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StartseiteHintergrundKurse unter Druck08.08.2011

Kurse unter Druck

Kein Schwarzer Montag an den Börsen

Er ist ausgeblieben. Der erwartete Crash an den Börsen. Was wohl auch an den heftigen Verlusten der vergangenen Tage lag. An acht Handelstagen in Folge hatte der Deutsche Aktienindex (Dax) insgesamt gut 15 Prozent seines Wertes eingebüßt. Dennoch wurde es eine rasante Talfahrt.

Eine Sendung von Brigitte Scholtes, Stefan Wolff und Dorothee Holz

Börsenmakler verfolgen  auf dem Parkett der Börse in Frankfurt am Main die Kursentwicklung. (picture alliance / dpa - Boris Roessler)
Börsenmakler verfolgen auf dem Parkett der Börse in Frankfurt am Main die Kursentwicklung. (picture alliance / dpa - Boris Roessler)
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Der Dax fiel noch einmal um fünf Prozent auf 5923 Punkte. An den Märkten geht die Angst um, die Weltwirtschaft könne erneut in die Rezession abgleiten oder sich zumindest stark abkühlen.
Die Finanzminister und Notenbankchefs der G7-Länder teilten nach einer Telefonkonferenz mit, Maßnahmen ergreifen zu wollen, um die Märkte zu stabilisieren.

Was kann die Politik tun?

Hektische Telefonate der weltweit wichtigsten Politiker, nachts und am Wochenende; Gipfeltreffen in immer kürzeren Abständen, während die Märkte sich anscheinend gar nicht beruhigen wollen. Das sieht nicht nach souveränem Krisenmanagement aus. Im Gegenteil: Die Regierungen haben die Finanzmärkte noch mehr verunsichert. Die meisten Industriestaaten ächzen unter einer schweren Schuldenlast und sind deshalb nicht so flexibel wie sie sein müssten, meint Ulrich Kater, Chefvolkswirt der Dekabank:

"Das ist ein bisschen das Dilemma gegenwärtig, dass die Finanzmärkte natürlich schnellere Aktionen verlangen als realistischerweise bei den Mechaniken in der Staatsschuld überhaupt möglich ist. Insofern bleibt den Staaten zu versuchen Glaubwürdigkeit zu gewinnen, dadurch, dass man verlässlich den Finanzmärkten signalisiert, was man denn in Zukunft tun will. Und das bedeutet, dass man die Defizite herunterbekommt, um damit die Schuldenstände in Relation zur eigenen Leistungsfähigkeit herunterzubekommen und dass man auf der anderen Seite aber auch darauf achtet, das Wachstum nicht zu überfordern durch zu starke Sparprogramme. Es ist also ein balancierter Konsolidierungskurs verlangt, der auch nicht in ein, zwei Jahren vorbei ist, sondern der die nächsten Jahrzehnte prägen wird."

Noch aber sind die Akteure an den Finanzmärkten nicht wirklich ruhig gestellt und zwingen die Politik zu handeln. Ulrich Kater:

"Was anfänglich nur Spekulanten begonnen haben, muss bei zunehmender Preisentwicklung, das heißt also Preisrückgängen von Staatsanleihen oder Aktien von anderen Marktteilnehmern nachempfunden werden, die mit der ursprünglichen Spekulationsidee überhaupt nichts zu tun hatten. Und dadurch wird die Bewegung immer größer. Spekulation kann sich nirgendwo entwickeln, wo nicht irgendein wirklich fundamental auch begründeter Grund da ist. Und man muss ganz eindeutig sagen: Der ist da."

Und Gründe gab es in der vergangenen Woche genug: Es begann mit dem Zank in den USA um die Erhöhung der Schuldenobergrenze, der in einem unbefriedigenden Kompromiss in letzter Minute endete. Die Unsicherheit griff auf Europa über, lenkte den Fokus wieder auf die europäische Schuldenkrise, was sich dann wiederum in der Ausweitung der Risikoaufschläge für italienische und spanische Staatsanleihen niederschlug. Dann äußerte sich die EZB zunächst unklar, ob sie Italien und Spanien durch den Kauf von Anleihen helfen wolle. Hinzu kam der Brief des EU-Kommissionspräsidenten, José Manuel Barroso, in dem er die Ausweitung des europäischen Rettungsschirms EFSF forderte, die bisherigen Beschlüsse reichten nicht aus. Eine Kakofonie, die die Märkte noch mehr verunsicherte, meint Claudia Windt, Volkswirtin der Helaba, der Landesbank Hessen-Thüringen:

"Was ihn dazu bewogen hat, war sicherlich den Druck zu erhöhen, dass man diesen Rettungsfonds aufstocken muss. Aber das kann man nicht wirklich als gelungen bezeichnen."

Es war jedenfalls weniger Barrosos Brief als die Reaktion der Märkte darauf, die die Finanzminister und Notenbankchefs der sieben führenden Industrienationen zu ihrer Erklärung von heute morgen bewegten. Sie hatten zum Börsenbeginn in Tokio mitgeteilt, sie seien sich einig, wenn nötig gemeinsam Liquidität und Stabilität an den Finanzmärkten zu gewährleisten und für Wirtschaftswachstum zu sorgen. Auch gemeinsame Interventionen an den Devisenmärkten schlossen sie nicht aus. Dabei hatten die europäischen Regierungschefs sicher die Ungeduld der Finanzmärkte unterschätzt, meint Dekabank-Chefvolkswirt Kater:

"Die Politik hat gemeint nach dem letzten Gipfel, dass man bis zur Sommerpause Zeit hätte, um die Voraussetzungen für die Arbeitsfähigkeit des Fonds an den Sekundärmärkten zu schaffen. Die Märkte sind - wie immer – da schneller als die Politik. Und deshalb gibt es jetzt eine Zeit, die eben sehr turbulent ist. Eventuell wird es notwendig sein, dieses Verfahren zu beschleunigen."

Doch ob das gelingt, ist fraglich. Immerhin müssen die Parlamente in den einzelnen Mitgliedsländern einer Ausweitung der Kompetenzen für den Rettungsschirm zustimmen. Dagegen gibt es nicht nur in Deutschland Widerspruch. Die Finanzmärkte hingegen würden das sicher begrüßen, meint Claudia Windt von der Helaba:

"Die Finanzmärkte, die wollen gerne ihre schöne alte Welt behalten: also, dass ich so ein bisschen Risikoaufschläge auf Italien bekomme und auf Spanien und doch irgendwo die Garantie im Hintergrund habe, dass das alles vom Steuerzahler am Ende des Tages auch gedeckt wird. Und so funktioniert es eigentlich nicht. Also, man muss da auch in die Finanzmärkte wieder etwas mehr in Risikoannahme/Fairness hereinbringen. Das ist die eine Seite. Und die andere ist: Ein Eurobond, worauf es ja dann hinauslaufen würde, das würde – davon sind wir auch überzeugt - Deutschland überfordern ab einem bestimmten Zeitpunkt."

Gemeinsam aufgelegte europäische Anleihen, sogenannte Eurobonds, werden als ein Ausweg aus dem Dilemma um die europäischen Peripherieländer gesehen. Ein großer europäischer Anleihemarkt würde die Zinsen für alle Mitgliedsländer der Währungsunion vereinheitlichen, für die Krisenländer würde es billiger, neues Geld aufzunehmen, für Deutschland aber erheblich teurer als bisher.

Wie kann die EZB helfen?

Die Europäische Zentralbank hat lange gewartet, ihr Programm zum Aufkauf von Staatsanleihen wieder aufzunehmen. Sie wollte sich eigentlich nicht mehr einbinden lassen in die Bewältigung der Staatsschuldenkrise. Dass sie die Beschlüsse des Gipfels vom 21. Juli gutgeheißen hat, die einen weiteren Schritt zur Transferunion darstellen, konnte man ihr nur mit einer Zusicherung schmackhaft machen, sagt Martin Lück, Chefvolkswirt der UBS Deutschland AG:

"Die EZB konnte gewonnen werden für diese Vereinbarungen, weil man eben eine Möglichkeit eröffnet hat, für die Europäische Zentralbank auch die Bestände an Staatsanleihen, die sie bereits eingekauft hat, zu einem späteren Zeitpunkt wieder loszuwerden – indem sie sie nämlich an den Rettungsfonds abschiebt."

Immer wieder hat die Europäische Zentralbank in den vergangenen Monaten eingegriffen und Staatsanleihen angeschlagener Staaten aufgekauft. Dass es aber vor allem Sache der Politik sei, die Schuldenkrise zu lösen, das hatte EZB-Präsident Jean-Claude Trichet auch am vergangenen Donnerstag bekräftigt:

"Der Schlüssel zu allem ist vorausschauende Politik – sowohl in der Fiskalpolitik als auch in ihren Strukturreformen."

Denn die Notenbank fürchtet aus den Erfahrungen der vergangenen Monate um ihre Glaubwürdigkeit, erklärt Ulrich Kater von der Dekabank, denn eigentlich soll sie für die Stabilität des Euro sorgen – Schiedsrichterin sein – und nicht Mitspielerin:

"Sie hat mit ihrem Anleiheportfolio große Glaubwürdigkeitsprobleme bekommen. Es ist eben ein Unterschied, ob die Europäische Zentralbank an die Märkte geht, um dem Staat aus der Patsche zu helfen in Europa oder ob die amerikanische Notenbank zwar Staatsanleihen ankauft, aber aus einem ganz anderen Grund, nämlich um die Zinsen für die gesamte Wirtschaft zu beeinflussen. In Europa wird eben diese Aktion der Notenbank als direkte Staatsfinanzierung gesehen. Das ist sehr gefährlich für Notenbanken."

An den Märkten hat der jüngste Aufkauf von italienischen und spanischen Anleihen für etwas Beruhigung gesorgt. Und immer noch umstritten ist auch, ob die Notenbank tatsächlich ihre Glaubwürdigkeit aufs Spiel setzt. Die Tatsache des Anleihekaufs an sich wertet Claudia Windt, Volkswirtin der Helaba, als nicht so gravierend:

"Das würde sie vor allem dann tun, wenn es eben zu Umschuldungen in welcher Form auch immer käme. Die EZB hätte ja dann in ihren Büchern auch einen massiven Ausfall, und da müssten die anderen Länder nachschießen. Das wäre für eine Notenbank, die ja versucht, ihre Reputation aufrecht zu erhalten, eine schwere Bürde."

Nötig wäre aber auch bei der EZB, ähnlich wie bei der Politik, ein geschlossenes Auftreten, meint die Volkswirtin:

"Das untergräbt dann auch das Vertrauen am Kapitalmarkt, dass es da keine Einstimmigkeit gibt. Man braucht jetzt ja eben ein geschlossenes Auftreten und auch Einstimmigkeit, zumindest nach außen, um Vertrauen zurückzugewinnen. Und deswegen erodiert derzeit auch das Vertrauen weltweit."

Denn nur ein geschlossenes Auftreten von Politik und Geldpolitik kann die Finanzmärkte überzeugen, dass man wirklich fähig ist, die Krise zu überwinden.

Wie ist es zur aktuellen Krise an den Börsen gekommen?

Lange Zeit hat der Deutsche Aktienmarkt die negativen Signale abgewehrt, hat sich deutlich besser geschlagen, als andere Märkte, gestützt von der starken heimischen Wirtschaft. Aber die kann nur stark bleiben, solange andere Länder unsere Waren kaufen. Und so brachen auch hier die Dämme, als klar wurde, wie schlecht es der US-Wirtschaft geht.

Im ersten Quartal stagnierte die Konjunktur in Amerika praktisch bei einem Wachstum von nur 0,4 Prozent. Im zweiten Quartal legte sie aufs Jahr hochgerechnet lediglich um 1,3 Prozent zu. Viel zu wenig, um den immer noch darniederliegenden Arbeitsmarkt zu beleben. Aber es ist nicht nur die US-Wirtschaft, die Kummer macht, sondern es zeigen sich Abschwächungstendenzen in der gesamten Welt, so Thorsten Polleit, Chefvolkswirt von Barclays Capital:

"Das ist nicht zu übersehen. Die globale Konjunktur schwächt sich ab. Die Auftragseingänge beispielsweise fallen jetzt deutlich schwächer aus als in vielen Regionen. Die Bruttoinlandszahlen werden dadurch nachgeben."

Das alleine aber ist nicht verantwortlich für den jüngsten Kurssturz an den Märkten weltweit und im Dax. Sondern es ist die fatale Mischung aus einer sich abkühlenden Weltwirtschaft und riesigen Schuldenbergen. Zwei der drei größten Volkswirtschaften der Welt, Japan und die USA, haben sich bis über beide Ohren verschuldet. Das jüngste Hickhack um die Anhebung der US-Schuldenobergrenze hat deshalb nicht für Vertrauen gesorgt, sondern hat das Misstrauen erst recht geschürt. Denn in den Augen der Finanzmärkte ist aus einer Schuldenkrise eine handfeste politische Krise geworden:

"Trotz Schuldeneinigung in den Vereinigten Staaten von Amerika ist natürlich die Lage der Staatsfinanzen dort weiter sehr heikel. Es gibt Anlass, hier große Sorgen zu haben, dass die Staatsfinanzen eben nicht längerfristig zu bedienen sind, wenn man jetzt keine konsequenten Gegenschritte und Maßnahmen einleitet. Und das ist natürlich auch die Quittung, die derzeit auf den Finanzmärkten präsentiert wird."

Gegen diese Schuldenkrise und das fehlende Vertrauen war Fukushima – rein börsentechnisch – leicht zu bewältigen. Der Kurseinbruch im Frühjahr war wie ein Strohfeuer: nur kurzfristig. Denn von solchen Katastrophen erholt sich eine Wirtschaft normalerweise schnell, aber eine Vertrauenskrise ist nicht so leicht aus der Welt zu schaffen.

Das zeigt sich auch am Beispiel der Schuldenkrise in der Eurozone, die sich kaum zwei Wochen nach der jüngsten Einigung auf einen neuen Rettungsschirm für Griechenland weiter zugespitzt hat. Auch das hat die Turbulenzen an den Finanzmärkten dramatisch verstärkt. Plötzlich gerieten die großen Schuldenländer Italien und Spanien ins Visier. Und die Politik reagierte hilflos.

In diese Turbulenzen platzte die Abstufung der Kreditwürdigkeit der USA wie eine Bombe. Denn gerade jetzt könnte der Verlust der Top-Bonität Amerikas Wirtschaft empfindlich treffen – wenn sich nämlich Unternehmen und Verbraucher bei Investitionen, beziehungsweise Ausgaben zurückhalten.

Das wiederum wird Folgen für den Rest der Welt haben. Denn die USA sind immer noch die größte Volkswirtschaft der Welt. Mehr als 20 Prozent des weltweiten Produktionsvolumens stammt aus den Vereinigten Staaten. Und alles hängt miteinander zusammen. Zwar exportiert Deutschland die meisten Güter in die Europäische Union, aber diese Länder haben auch Handelsbeziehungen zu den USA. Wenn sich die Lage dort verändert, verändert sich auch die Lage in der Welt.

Ganz konkret werden durch die Herabstufung der US-Bonität die Zinskosten steigen – mit äußerst negativen Konsequenzen, so Robert Halver von der Baader-Bank:

"Die Konsequenz einer Herabstufung ist, dass Amerika damit noch stärker sparen muss, noch weniger Nachfrage weltweit ausüben kann. Dass Amerika nicht mehr unbefleckt ist, dass Amerika verunsichert und nicht mehr in Sicherheit wiegt. Das heißt auf der Unsicherheitsebene genauso wie auf der fundamentalen wirtschaftlichen Ebene ist Amerika ein kleiner Hinkefuß geworden.".

Wer profitiert, wer verliert?

Die USA haben ihre Bestnote für uneingeschränkte Kreditwürdigkeit verloren. Damit werden für die Anleger die sicheren Häfen knapper. Wer nur Anleihen allererster Qualität kaufen darf, muss nun auf andere Länder ausweichen. Nach der Herabstufung der USA ist Deutschland der größte Anleihemarkt der Welt, der von allen drei großen Agenturen mit der Spitzennote "Triple A” bewertet wird. Das heißt, seine Anleihen sind besonders sicher. Das wiederum führte zum Sturm auf die mehrjährigen Papiere. Die Rendite sank auf historisch niedrige 2,2 Prozent – das gleicht für die Anleger nicht einmal mehr die Inflation aus. Für den Bundesfinanzminister hingegen wird es billiger, Geld an den Rentenmärkten aufzunehmen, weil er nur sehr geringe Zinsen zahlen muss. Das wiederum ist gut für den Bundeshaushalt. Auch andere Staaten, wie Österreich, Schweden, Kanada oder die Schweiz könnten von diesem Trend profitieren.

Die Schweiz allerdings hat ein ganz anderes Problem: Denn viele Anleger, denen weder die Schuldenkrisen im Euroraum noch in den USA geheuer sind, haben in der Vergangenheit Franken gekauft. Allein seit Jahresbeginn ist die Währung gegenüber dem Euro um 13 Prozent gestiegen. Für einen Euro gibt es nicht einmal mehr einen Franken zehn. Das hat allerdings nicht nur mit einer Anlegerflucht zu tun, urteilt Joachim Goldberg von der Analysefirma Cognitrend:

"Beim Schweizer Franken verhält sich die Geschichte ein bisschen anders, weil wir natürlich dort Altlasten haben, sozusagen: Hausfinanzierungen zum Beispiel aus osteuropäischen Ländern, die in Schweizer Franken getätigt worden sind. Dort sehen wir immer noch die Zuflüsse in den Franken, die natürlich dafür sorgen, dass der Franken steigt, und steigt und steigt – hat eigentlich ökonomisch keinen Hintergrund."

Und gerade weil die ökonomischen Hintergründe fehlen, leidet die Schweizer Wirtschaft unter der starken Heimatwährung.

Die Angst vor der Inflation und möglicher weltweiter Wirtschaftsschwäche treibt die Anleger aber auch weiter ins Gold. Pro Feinunze zahlen sie bereits deutlich über 1700 Dollar. Gerade Privatanleger treiben damit ein riskantes Spiel, sagt Goldberg.

"Da ist natürlich sehr viel Angst dabei. Wir wissen eines: Diejenigen, die an Gold verdient haben, die spekulative Seite, die ist schon längst draußen. Die haben ihre Gewinne realisiert. Die kommen auch nicht mehr rein – zu steigenden Preisen. Das ist die eine Seite. Aber der große Teil, das ist natürlich die Angst und die Suche nach einer Sicherheit. Und dieses Gold wird nicht verkauft werden."

An den Aktienmärkten haben Experten einen deutlichen Vertrauensschwund festgestellt. Das zeigt sich in den rasant gefallenen Kursen der letzten Tage. Vor allen Dingen scheinen die Ereignisse der vergangenen Wochen so manchen Börsenhändler auf dem völlig falschen Fuß erwischt zu haben, sagt Manfred Hübner von Sentix, einem Anbieter von Stimmungsindizes. Dabei hätte der Trend an den Börsen schon früher erahnt werden können:

"Seit Fukushima haben wir eine Abschwächung der globalen Konjunkturindikatoren. Und wir in Deutschland haben uns den Luxus erlaubt zu denken, dass es alles an uns abperlt, weil wir natürlich noch sehr gute Unternehmensdaten haben und unsere Wirtschaft sehr gut performed hat. Aber auf Dauer können wir uns diesen globalen Bewegungen nicht entziehen. Und deswegen ist die Fallhöhe im DAX vielleicht auch einfach etwas größer gewesen, weil wir uns den Luxus erlaubt haben, zu lange mit der Anerkennung dieser Realitäten zu warten."

Zu den Profiteuren unter den Aktienwerten gehören aktuell Banken. Sie profitieren davon, dass die EZB Anleihen im Notfall aufkauft. Das hält die Preise hoch und die Zinsen stabil. Ein risikoarmes Geschäft, urteilt Robert Halver von der Baader Bank:

"Wir nähern uns dieser Vollkasko-Mentalität. Ich würde auch sogar sagen, dass die EZB entgegen ihrem Willen gezwungen wird, eine Politik ähnlich der US-Notenbank zu machen. Aber im Augenblick sind die Prioritäten anders gesetzt: Stabilitätspolitik ist Luxus, kann man sich nicht mehr leisten; es geht darum, die Märkte zu stützen."

Doch die in den vergangenen Tagen rasant gefallenen Kurse sprechen eine ganz andere Sprache. Binnen einer Handelswoche sind weltweit Kurswerte in Höhe von 2,5 Billionen Dollar vernichtet worden.
Des einen Leid des anderen Freud, mag man meinen, doch so einfach ist die Rechnung nicht. Nur weil sinkende Kurse massive Verkäufe suggerieren, heißt das nicht, dass auf der anderen Seite ein vertrauensseliger Käufer sitzt, erklärt Manfred Hübner:

"Die Stücke wechseln ja an der Börse auch oft den Besitzer. Das heißt: Einer verkauft eine relativ kleine Anzahl, und diese kleine Anzahl an Aktien wandert über den gesamten Tag von Buch zu Buch unter den Händlern, sozusagen den Berufshändlern auf dem Parkett, bis sie dann sozusagen bei einem am Ende des Tages effektiv im Buch stehen. Und dann werden unter Umständen aus 100 Aktien, wenn sie zehnmal gehandelt sind, tausend. Und wenn unterm Tag die Stimmung schlecht ist und Abgabebereitschaft vorherrscht, dann sinkt der Preis durch eine relativ kleine Anzahl von Händen, die einfach nur schnell zirkuliert."

Ein Ende dieser Spirale ist erst einmal nicht abzusehen. Die Schuldenkrise in Europa und der Notenabzug für die USA haben deutliche Spuren hinterlassen.

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