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StartseiteKultur heuteKunstvolles Ringen um den Sieg30.08.2012

Kunstvolles Ringen um den Sieg

Ausstellung zum "Mythos Olympia" im Martin-Gropius-Bau in Berlin

Wer nach dem Ende der Olympischen Spiele in London noch nicht genug vom sportlichen Wettkampf hat, für den ist "Mythos Olympia - Kult und Spiele" in Berlin vielleicht eine Alternative. Die Ausstellung im Martin-Gropius-Bau zeigt unter anderem Exponate aus Griechenland, dem Louvre und dem Vatikan.

Von Frank Hessenland

"Mythos Olympia - Kult und Spiele" zeigt in 500 Exponaten die Geschichte des antiken Heiligtums von Olympia. (picture alliance / dpa / Florian Schuh)
"Mythos Olympia - Kult und Spiele" zeigt in 500 Exponaten die Geschichte des antiken Heiligtums von Olympia. (picture alliance / dpa / Florian Schuh)
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Die marmornen Torsi jugendlicher Athleten aus Olympia, die fein gearbeiteten Köpfe des Zeus und der Athene, Schalen mit Motiven von Ringkämpfen, Reliefarbeiten, bronzene Pferde, Waffen, Helme aus der Zeit des Ptolemäus, Opfergaben: Allein die 850 Exponate, die die Ausstellung Mythos Olympia im Martin-Gropius-Bau zusammenträgt, teils bekannte aus griechischen, aus Berliner Sammlungen, aus dem Louvre und dem Vatikan, aber auch Hunderte Neuausgrabungen, machen sie zu einer außerordentlichen Schau, so meint der leitende Archäologe Hans Joachim Gehrke wohl zu Recht.

"Es wurde schon die Zahl der Funde erwähnt: exceptionell! So viel war noch nie außerhalb von Griechenland in einer Ausstellung. Es ist aber auch die Qualität der Funde, was sie da sehen. Was die Griechen rausrücken, um es mal ein bisschen platt zu sagen. Die Sportlerbasen aus Athen aus dem Nationalmuseum, der Kuros vom Thorom, andere Figuren, oder aus Olympia."

Neben den marmornen Athleten und Abgüssen vom Kapitell des Zeus-Tempels zeigt ein gesonderter Ausstellungsbereich auch die Geschichte der Ausgrabungen selbst, vor allem des 19. Jahrhunderts in Olympia mit Ausgrabungsbüchern, Karten, Fotografien und Zeichnungen der frühen Archäologen. Auch sie sind zum großen Teil von großer Schönheit. Die Ausstellung war für den Archäologen Hans-Joachim Gehrke, den ehemaligen Präsidenten des Deutschen Archäologischen Instituts, das in Olympia große Grabungen unternimmt, ein Lebenstraum. Das Ziel der Ausstellung beschreibt er so:

"Sie sehen Olympia exemplarisch für die griechische Kultur. Also Sie bekommen einen Einstieg in eine vergangene Welt, die uns zugleich nah und fern, fern und nah ist."

Dabei muss allerdings kritisch angemerkt werden, dass das Prinzip der Präsentation – weiße marmorne Figuren vor dezent farbigem Hintergrund, von Halogenstrahlern vertikal beleuchtet – stark an Winkelmanns klassisches Griechenurteil von der "edlen Einfalt und stiller Größe" erinnert und somit wissenschaftlich antiquiert erscheint. Denn tatsächlich-historisch waren die über 1300 Jahre praktizierten Wettkämpfe in Olympia eine blutige und schmutzige Angelegenheit, ein Kampfkult zugunsten eines kriegerischen Gottes, Zeus, und des ihm mal zum Fraß vorgeworfenen Halbgottes Pelops.

Hunderte Stiere wurden zu Olympia geschlachtet auf Aschehaufen verbrannt, Widderblut floss in Strömen in Opfergruben, das Sterben von Athleten im Wettkampf galt als höchste Form des Kultes. Die Aufzählung ließe sich fortsetzen, doch von diesem Kult findet man in der Ausstellung "Mythos Olympia – Kult und Spiele" nicht genug, als dass man sich die Dimension dieses blutverschmierten Männerrituals im Ansatz vorstellen kann.

Wolf-Dieter Heilmeyer und Hans-Joachim Gehrke kennen den Stand der Wissenschaft, kapitulierten letztlich aber vor den Traditionen archäologischer Ausstellungpräsentation, die den archaischen, heidnischen Kult und seine Werte unkorrekterweise als Vorform heutigen, "sauberen" Sports dastehen lässt.

"Natürlich können Sie Kunst besser darstellen als blutige Opfer. Wir konnten, wollten jetzt keine Installationen machen. Den Rest müssen wir uns vorstellen."

Vorstellen müssen wir uns leider nun auch die Moderne. Eigentlich sollte ein Ausstellungsteil über die modernen olympischen Spiele und ihre politische Konzeption den krönenden Abschluss der Olympia-Ausstellung im Gropius-Bau darstellen. Zwei wissenschaftliche Arbeitsgruppen konkurrierten jahrelang um die Ausgestaltung dieses hoch aktuellen Teils, eine um den renommierten Zeithistoriker Bernd Soesemann, eine um Christian Wacker aus dem Sportmuseum in Katar.

Berichte vom reichen Scheich machten die Runde, der sich in den Gropius-Bau einkauft, um eine IOC-freundliche Ausstellung für seine Olympiabewerbung zu organisieren, willkommen war und dann letztendlich an qualitativen Standards des eigenen Beirats scheiterte. Heute ist von diesem Teil nur eine kleine Zeittafel am Eingang übrig. Auch der Leiter des Gropius-Baus Gerd Sievernich schweigt über die Angelegenheit, die auf allen Seiten zu beträchtlichem Gesichtsverlust führte:

"Katar ist nicht unser Vertragspartner. Das ist eine Entscheidung der griechischen Regierung. Das müssen Sie verstehen. Ich kann also wenig dazu sagen."

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