit 2012 von der Deutschen Forschungsgemeinschaft geförderten Verbund. Prozesse des Wissenswandels in europäischen und nicht-europäischen Kulturen in der Vormoderne interessieren die Forscher, die aus unterschiedlichen Disziplinen kommen. Am vergangenen Wochenende richteten sie im Bode-Museum ihre Jahrestagung aus, die sich dem "Figuralen Wissen" widmete.

"Es geht eben nicht um Figürliches, sondern 'Figura' im Sinne einer spezifischen Gefasstheit, die aber verstanden wird durch ihre Beweglichkeit, ihre Plastizität. Figura hängt eng zusammen mit dem Begriff des "fictor" oder "fingere" - also einer plastizierenden, formenden Bewegung."

Anne Eusterschulte ist Professorin für Philosophiegeschichte an der Freien Universität Berlin. Das lateinische Wort "fictor" bedeutet Bildhauer und "fingere" gestalten. Es geht also um ein Wissen, das Form annimmt - eine Form aber, die sich durch die Zeit verändert, weil sie immer wieder von neuem, anderem Wissen gespeist und umgestaltet wird. Auf der Tagung zeigten die Referenten anhand vieler Beispiele, dass sich Wissensbestände und -Traditionen ständig durch Überlagerungen und Verflechtungen mit anderen Kulturen formten.

Verflechtung verschiedenster Objekte und Kulturen

"Das Museum selbst ist vielleicht der beste Ort dafür, denn das Bode Museum - man könnte sagen, auch das ist eine Art Figura, ein Musentempel. Denn hier haben wir die Verflechtung von verschiedensten Objekten - von Münzsammlungen, von Bildwerken, von Büchern, von Statuen, von Refliefs, von Mosaiken und Fresken und so weiter, aber eben auch unterschiedlicher Kulturen, des griechisch-römischen, des byzantinischen, Ansätze des Arabischen oder Asiatischen, all das verflicht sich hier zu einer ganz neuen Wissensordnung und insofern ist das Museum selbst ein Paradebeispiel für das, was uns interessiert.

Klaus Krüger ergänzt: "Der Reiz an der interdisziplinären Konfiguration dieses Sonderforschungsbereiches ist, dass für bestimmte Disziplinen deren Gegenstände nicht automatisch mit einem Wissensbegriff in traditioneller Weise verknüpft werden. Also zum Beispiel in der Kunstgeschichte: Inwieweit verkündet ein Bild Wissen? Durch seine ästhetische Faktur? Das ist, was wir das nicht-propositionale Wissen oder ein illusives, ein angedeutetes, hintergründiges, vor allen Dingen nicht-begriffliches Wissen nennen. Und von der Auseinandersetzung mit dieser Kategorie eines nicht-begrifflichen Wissens können wieder Erkenntnisse in andere Disziplinen wandern, die stärker mit einem begrifflich gefassten Wissen umgehen. Und so entsteht eigentlich ein reger interdisziplinärer Austausch."

Von all diesen Verflechtungen erzählt beispielhaft die kleine Schachfigur aus Elfenbein. Michael Conrad: Wie kommt denn Elfenbein eigentlich im 12. Jahrhundert nach Süditalien? Also, das nimmt man erstmal als selbstverständlich hin. Aber wenn man anfängt, darüber nachzudenken, fällt einem auf, dass das keineswegs selbstverständlich ist. Und das ist eine etwas längere und auch durchaus sehr spannende Geschichte - und dafür würde ich jetzt jemand bitten, mal diese Karte hier zu halten. Vielen Dank."

Wissensschichten über Welthandel oder Färberei entblättern

Der Wissenschaftler erzählt von den im 12. Jahrhundert bekannten Elefantenrevieren im heutigen Kenia und Simbabwe. Und von den Routen von dort bis nach Salerno, wo die rötlich schimmernde Figur wahrscheinlich geschnitzt und eingefärbt wurde. Das alles sagt etwas aus über einen gut vernetzten Welthandel mit schweren Gütern - ein Stoßzahn wog bis zu 60 Kilogramm.

"Über Land und See wurde dabei, wenn man jetzt bis nach Nordeuropa gehen würde, immerhin eine Entfernung von 16.000 Kilometern zurückgelegt und zwar in einer Zeit, die kein Flugzeug kennt und kein Auto. Man merkt also, was für gewaltige Distanzen überwunden werden mussten. Und der Hauptumschlagplatz, das sieht man hier, war Alexandrien. Der Hafen von Alexandrien war auch Umschlagplatz von Färbemitteln. Warum das wichtig ist, da komme ich gleich noch drauf zu sprechen."

Das Entblättern solcher Wissensschichten über Welthandel oder Färberei und Verarbeitung von Elfenbein anhand der Schachfigur wirft die Frage auf: Würde der Betrachter denn solches Wissen lesen können, wenn Michael Conrad nicht davon erzählte? Anne Eusterschulte: "Neugier, eine gewisse Curiositas ist hier gefragt, aber es geht auch darum, über Wahrnehmungsweisen, über die Prägung unserer Wahrnehmung durch Objekte, durch Bildwerke, durch Text-Corpora und so weiter nachzudenken und eben auf diese Veränderung von Wahrnehmungsweisen über die Konfrontation mit diesen Gegenständen nachzudenken. Das ist natürlich auch ein Prozess der Wissensgenese."

Michael Conrad: "Damit wäre ich schon am Ende. Wir haben also gesehen: Es lagern sich auf dieser Figur, durch die wir sehr viele Fragen stellen, aber auch sehr viele Antworten bekommen können, verschiedene Wissensschichten an. Damit sie existieren konnte, mussten sich verschiedene Wissensstränge miteinander verbinden. Und wir haben gewissermaßen den Tathergang bis zu einem gewissen Grad rekonstruieren können - nicht vollständig natürlich, da gibt es viele andere Fassetten, die man noch hätte nennen können. Aber ich würde sagen abschließend, Wissen in Bewegung in zweifacher Hinsicht - einmal: die Figur muss in Bewegung versetzt werden. Sie ist ein Wissen um Bewegung. Aber gleichzeitig brauchte es eine ganze Menge Bewegung, damit es diese Figur geben konnte."

 

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