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StartseiteKalenderblattKunstrevolutionär und Avantgardist03.12.2006

Kunstrevolutionär und Avantgardist

Vor 50 Jahren starb Alexander Rodtschenko

Alexander Rodtschenko war einer der vielseitigsten russischen Avantgardekünstler zu Beginn des vergangenen Jahrhunderts. Der Mitbegründer der Bewegung der Konstruktivisten arbeitete als Maler, Bildhauer, Designer, Typograph und Fotograf. Auf allen diesen Gebieten wurde er Wegbereiter und Vorbild für Generationen von Künstlern.

Von Hans-Peter Riese

Das Rodtschenko-Bild "Marschkolonne der Sportvereinigung Dynamo" von 1935. (Privatsammlung / The Moscow House of Photography)
Das Rodtschenko-Bild "Marschkolonne der Sportvereinigung Dynamo" von 1935. (Privatsammlung / The Moscow House of Photography)

"Stets wortkarg. Groß, sehr stattlich. Rasierter Kopf, Breeches, Ledergamaschen, ein Hemd mit großen, bequemen Taschen. Ein etwas herablassendes, ironisches Lächeln auf dem klugen Gesicht."

So beschreibt der Maler und Regisseur Sergej Pawlowitsch Urussewskij seinen Kollegen Alexander Michailowitsch Rodtschenko in seinen Erinnerungen. Der 1891 in St. Petersburg geborene Rodtschenko war bereits in den 10er Jahren des neuen Jahrhunderts ein beachtetes Mitglied der russischen Avantgarde. Befreundet mit Wladimir Tatlin ebenso wie mit Majakowskij betätigte er sich wie die meisten Mitglieder der Moskauer und St. Petersburger Avantgarde in nahezu allen künstlerischen Disziplinen. Als einer der Mitbegründer des Konstruktivismus, versuchte Rodtschenko die Kunst als die Tätigkeit Einzelner zu überwinden und seine Talente in den Dienst der Gesellschaft und der Revolution zu stellen. In der linken, ideologischen Diktion der Zeit richtete sich diese Bewegung gegen die so genannte bürgerliche Kunst.

"Doch der Konstruktivismus versteht sich nicht als Versuch, die Stil-Ästhetik in eine Ästhetik der Industrie umzuformulieren. Er versteht sich als Bewegung gegen die Ästhetik und alle ihre Erscheinungsformen in den verschiedensten Bereichen der menschlichen Tätigkeit."

Die politische Revolution, das glaubten sowohl die bildenden Künstler wie Wladimir Tatlin und Kasimir Malewitsch als auch Literaten wie Wladimir Majakowskij, sollte gleichfalls in den Künsten wirksam sein. Man kleidete sich wie die Industriearbeiter, entwarf Möbel und Maschinen oder schrieb revolutionär-propagandistische Gedichte. Als Rodtschenko in eine neue Wohnung mit Atelier in Moskau zog, begann er, Fotos zu machen. Der Dichter Nikolai Assejew beschrieb dies als eine "neue Betrachtungsweise der Welt".

"Hoch über den Rembrandts mit den Samtkappen und über den Picassos wohnt ein wahrer Künstler der Gegenwart - A. M. Rodtschenko, der vom neunten Stock das Treiben und Leben des neuen Hauses und der neuen Welt beobachtet und im Bilde festhält."

Diese Fotos sind heute einer der wesentlichen Beiträge zur modernen Fotoästhetik und in allen einschlägigen Büchern veröffentlicht. Trotz seiner unbezweifelbaren linken Gesinnung und seinem Einsatz für den neuen Staat, blieben auch Rodtschenko die Repressalien der Stalin-Ära nicht erspart. Während des Kriegs nach Perm in Sibirien verbannt, schrieb er resigniert an seine Tochter:

"Liebe Mulija, vielleicht bist du verzweifelt über all dies. Aber ich wünsche Dir keinen Kummer. Am besten, Du wirfst das alles weg und lebst ein einfaches Leben, wie alle hier. Aber ich war berühmt und hatte einen Ruf in ganz Europa, in Deutschland, Frankreich, Amerika."

Die Tochter folgte dem verzweifelten Rat nicht und mehrte den Ruhm des Vaters nach dessen Tod. Rodtschenko widmete sich nach dem Krieg und der Rückkehr nach Moskau fast ausschließlich dem, was man die angewandte Kunst nennen kann, vorzugsweise der Grafik. Er gestaltete Bücher und Plakate für politische Ereignisse ebenso wie für Produkte sowjetischer Firmen.

Schon als Lehrer an den unmittelbar nach der Revolution gegründeten Kunstschulen, die ein Modell für den Kunstunterricht zum Beispiel am Bauhaus wurden, war Rodtschenko nicht nur der Begründer einer außerordentlich erfolgreichen ästhetischen Schule, vor allem in der Fotografie gewesen, sondern auch ganz besonders beliebt bei den Studenten. So kursierte 1921 an der berühmten WChUTEMAS, einer der revolutionären Schulen, folgender harmloser Spottvers über ihn.

"Meister Rodtschenko hat gefunden,
Dass im Kreis ein Haken ist,
Was soll nun mit uns werden
Helft uns, Freunde, helft."

Angespielt wird hier auf die in Rodtschenkos Malerei und Plastik bevorzugte Form, den Kreis, dessen Dogmatisierung im Unterricht die Studenten hier ironisieren. Vielleicht den größten Einfluss hat Rodtschenko in der Fotografie ausgeübt. Die moderne Reportage-Fotografie ist ebenso wenig ohne seine Vorarbeiten zu denken wie die Architekturfotografie und die Porträtkunst. Seine Porträts beispielsweise von Wladimir Majakowski sind heute Ikonen.

Am Ende seines Lebens wünschte sich Rodtschenko, der Kunstrevolutionär und Avantgardist der ersten Stunde, der die Kunst hinter sich lassen wollte und sein Talent in den Dienst der Gesellschaft gestellt hatte, vor allem dieses:

"Ich muss erreichen, dass Fotografie endlich als Kunst begriffen und anerkannt wird."

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