Sonntag, 24.03.2019
 
StartseiteForschung aktuellKurze Südroute28.01.2011

Kurze Südroute

Erster Weg aus Afrika führte moderne Menschen nach Arabien

Paläoanthropologie. - Der erste Weg des anatomisch modernen Menschen soll vor über 125.000 Jahren von Afrika durch das Rote Meer nach Arabien geführt haben, nicht durch das Niltal in den Nahen Osten. Über diese aufsehenerregende Schlussfolgerung aus jüngst entdeckten Faustkeilen berichtet der Wissenschaftsjournalist Michael Stang im Gespräch mit Jochen Steiner.

Dschebel Faya im Golfemirat Schardscha ist der Fundort der ältesten Faustkeile des anatomisch modernen Menschen außerhalb Afrikas. (Science)
Dschebel Faya im Golfemirat Schardscha ist der Fundort der ältesten Faustkeile des anatomisch modernen Menschen außerhalb Afrikas. (Science)

Steiner: Herr Stang, wie kommen die Forscher zu dieser Aussage?

Stang: Na ja, sie haben in den vereinigten Arabischen Emiraten, genauer gesagt in Dschebel Faya Steinwerkzeuge entdeckt, die der Datierung zufolge mindestens 100.000 Jahre alt sind. Die Datierungen, die mithilfe des so genannten Lumineszenz-Verfahrens gemacht wurden, gehen sogar davon aus, dass die Funde sogar bis zu 125.000 Jahre alt sind. Und die Forscher, die jetzt aus Tübingen und London im Fachmagazin "Nature" [meint "Science", d. Red.] veröffentlichen, die vermuten daher, dass zu dieser Zeit, also vor 120.000 Jahren, also 60.000 Jahre früher als bislang angenommen, unsere Vorfahren bereits die arabische Halbinsel besiedelt hatten. Und von diesen Funden, die jetzt entdeckt wurden, gibt es eine klare Zuordnung zu Homo sapiens, da gibt es keinen Zweifel, weil dieser Werkzeuge ausschließlich, zumindest in diesen Gebieten, Arabien und Ostafrika, immer bei unseren Vorfahren entdeckt worden. Das ist ganz klar, es gibt diese Zuordnung zu Homo sapiens.

Steiner: Um was für Werkzeuge handelt es sich denn bei diesen Entdeckungen?

Stang: Kurz und knapp gesagt, die Archäologen, hauptsächlich um Hans-Peter Uerpmann aus Tübingen, sprechen von einem vorzeitigen menschlichen Werkzeugsatz, also knapp gesagt Steinwerkzeuge, die denjenigen der frühen Menschen in Ostafrika ähneln. Aber diesen Steinwerkzeugen fehlt dabei die aus dem Nahen Osten kommende Kunstfertigkeit. Bei den Funden handelt es sich zum Beispiel um ein relativ primitives Steinbeil, so wie verschiedene Schaber oder Locher, wie gesagt alle aus Stein, und den Autoren zufolge deutet alles darauf hin, dass technische Neuerungen, also wirklich höher spezialisierte Werkzeuge, wie man sie früher kennt, für diese Auswanderer damals noch nicht unbedingt notwendig waren, um diese Reise anzutreten, um diese neuen Gebiet auch wirklich zu besiedeln. Aber, es gibt halt bislang nur diese archäologischen Hinweise, das heißt nur diese Werkzeuge. Wer diese Werkzeuge erschaffen hat und wer sie benutzt hat, das weiß man nicht, weil es keine Knochen bislang gab, sondern nur die Werkzeuge. Aber, das ist ja auch schon immerhin eine große Überraschung.

Steiner: Die anatomisch modernen Menschen gelangten also wesentlich früher nach Arabien. Aber gibt es denn auch gleichzeitig Hinweise darauf, welche Route diese Menschen genommen haben, um Afrika zu verlassen?

Stang: Ja, die gibt es. Die Autoren der Studie gehen davon aus, dass Arabien direkt von Afrika aus besiedelt wurde und nicht, wie bislang angenommen, über die nördliche Variante, also über das Niltal oder über den Nahen Osten kommend. Das ist eigentlich die große Überraschung dieser Studie. Zwar widerspricht der zeitlich vorverlegte Auszug bisherigen Annahmen - das Ganze ist ja um über 60.000 Jahre nach vorne verlegt, aber jetzt gibt es erstmals Hinweise auf eine tatsächlich bislang kaum beachtete Auswanderungsroute, beziehungsweise die Theorie dieser Auswanderung. Und die Forscher haben auch die Daten zur Veränderung des Meeresspiegels und des Klimas für die Region während der letzten Zwischeneiszeit vor rund 130.000 Jahren analysiert. Und sie kommen zum Ergebnis, dass die bekannte Meerenge Bab-al-Mandab, also das ist die Enge, die die arabische Halbinsel vom Horn von Afrika trennt, war aufgrund des niedrigen Meeresspiegels enger. Das heißt, sie erlaubt vermutlich zu Beginn dieser letzten Zwischeneiszeit einen sicheren Durchgang. Also konnten unsere Vorfahren vermutlich trockenen Fußes Afrika verlassen, und das mit einer unglaublichen Wegeverkürzung sozusagen, weil sie nicht mehr diese lange nördliche Route nehmen mussten.

Steiner: Aber wieso verließen unsere Vorfahren denn das Horn von Afrika überhaupt?

Stang: Ja, darüber gibt es eigentlich große Spekulation. Es gibt viele Gründe, die Forscher anführen. Vielleicht sind unsere Vorfahren einfach nur bestimmten Beutetieren gefolgt, oder die Savanne gab nicht mehr genug Essen her, oder es gab demographische Aspekte, das heißt die Bevölkerungsgruppen waren einfach schon so groß, dass neue Gebiete deswegen erschlossen werden mussten. Fakt ist, dass die arabische Halbinsel vor 125.000 Jahren noch feuchter war als heute. Das heißt, gab vielmehr Pflanzen, Seen und Flüsse, es war letztendlich ein wirklich attraktives Land für unsere Vorfahren. Und von dort aus, von der arabischen Halbinsel gab es dann diese anderen Wanderungsbewegungen, die dann zur Besiedlung Europas geführt haben, aber halt zuerst den fruchtbaren Halbmond und Indien und von da ausgehend geht es weiter nachWesten und nach Osten und später besiedelte der Mensch bekanntlich der die ganze Welt.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk