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StartseiteKultur heuteEs muss nicht alles fertig geprobt sein25.08.2019

Kunstfest WeimarEs muss nicht alles fertig geprobt sein

Vom Re-Enactment einer historischen Szene über Robert Schumanns Liederzyklus "Dichterliebe" bis hin zu Cabaret im Pavillon - beim Kunstfest Weimar ist alles möglich. Unter Rolf Hemkes Leitung wurde diesmal viel improvisiert.

Von Michael Laages

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Mit der Nachstellung eines historischen Fotos auf dem Theaterplatz beginnt die Uraufführung "Reichstags-Reenactment" beim Kunstfest Weimar. (dpa-Zentralbild / Martin Schutt )
Mit der Nachstellung eines historischen Fotos auf dem Theaterplatz beginnt die Uraufführung "Reichstags-Re-Enactment" beim Kunstfest Weimar. (dpa-Zentralbild / Martin Schutt )
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Vom "heil‘gen Köln" am "heil’gen Rhein" singt Heinrich Heine, vertont von Robert Schumann im Liederzyklus von der "Dichterliebe". Für die Sängerin in Katie Mitchells "Zauberland"-Phantasie ist die Stadt womöglich auch der ferne, fremde Zufluchtsort, das "Zauberland", das der Dramatiker Martin Crimp beschwört in den neuen Texten zu den Kompositionen von Bernard Foccroulle, die die Gesänge von Schumann und Heine in die Gegenwart herüber holen, manchmal in direktem Wechsel vom einen zum anderen Klang.

Dazu lässt Mitchell mit einfachsten Mitteln Albträume entstehen – Männer nehmen der Sängerin die feinen Gewänder weg und stecken sie in eine Art Parka: Wartet sie an der Grenze auf die Ausreise? Ein Bett wird hereingefahren, drin liegt ein Mann; eine blutige Decke wird über ihn geworfen – ist das der Gatte, den sie tot zu Hause ließ, etwa in Syrien? Später läuft ein junges Mädchen im Hochzeitskleid durchs Bild: die verlorene Tochter womöglich? Nichts ist wirklich klar – aber vieles denkbar. Mitchells "Zauberland"-Phantasie, entstanden an Peter Brooks "Bouffes du Nord"-Theater in Paris, fesselt gerade darum: weil das Drama ja tatsächlich in unserem Kopf entsteht.

Miniaturen in "Meyers Pavillon"

Auch auf dem Platz vor dem Nationaltheater in Weimar wird viel Phantasie benötigt – schon um sich "Meyers Pavillon" vorzustellen, eine kleine, luftige Bude aus Stahlstreben und leichten Brettern, deren Original der einstige Bauhaus-Direktor Hannes Meyer im mexikanischen Exil entwarf. Jetzt und hier, auf dem Theaterplatz, hat das Team um Monika Gintersdorfer und Knut Klaßen jeden Tag ein neue Kreation frei; tagsüber geprobt, am frühen Abend vorgestellt.

Gestern etwa spielen Gotta Depri, einer der afrikanischen Schauspieler aus Gintersdorfers Truppe, und Hauke Heumann einander choreographische Miniaturen vor zu Füßen des Goethe-und-Schiller-Denkmals; jeder bietet immer ein Schnipselchen Bewegung mehr an, das der andere dann kopiert.

Und später am Abend, nach Katie Mitchells Alptraum-Phantasie, wird der "Meyer Pavillon" auch noch zum "Weimar Cabaret" – Gintersdorfers Clan erinnert mit musikalischer Verstärkung an eine sehr besondere englische Tradition, die tatsächlich "Weimar Cabaret" hieß: wenn exilierte deutsche und jüdische Künstler tatsächlich zu Entertainern wurden in London - und zum Beispiel das "Stempellied" von Robert Gilbert und Hanns Eisler sangen.

Das Unperfekte hat Methode – wie überhaupt bei dieser "Kunstfest"-Ausgabe unter Rolf Hemkes Leitung viel improvisiert werden wird: in Gesprächen und Installationen, in Annäherungen an musikalisches, dramatisches und choreographisches Theater. Richtig fertig geprobt muss nicht alles sein – und wenn, wie zur Eröffnung bei der Erinnerung an die erste deutsche Nationalversammlung vor 100 Jahren, ein fertiges Projekt an den Start geht, ächzt es beträchtlich unter der eigenen Ambition.

Im Geist des demokratischen Ortes

Als Gäste geladene Polit-Prominente wie Thüringens Ministerpräsident Bodo Ramelow mochten sich aktuelle Anmerkungen nicht verkneifen: "An einem Tag wie heute muss man schon fast froh sein, wenn ein US-amerikanischer Präsident Grönland nur kaufen will."

Schon der Prominenten wegen konnte von einem "Re-Enactment", also einem möglichst authentischen "Nachspiel" der historischen Szenerie, natürlich überhaupt nicht die Rede sein – Regisseur Nurkan Erpulat und Dramaturg Tuncay Kolaoglu, von Gorki Theater und Ballhaus Ost aus Berlin nach Weimar gekommen, haben in guter Dokumentar-Tradition Momente montiert; wirklich wichtige wie die Bürgerkriegserklärungen des sozialdemokratischen Wehrministers Gustav Noske (der ja meinte, als "Bluthund" der Demokratie agieren zu müssen gegenüber allem, was irgendwie nach Spartakus und Kommunismus aussah) und eher unwichtige wie die Debatte um den Streit zwischen norddeutschem und bayerischem Bierbrauerrecht.

Die "partizipativen" Momente, Kern der Idee von der "Immersion", hielten sich allerdings in Grenzen – wenn etwa Schülerinnen und Schüler extrem schlaumeierisch und im Oberlehrerton von heute konstatieren aus, was alles an der Verfassung von Weimar nicht aktuellen Standards entspricht. Geschenkt. Der Geist des demokratischen Ortes aber, dokumentarisch beschworen, hat durchaus Kraft entfaltet.  

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