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Startseite@mediasresStaub am Ende des Regenbogens26.08.2021

Kurzgeschichte zum LiteratursommerStaub am Ende des Regenbogens

Die Geschichte hinter der Meldung: Die Schriftstellerin Anja Kampmann beschreibt, welche traurigen und melancholischen Erinnerungen in das alte Filmkleid von Judy Garland eingesponnen sein könnten - Erinnerungen an den Krieg und an Kansas.

Von Anja Kampmann

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Schwarz-Weiß-Foto einer Farm in Kansas (imago/ UIG)
Eine Farm in Kansas in der Zeit der sogenannten dustbowl (imago/ UIG)
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"Somewhere over the Rainbow" - es ist das bekannte Titellied des Films, das die junge Judy Garland als Dorothy singt, ein einfaches Bauernmädchen aus Kansas, das sich weit fortträumt.

Die Meldung
Sensationsfund in der Catholic University in Washington D.C.: Dort wurde bei Renovierungsarbeiten ein blau-kariertes Schürzenkleid wieder gefunden, das Judy Garland als Dorothy im Film "Der Zauberer von Oz" im Jahr 1939 einst getragen hatte. Das Kleid galt seit Jahrzehnten als verschollen, nun entdeckte man es zufällig in einer Plastiktüte auf einem Schrank in einem Büro der Washingtoner Universität. Das Kleid lag seit den 1970er Jahren auf einem Schrank, samt Namensetikett und sogar Schweißflecken, die es nun eindeutig identifizierbar machten. Es wird jetzt besser gelagert und soll in einem klimatisierten Archiv verwahrt werden. Vor kurzem wurde auf der Gästetoilette der Universität noch ein anderer Fund gemacht: Dort entdeckte man eine Rembrandtzeichnung.

Doch was ist 1939 auf der anderen Seite des Regenbogens zu sehen? Das im Film vielbeschworene Kansas wird in den 1930er-Jahren auch dust bowl genannt. Wirbelstürme und Tornados ziehen nach langen Dürrejahren über die riesigen Flächen. Der Sturm, der das Mädchen Dorothy zu Beginn des Films fortträgt, hinein in das Land der Fantasie, ist also gar nicht so fiktiv.

Und so, wie das Kleid noch mal den Film wachruft, das Lachen und die Herzlichkeit der jungen Judy Garland, so erzählt der Fund dieses Kleides doch am meisten darüber, was mit Träumen geschieht, wenn sie ihre Gültigkeit verlieren.

Wir sehen eine ältere Dame, die den Rand ihres kleinen Filzhut drückt. Alles erscheint ihr laut nach einem Tag daheim. Sie spricht leise und meist zu sich selbst. Katzen springen aufs Fensterbrett und im Geräusch ihrer Tatzen, in dem kaum hörbaren Aufprall, gehen die Jahre dahin, werden die Erinnerungen blasser.

Die Schriftstellerin Anja Kampmann (Daniel Biskup)Die Schriftstellerin Anja Kampmann wurde 1983 in Hamburg geboren. Für ihre Lyrik und Prosa wurde sie mehrfach ausgezeichnet. 2020 gehörte ihr Roman "Wie hoch die Wasser steigen" in englischer Übersetzung zu den Finalistin des National Book Awards. (Daniel Biskup)

Das Kleid von Judy Garland schaut sie Abend für Abend an. Mit ihm hat sie sich einen Traum erfüllt. Und Kansas, das Zauberwort des Films, darf es nicht doch wahr sein, dass jemand im Traum fortreißt und dann froh ist, wieder im alten Bekannten aufzuwachen.

Lassen mit der Dame die Freude daran! Vielleicht wäre es zu viel, sie nach Europa zu fragen, nach allem, was sich abspielt, darin der Zauberer von Oz 1939 gedreht wird und in den schrecklichen Kriegsjahren die Folgen. Vielleicht hatte sie einen Sohn, der mit den Alliierten die Pommersche Bucht überflog. Vielleicht verschwand er dort wie so viele und fand also den Weg nicht zurück in ihr so vertrautes Kansas.


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Soldaten tragen keine roten Zauberschuhe wie Dorothy im Film. Der Traum war gebannt auf Zelluloid, aber noch größer waren Furcht und Leid. Doch lassen wir der Dame ihren Traum. Vielleicht sah sie den Film das erste Mal, als der Krieg vorbei war und keine Nachricht für sie kam und lassen wie ihren Bruder mit dem schmalen, ernsthaften Gesicht nach ihrem Tod in die Wohnung kommen.

Es ist in den 1960er-Jahren, und er weiß nicht, ob das Kleid echt ist oder nicht. Er ahnt jedoch, welche Bedeutung ist für seine Schwester hatte. Als Kind hat sie selbst noch die Staubstürme über den Farmen erlebt, und lange wünschte sie etwas, was so einfach wäre wie im Film.

Hier geht es zum Literatursommer von Deutschlandfunk (imago / fStopImages / Malte Müller) (imago / fStopImages / Malte Müller)

Das stille Kleid dort oben in der Ecke seines Büros. Was hätte ihr Bruder, ein beflissener Theologe an der Universität, sonst damit tun sollen? Wie konnte er wissen, ob es echt war oder ob seine Schwester es aus lauter Zuneigung nachgeschneidert hatte?

Für ihn erzählte es viel mehr etwas über das lange, vergebliche Warten. Und sicher musste auch er an den kleinen, pummeligen Jungen denken, seine Neffen, mit dem er ganze Nachmittage gespielt hatte. Schlangen zogen Linien durch den Staub, und sie tranken Limonade. Anfang der 30er-Jahre im schattenlosen und so trockenen Kansas.

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