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Startseite@mediasresDie doppelte Judy Garland oder Die Chance des Vergessens19.08.2021

Kurzgeschichte zum LiteratursommerDie doppelte Judy Garland oder Die Chance des Vergessens

Die Geschichte hinter der Meldung: Der Schriftsteller Marko Martin entwickelt aus einer Zeitungsnachricht über ein wiedergefundenes Filmkleid Judy Garlands eine fiktives Telefongespräch zweier Altnazis im Deutschland der 60er Jahre.

Von Marko Martin

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Ein alter Telefonapparat aus Bakelit steht auf einem Holzschränkchen  (IMAGO / photothek / Ute Grabowsky)
In einem fiktiven Telefongespräch unterhalten sich in Marko Martins Kurzgeschichte die ehemaligen Nazi-Richter Heinz Hugo Hoffmann und Karl Josef Ferber, gegen die die Staatsanwaltschaft Nürnberg 1960 ein Ermittlungsverfahren einleitete (IMAGO / photothek / Ute Grabowsky)
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Zeitungsspalten mit "Vermischtem" aus aller Welt präsentieren oft Kurioses, Tragisches, Faszinierendes - ganze Geschichten, erzählt in wenigen Zeilen. Im Literatursommer des Deutschlandradio haben wir vier Schriftstellerinnen und Schriftsteller gebeten, ihrer Fantasie freien Lauf zu lassen, ausgehend von einer kleinen Nachrichtenmeldung. 

Die Meldung
Sensationsfund in der Catholic University in Washington D.C.: Dort wurde bei Renovierungsarbeiten ein blau-kariertes Schürzenkleid wieder gefunden, das Judy Garland als Dorothy im Film "Der Zauberer von Oz" im Jahr 1939 einst getragen hatte. Das Kleid galt seit Jahrzehnten als verschollen, nun entdeckte man es zufällig in einer Plastiktüte auf einem Schrank in einem Büro der Washingtoner Universität. Das Kleid lag seit den 1970er Jahren auf einem Schrank, samt Namensetikett und sogar Schweißflecken, die es nun eindeutig identifizierbar machten. Es wird jetzt besser gelagert und soll in einem klimatisierten Archiv verwahrt werden. Vor kurzem wurde auf der Gästetoilette der Universität noch ein anderer Fund gemacht: Dort entdeckte man eine Rembrandtzeichnung.

"Ausgerechnet ein blaues Schürzenkleid", sagt in Darmstadt Rechtsanwalt Heinz Hugo Hoffmann, nachdem er nach Dienstschluss die Nürnberger Nummer seines ehemaligen Kollegen Karl Josef Ferber gewählt hat. "Wir haben Dezember 1961, und alles, was ein paar der Weiber im Dunkel des Kinosaals bequatschen, ist irgendein Stofffetzen, den die inzwischen älter gewordene Judy Garland in diesem neuen Ami-Schinken jetzt natürlich nicht mehr trägt."

Porträtbild von Marko Martin vor einer roten Wand. (picture alliance/dpa / Jens Kalaene)Der Schriftsteller Marko Martin wurde 1970 im sächsischen Burgstädt geboren und lebt heute - nach Jahren in Paris - in Berlin. 2021 erschien von ihm der Erzählband "Die Unschuldigen von Ipanema und andere Erzählungen". (picture alliance/dpa / Jens Kalaene)

Der 1906 geborene Advokat spricht den Vornamen verächtlich als Judi aus, worauf am anderen Ende der Leitung ein nervöses Kichern zu hören ist. Seit nunmehr einem Jahr läuft gegen ihn und Ferber - im Dritten Reich beisitzende Richter am Sondergericht Nürnberg - ein Ermittlungsverfahren, das sie bis zuletzt mit Blick auf die Verjährungsfrist zu vermeiden gehofft hatten.

"Also Judi Garland", spricht Hoffmann weiter in den Telefonhörer aus robustem Bakelit, "spielt in diesem seit letzter Woche in unsere Kinos gekommenen Machwerk 'Das Urteil von Nürnberg' diese illoyale Arierin, deren 'väterlichen jüdischen Freund', hoho, wir doch damals im Frühling '42 wegen 'Rassenschande' zum Tode verurteilt hatten. Das heißt: Hatten verurteilen müssen, lieber Kollege, bleiben wir beide bei dieser Strategie! Und Nein, den Film müssen Sie sich nicht antun, glücklicherweise kommen wir darin auch gar nicht vor. Obwohl in einer Episode die unglückliche Geschichte wieder breitgetreten wird, dieser Burt Lancaster unseren damaligen Reichsjustizminister mimt und jene Garland eben..."

Anwalt Hoffmann runzelt die Brauen, da am anderen Ende der Leitung sein ehemaliger Kollege ungeduldig zu wissen begehrt, was all das mit einem blauen Mädchenkleid zu tun habe.

Hier geht es zum Literatursommer von Deutschlandfunk (imago / fStopImages / Malte Müller) (imago / fStopImages / Malte Müller)

"Nun lassen Sie mich doch ausreden, Ferber! So sehr mich nämlich das halblaute Gerede über die einst so herzige Garland in diesem Zauberer-von-Sonstwas-Film enerviert hatte, so sehr beruhigt es mich inzwischen auch. Wie viele da im Publikum ihre Köpfe zusammensteckten und vom Glamuhr dieser Frau tuschelten, der den Glamuhr der Dietrich sogar noch übersteige!

Da habe ich es begriffen, Herr Kollege: Das ist unsere Chance. Rechnen - nein, unterbrechen Sie mich nicht - wir ruhig von diesem Tag hoch in die Zukunft. Da diese Garland nicht etwa als die Darstellerin einer realen Frau aus einem unserer Prozesse wahrgenommen wird, sondern als Produkt einer Traumfabrik!

Während wir beide in den nächsten Jahren - und genauso lange wird sich die Untersuchung hinziehen, wetten dass - die eigentliche Schuld auf den 1942 vorsitzenden Richter schieben werden und zusätzlich argumentieren, dass die damalige Todesstrafe für diesen Juden, Exekution durch´s Beil, immerhin rechtskonformer gewesen sei als die späteren Massendeportationen, für die wir ja nun wirklich keine Verantwortung tragen!


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Und falls alles nichts hilft, machen Sie eben auf Wirbelsäulen-Schmerzen und ich auf Bandscheibenleiden, und ein Neurologe wird das seinige dazu tun, dass wir zwar wegen 'Totschlags im minderen Fall' verurteilt werden, aber niemals in Haft kommen. Und glauben Sie mir: Sanft werden wir danach ins Vergessen sinken, während, ich wiederhole mich gern, von dieser Judi Garland nicht etwa die Rolle eines unserer Opfer in Erinnerung bleiben wird, sondern die Glamuhr-Dame oder das Gör mit dem blauen Schürzenkleid!

Unsere Geschichte hingegen wird später vielleicht noch in einem Lexikon aufzufinden sein, doch sollte zufällig mal einer darauf stoßen, wird er sich gewiss fragen, ob all das tatsächlich geschehen ist oder nicht ebenfalls nur erfunden wie dieser Zauberer-Film. Und was die Judensache betrifft: Nicht wenige aus der kommenden Generation werden davon irgendwann genug haben und eine neue stramme Partei gründen - oder vielleicht auch ganz gewitzt fragen, 'ob man nicht endlich mal Israel kritisieren dürfe'. Nein, lachen Sie nicht, Herr Kollege Volksgenosse! Genau so wird es sein in einigen Jahrzehnten."

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