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StartseiteDeutschland heuteBuswracks erinnern an zerstörtes Aleppo07.02.2017

Kunstaktion in DresdenBuswracks erinnern an zerstörtes Aleppo

Der deutsch-syrische Bildhauer Manaf Halbouni hat vor der Dresdner Frauenkirche ausgemusterte Linienbusse aufstapeln lassen. Damit will er an den Bürgerkrieg in Syrien erinnern. Es ist nicht das erste Kunstprojekt in Dresden, das Flüchtlinge zum Thema macht. Die Stadt hofft auf Diskussionen und Austausch am Fuße der Installation.

Von Bastian Brandau

Ein Linienbus wird am 06.02.2017 auf dem Neumarkt vor der Frauenkirche in Dresden von einem Kran in eine senkrechte Position gehoben. (dpa / picture alliance / Sebastian Kahnert)
Ein Linienbus wird am 06.02.2017 auf dem Neumarkt vor der Frauenkirche in Dresden von einem Kran in eine senkrechte Position gehoben. (dpa / picture alliance / Sebastian Kahnert)
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Sparkasse Bayreuth – die Aufschrift auf den rot-weißen Linienbussen sorgt zusätzlich für Befremden. Denn was man sieht, ist schon ungewöhnlich genug: ein ausgemusterter Linienbus, senkrecht aufgerichtet. Scheinbar ruhend auf seinem Heck erreicht er gut die Höhe der dritten Obergeschosse der umstehenden Häuser am Dresdner Neumarkt. Ein Bus steht gestern zur Mittagszeit bereits aufrecht, befestigt auf einem Beton-Sockel. Gerade richtet ein gelber Kran den zweiten auf, kritisch beäugt von Passanten und Touristen.

Im Dresdner Stadtzentrum erinnert eine Kunstinstallation an den Krieg in Syrien. Künstler ist der Deutsch-Syrier Manaf Halbouni. (imago/epd)Im Dresdner Stadtzentrum erinnert eine Kunstinstallation an den Krieg in Syrien. Künstler ist der Deutsch-Syrier Manaf Halbouni. (imago/epd)

"Da geht mir gar nichts durch den Kopf. Also ich habe schon den Bericht zu kurz gelesen, ich stimme also etlichen Experten zu, die sagen: Völlig fehl am Platz."

Andere sind da schon bei der Interpretation. Natürlich kenne er das Foto aus Aleppo und die dort damit verbundene Hoffnung auf Schutz, sagt dieser Mann:

"Und auch hier schützt man sich gegen Populismus, aufkeimenden Rechtsradikalismus und so weiter, nehme ich an."

Diskussionen um das Kunstwerk gab es bereits im Vorfeld. Schmähungen der fremdenfeindlichen Pegida, unterstützt von der AfD. In den sozialen Netzwerken wie Facebook, und dort auch direkt auf der Seite des Bildhauers Manaf Halbouni, Anfang 30, Sohn einer Dresdnerin und eines Damaszeners.

"Von Begriffen wie 'entartete Kunst' bis 'Schrottdenkmal' oder 'Denkmal der Schande' gibt es alles. Im Prinzip muss man sich nur meine Facebook-Seite angucken. Ich habe nur Kommentare gelöscht, die unter der Gürtellinie waren. Ansonsten ist dort alles noch zu verfolgen."

Immer wieder macht Halbouni dort Gesprächsangebote, versucht zu erklären – fast immer ohne Antwort. Seine Hoffnung: dass dies hier in der Wirklichkeit, angesichts des Kunstwerks, in den kommenden Wochen anders sein wird.

"Kunst darf, Kunst muss vielleicht auch ein Stück weit provozieren"

"Es geht ja auch darum, zu diskutieren. Das ist der Hauptgrund der Arbeit. Ich will, dass wir immer mal merken, wie super gut es uns in diesem Land geht. Ich will gern, dass wir alle miteinander reden können und versuchen, wenn es Probleme gibt, zusammen versuchen die in Ordnung zu bringen. Egal wie unterschiedlich unsere Meinungen sind. Es muss ein Diskurs stattfinden zwischen uns allen."

Die Kritik richtet sich gegen die Verbindung zwischen dem Zweiten Weltkrieg und dem aktuellen Bürgerkrieg. Halbouni, der in Damaskus geborene Dresdner, war fasziniert vom Foto der drei Busse in Aleppo - und der Vorstellung, was Menschen machen, um sich zu schützen, um einfach irgendwie den Alltag bestreiten zu können. Im Krieg. Und er stellte sich die Frage: Was, wenn so eine Barrikade im heutigen Europa stehen müsste?

"Und im Kontra gab es dann in Dresden den Neumarkt, die Frauenkirche, die ich auch von klein noch als zerstört kannte, die dann mühsam wieder aufgebaut worden ist, sowie eigentlich alles, was hier steht. Das war ja alles früher nicht da. Und das ist halt auch wiederum ernüchternd, zu sehen, dass der Aufbau auch irgendwann wieder weiter geht."

72 Jahre nach der Bombardierung Dresdens steht die Stadt wie keine andere in Deutschland für das Aufkommen antidemokratischer Tendenzen. Auch ihn erschrecke das, sagt Oberbürgermeister Dirk Hilbert. Die Stadt ermöglicht, wie weitere städtische Einrichtungen und Privatpersonen, das Monument. Auch Hilbert hofft, dass es am Fuße des Kunstwerkes zu Diskussionen und Austausch bringt.

"Kunst darf, Kunst muss vielleicht auch ein Stück weit provozieren. Wir haben hier auf der einen Seite die wiederaufgebaute Frauenkirche stehen, die ein Mahnmal für die Zerstörung unserer Stadt war uns ist, die das Leid, das über viele Personen gekommen ist, aufzeigt. Auf der anderen Seite dürfen wir nicht vergessen, dass es auch in anderen Teilen der Welt Krieg herrscht, der viel Leid über die Zivilpersonen bringt."

Am 13. Februar jährt sich die Bombardierung Dresdens

Am 13. Februar, dem kommenden Montag, jährt sich die Bombardierung Dresdens. Und auch in diesem Jahr versuchen rechte Gruppierungen, aus dem Gedenken daran Kapital zu schlagen. Hilbert steht unter Polizeischutz, nachdem es Morddrohungen gegen ihn gegeben hat. Er hatte bei einer Pressekonferenz gesagt, dass Dresden während des NS-Regimes keine unschuldige Stadt gewesen ist. Eine neue Dimension der Bedrohung, die der Oberbürgermeister versucht, sich nicht anmerken zu lassen:

"Und wir wollen gerade in unserer Stadt Akzentuierungen setzen auch wieder Demokratisierung, Demokratie in den Mittelpunkt zu stellen als ein ganz, ganz hohes Gut. Frieden als ein ganz wichtiges Gut. Und wenn wir dazu zu Diskursen anregen können, würde ich mich sehr freuen."

Kunstvermittler werden tagsüber am Monument vor Ort sein

Mit ähnlichen Großinstallationen habe man in den vergangenen Monaten gute Erfahrungen gemacht. Etwa mit dem Lifeboat, einem überdimensionalem Schlauchboot, das auf die Situation Flüchtender aufmerksam macht. Kunstvermittler werden tagsüber am Monument vor Ort sein, erklären, diskutieren, natürlich gibt es auch Infomaterial. Und man merkt dem Künstler Manaf Halbouni an, dass es ihm ein Bedürfnis ist, regelmäßig vor Ort zu sein:

"Um mit den Leuten darüber zu sprechen, mir ihre Probleme anzuhören und denen zu erklären, worum es eigentlich in der Arbeit geht. Wie gesagt, ich gehe keiner Konfrontation aus dem Weg. Ich bin gern bereit, mit Leuten zu reden und zu diskutieren. Solange es alles immer sachlich bleibt."

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