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StartseiteEuropa heuteKurdischer Sänger im Koma17.03.2011

Kurdischer Sänger im Koma

Ibrahim Tatlises: Die "süße Stimme" ringt mit dem Leben

Diese Karriere mutet an wie ein Märchen: Ein junger Kurde aus Anatolien kommt nach Istanbul, verdingt sich in der Großstadt auf einer Baustelle. Während der Arbeit singt er - und sein Talent wird entdeckt. Wenige Jahre später ist er steinreich, besitzt ein Firmenimperium und verzaubert mit seiner Musik Millionen mit Versen voller Pathos. Das ist in groben Zügen die Biografie von Ibrahim Tatlises. Der Künstlername bedeutet "Süße Stimme". Er wird verehrt als einer der wenigen Kurden, die es in der Türkei ganz nach oben geschafft haben. Aber er wird offenbar auch gehasst: Nach einem Attentat liegt Tatlises im Koma. Die Türkei blickt gebannt auf ein Krankenhaus in Istanbul.

Von Gunnar Köhne, Istanbul

Die Türkei blickt gebannt auf ein Krankenhaus in Istanbul. (AP)
Die Türkei blickt gebannt auf ein Krankenhaus in Istanbul. (AP)
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"Kal benim icin" - "Bleib doch, mir zuliebe". Diesen Refrain aus einem seiner zahllosen Liebeslieder singen zurzeit wohl Millionen von Fans. Denn ob Ibrahim Tatlises, der König des arabesken Schlagers, den Mordanschlag von vergangenem Sonntag überleben wird, ist ungewiss. Noch immer steckt eine Kugel in seinem Kopf, abgefeuert aus automatischen Gewehren. Zwischenzeitlich soll der 59-Jährige aber aus seinem Koma aufgewacht sein, berichten türkische Medien. "Mir geht es gut", habe er gesagt.

Das würde zu dem Bild passen, das Tatlises in der Öffentlichkeit pflegt. Ein Mann, hart im Nehmen, der aber auch gerne austeilt. Dutzende Male stand Tatlises vor Gericht, weil er Freundinnen krankenhausreif geprügelt oder Geschäfte mit der Mafia gemacht haben soll. Für eine Verurteilung reichte es aber nie. Der Mann mit dem stets tiefschwarz glänzenden Schnurrbart verdient sein Geld nicht bloß mit Liebesschnulzen - er besitzt unter anderen eine Fast-Food-Kette, Hotels und eine Baufirma. Immer wieder hatte er Streit mit Geschäftspartnern über Geld. In der Türkei gibt es einige, die noch eine Rechnung mit Tatlises offen haben. Gestern Abend wurde ein altbekannter Mafiapate als verdächtiger Auftraggeber festgenommen.

Keinen großen Streit mehr gibt es aber über die arabeske Musik, jene Mischung aus westlichem Schlager und orientalischer Volksmusik. Sie hatte die westlich orientierte Elite des Landes lange Zeit unterdrücken wollen. Der Grund: Sie galt als rückständig und aufmüpfig. Die Istanbuler Soziologin Nilüfer Narli:

"Arabesk war die Musik der Peripherie, die Musik der Armen, die aus Anatolien in die Großstädte kamen und mit dem Leben dort nicht zurechtkamen. Sie fühlten sich fremd, an den Rand gedrängt, hatten Heimweh. Auch Ibrahim Tatlises kam aus ärmsten Verhältnissen - er wurde ja entdeckt, als er während der Arbeit auf einer Baustelle sang. Heute sind sie selbst Teil der Elite."

Inzwischen, sagt sie, gehört die Musik längst zum Mainstream. Denn die Machtverhältnisse haben sich in den vergangenen Jahren geändert in der Türkei - nicht nur in der Musik. Anatolischstämmige Politiker wie Tayyip Erdogan regieren das Land, so genannte anatolische Tiger - große Firmen aus der Provinz - treiben den wirtschaftlichen Erfolg des Landes an. Nur wenige wagen es noch, sich so über die arabeske Musik zu echauffieren wie der Starpianist Fazil Say. Als dieser im vergangenen Jahr bekannte, er schäme sich als Türke für die jauchzenden Tonreigen der arabesken Schlager und für die sich überschlagenden Stimmen ihrer Interpreten, wurde er von den Konservativen als Nestbeschmutzer heftig angegriffen.

Vielen Türken war auch die kurdische Herkunft Ibrahim Tatlises' verdächtig - dabei wich der Sänger einer Festlegung im türkisch-kurdischen Konflikt so gut es ging, aus. Aber er nahm sich das Recht heraus, auf kurdisch zu singen, als dies offiziell in der Türkei noch verpönt war. Damit hatte er bislang Erfolg: Wo der Sänger mit seinen satinglänzenden Anzügen auftrat, strömten nicht bloß Kurden in die Konzerthallen. Tatlises hat Fans im ganzen Nahen Osten. Steht also seine Musik für die langsame Abkehr der Türkei vom Westen? Ja, da sei etwas dran, findet die Soziologin Nilüfer Narli:

"Die türkische Popmusik weist heute viel mehr anatolische und arabische Einflüsse auf als vor 20 Jahren. In den 60er und 70er Jahren war türkische Popmusik sogar nicht mehr als italienische Schlager mit türkischen Texten. Heute ist alles eine einzige Synthese aus Ost und West."

Wenige Tage vor dem Anschlag schickte Tatlises Premier Erdogan eine SMS: Wir lieben Dich alle wie verrückt, stand darin. Im Juni finden in der Türkei Parlamentswahlen statt. Die Nachricht des Popsängers könnte bedeuten: Wir anatolischen Aufsteiger halten zusammen.

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