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StartseiteAndruck - Das Magazin für Politische LiteraturKursiv: Der Mensch ist gefährlich22.06.2009

Kursiv: Der Mensch ist gefährlich

Thomas Hobbes: "Der Leviathan", Suhrkamp Studienbibliothek

Für Thomas Hobbes schlägt immer dann die sichere Stunde eines aktualisierten Zitats, wenn die Welt aus den Fugen gerät und sich alle nach einer starken Hand sehnen - also jetzt, wo sich die Finanzkrise immer tiefer in die Gesellschaften hineinfrisst und nach Antworten ruft. Hobbes hat seinen sein Plädoyer für einen starken Staat vor 358 Jahren geschrieben - jetzt ist er aktueller denn je.

Von Herfried Münkler

John Michael Wright: Thomas Hobbes (National Portrait Gallery)
John Michael Wright: Thomas Hobbes (National Portrait Gallery)

Thomas Hobbes war unzufrieden mit dem Zustand der politischen Theorie seiner Zeit, denn er fand, dass sie deutlich hinter dem Niveau der Philosophie und der exakten Wissenschaften, der Mathematik und der Geometrie, zurückgeblieben war. Was ihn beunruhigte, war nicht bloß ein methodisches oder theorieästhetisches Defizit, sondern der Verdacht, dass der desolate Zustand der politischen Theorie mitverantwortlich sei für die revolutionären Wirren seiner Zeit: Zunächst den Dreißigjährigen Krieg in Mitteleuropa und dann die Revolution in England, den Bürgerkrieg, die Hinrichtung des Königs, die Säuberungen des Parlaments und vieles mehr. Wer die politische Theorie auf ein solides Fundament stellte, würde auch Gesellschaft und Staat wieder in Ordnung bringen.

Aus dieser Idee heraus hat Thomas Hobbes seine Werke geschrieben. Der Leviathan ist das wichtigste und bekannteste. Hobbes war der Auffassung, die politische Theorie müsse so vorgehen, wie die analytische Geometrie, wenn sie Würfel, Zylinder, Kugeln und andere Körper untersuche. Man müsse den body politic zunächst in seine Bestandteile zerlegen und zwar so lange, bis man auf eine nicht mehr weiter teilbare Größe gestoßen sei. Hobbes nannte das die geometrische Methode und an deren analytischem Ende stand der Mensch, nicht die Gesellschaft, nicht kleinere Gruppen, nicht die Familie sondern der einzelne Mensch, gesteuert durch Triebe und Affekte. Das bedeutete, dass er den Menschen nicht als ein auf die Gemeinschaft hin angelegtes Geistwesen ansah, wie Aristoteles das getan hatte, sondern als egoistischen Nutzenmaximierer, dem man mit guten Worten und moralischen Ermahnungen nicht beikommen konnte.

Dieser Mensch, so Hobbes, sei seinen Mitmenschen ein Wolf. Als Einzelgänger oder in der Meute, der Mensch war gefährlich. Das ist Hobbes Ausgangspunkt. Aber dieser Hobbessche Mensch ist nicht unberechenbar, sondern wird angezogen durch Lust und abgestoßen durch Schmerz. Daraus lernt er und also sucht er den Schmerz zu vermeiden. Außerdem plagt ihn die Furcht des Todes und so strebt er ein möglichst langes Leben an, deswegen kann er den anarchischen Naturzustand, wo jeder seinen eigenen Regeln folgt, nicht genießen. Das Leben in diesem Zustand ist, wie Hobbes schreibt, ekelhaft, tierisch und kurz. Aber, wie kann man dem Naturzustand entkommen, indem sich die Menschen als Konkurrenten und Beute betrachten? Naturwüchsig entsteht hier kein Vertrauen. Und wo von Vertrauen die Rede ist, ist Misstrauen angebracht.

Der einzige Ausweg diesem Vertrauensdilemma zu entkommen besteht im Abschluss eines Vertrags, durch den gleichzeitig ein Wächter eingesetzt wird, der die Vertragsbrüchigen verfolgt und bestraft. So wird sich die große Mehrzahl aus Angst vor Schmerz und Tod an den Vertrag halten. Bei dem Vertrag, von dem hier die Rede ist, handelt es sich um den Staatsvertrag und der Garant dieses und aller weiterer Verträge ist der Souverän. Wer einen derart elementaren Vertrag zu sichern hat, muss mit unendlich großer Macht ausgestattet sein. Also ist Hobbes damit beschäftigt, alle Hemmnisse und Blockaden zu beseitigen, die der souveränen Handlungsmacht im Wege stehen könnten und den Souverän so stark zu machen, dass keine Macht der Erde der seinen gleich ist.

Die Übermacht der staatlichen Souveränität ist die Garantie der Ordnung und dahinter hat alles andere zurück zu stehen: die Kirche, die Universität, die Versammlung der Rechtsgelehrten und auch das Parlament, wenn es nicht selbst der Souverän ist, sondern sich als dessen Kontrolleur versteht. Der Hobbessche Souverän kennt auf Erden nur einen einzigen Kontrolleur und das ist er selber. Alles andere, so Hobbes, führt in den Bürgerkrieg. Hobbes schroffer Bescheid wurde zur Provokation nachfolgender Theoretiker und Philosophen. Locke, Rousseau und Kant haben sich damit auseinander gesetzt, um den Souverän an die Kandare des Rechts zu legen. Für den Normalzustand ist ihnen das gelungen. Aber dann hat Carl Schmitt, durchaus ein Hobbesianer, die Verfügung über den Ausnahmezustand zum Kriterium der Souveränität gemacht. Bis heute taucht Hobbes Name auf, wenn die Verhältnisse beunruhigend sind. Er ist ein Stachel, der sich nicht entfernen lässt. Man weist ihn öffentlich zurück, um ihm insgeheim zuzustimmen. Man kann vom Staat nicht reden, ohne irgendwann auf Thomas Hobbes zu sprechen zu kommen.

Herfried Münkler war das über Thomas Hobbes: Der Leviathan. Oder: Stoff, Form und Gewalt eines kirchlichen und bürgerlichen Staates. Es gibt mehrere Ausgaben dieses historischen Buches - der Suhrkamp Verlag wird im Dezember eine etwa 500 Seiten starke Neuauflage herausbringen.

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