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StartseiteComputer und Kommunikation"DETOX" Episode 1: Keine Wahl01.12.2018

Kurzgeschichten über digitale Entgiftung"DETOX" Episode 1: Keine Wahl

Schleichend, aber unaufhaltsam: Der zwischenmenschliche Kontakt ist dramatisch zurückgegangen. Schuld ist die massenweise Nutzung von Smartphones. Da hilft nur eins: digitale Entgiftung, weg mit den Handys! Doch das vom Ministerium beschlossene Detox-Gesetz hat ungeahnte Folgen.

Von Maximilian Schönherr

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Kurzgeschichten über digitale Entgiftung - "DETOX" Episode 1: Keine Wahl (Deutschlandradio / Hans-Jörg Brehm)
Kein Handy? Nicht auszuhalten - da hilft nur die Flucht in roamingfähige Grenzregionen ... (Deutschlandradio / Hans-Jörg Brehm)
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Das Ministerium hatte lange geschlafen und tatenlos zugesehen. Das, was unser Leben ausmacht, das Zwischenmenschliche, der lebendige Kontakt zu den Mitmenschen, war über die Jahre weitgehend verloren gegangen. Zahllose wissenschaftliche Studien belegten, dass es dafür vor allem einen Grund gab: die massenweise Nutzung von Smartphones. Auch der Begriff der Nachhaltigkeit fiel, und Nachhaltigkeit heißt hier: Die Menschen müssen sich wieder anschauen, nachhaltig, also länger als die halbe Sekunde, bis sich der Blick wieder auf den Touchscreen senkt.

Das Detox-Gesetz

Zu einer modernen Gesellschaft, so das Ministerium, gehöre auch eine lebendige Demokratie. Da dürfen weitgestreute Falschaussagen in den sogenannten sozialen Netzwerken nicht mehr auf fruchtbaren Boden fallen – am besten, indem keiner sie mehr liest.

Mit überwältigender Mehrheit verabschiedete das Parlament folgerichtig die digitale Entgiftung: das Detox-Gesetz. Es räumte den Mobilfunkbetreibern einen Monat Zeit ein, ihre Sendemasten zu deaktivieren, und zwei weitere, den Kunden wieder das zu geben, was diese lange hinter sich gelassen hatten: Telefon-Festnetz und stabiles DSL zu Hause.

 "Mama, ich brauch das aber unterwegs, wegen der Whatsapp-Nachsitzgruppe!"
 "Und ich wegen dem Lost Dragon Shooter!"

Familie Ölberg, typischer Abendessensdialog in der Detox-Übergangszeit. Diesmal aber ohne Geflapse, sondern mit ernstem Hintergrund.

"Kinder, es gibt jetzt ein Extra-Taschengeld, wenn ihr euer bald nutzloses Handy an der Sammelstelle abgebt."
"Ne Abwrackpräme?"
"Ne Abwrackprämie."
"Pervers."
"Dann zieh ich eben nach Osten, an die Grenze, wo’s wieder mobiles Surfen gibt. Mit Roaming."

Diese trotzige Idee der Tochter fand der in Scheidung lebende, aber oft abends zum Essen kommende Vater gar nicht schlecht. Er datete seit einiger Zeit Männer und Frauen und fuhr dafür lange Strecken mit dem Auto. Ohne Smartphone, ohne App, ohne mobiles Internet würde das nicht mehr gehen. An der Grenze zu Polen, wo es Mobilnetz zum EU-Roamingtarif gibt, aber schon.

Völkerwanderung an die polnische Grenze

Zunächst fiel es niemandem groß auf. Ein paar Tage nach Inkrafttreten des Detox-Gesetzes aber registrierte das Ministerium signifikante Verkehrsbewegungen. Es gab von Tag zu Tag mehr Staus, eigenartige Staus, 100 Kilometer lange Staus, anders als sonst, eine völlig neue Qualität. Langsam ergab sich von den Meldungen der Verkehrsleitstellen im Land ein einheitliches Bild: Die Staus hatten nichts mehr mit dem Pendlerverkehr zu tun, sondern betrafen die Randbezirke der Bundesrepublik. Bautzen, ganz im Osten, erstickte im Verkehrschaos. Viele Autokennzeichen mit Kassel, Leipzig, Hannover. Hannover dagegen war wie leer gefegt.

"Lars, ich glaube ich seh nicht recht: Ganzes Haus mit Garten in der Innenstadt von Frankfurt, für nur 100 Euro! Die meinen sicher 1.000, mindestens?"

Eine Bankerin und ihr Freund im Westerwald, von wo sie jeden Tag eine Stunde hin, eine Stunde zurück ins Bankenviertel fuhren.

"100 Euro pro Monat?"
"Pro Monat. Hammer, oder?"

Ja, es war nicht nur die Völkerwanderung an die polnische Grenze. Aus dem gesamten Kernland zogen die Haushaltsauflösungen mit Wohnmobilen und 7,5-Tonnern und Überlandbussen in alle Himmelsrichtungen, Hauptsache in roamingfähige Grenzregionen. Das Kernland war vier, fünf Wochen nach Einführung des digitalen Detox leer gefegt. Die Wasserwerke im Allgäu, die Kraftwerke an Ems und Weser standen still. Die paar Dutzend Menschen in Augsburg, Minden oder Oldenburg brauchten kaum mehr Strom.

Es lebe der Tante-Emma-Laden

Ein älteres Ehepaar mit kleiner Rente in Wuppertal:

"Annie, so gemütlich hätte ich mir den Lebensabend nicht vorgestellt. Wir zahlen fast keine Miete, wir haben Parkplätze ohne Ende und die lauten Nachbarn sind weg."
"Leider auch unsere Enkel."
"Wir haben doch gar keine Enkel, Annie."

"Wir haben keine Enkel, nicht einen einzigen?"
"Nein, Annie. Ich geh mal kurz rüber zum neuen Tante-Emma-Laden, uns einen Prosecco kaufen."
"Kauf den doch im Supermarkt, da ist er billiger!"
"Der Supermarkt, Annie, hat doch dicht gemacht. Hast du das gar nicht mitbekommen? Und bei der billigen Miete, Strom, Heizung, müssen wir mit unserer Rente eh nicht groß sparen. Ich kann uns fünf Proseccos kaufen."
"Wir sind aber doch nur drei!"
"Wir sind zwei, Annie."

Die Tante-Emma-Läden wurden von Menschen geführt, die neben Sauerkraut und Eiernudeln auch Kreuzkümmel und frischen Koriander anboten.

"Gar nicht übel!"

Selbst Bürger, die solche Verkäufer abwertend "Ausländer", "Schmarotzer" oder "Kümmeltürken" genannt hatten, sahen ein, dass Essiggurken mit Chili und Knödel mit Kumin nicht verkehrt waren.

Europaweites Detoxing - Ende der Flucht

Nicht alles lief so positiv ab: in Görlitz an der polnischen Grenze, wo die einheimische Bevölkerung großzügige Parkflächen ausgeschildert hatte und Holzhäuser um den See herum aufgebaut wurden. Das Ministerium beobachtete diese Entwicklung mit Misstrauen. Denn niemand an dem See sah den anderen an. Sie hockten unter ihren Wolldecken und guckten gierig auf ihre Smartphones, posteten Fotos vom Sonnenuntergang, studierten Kochrezepte, ließen sich über die App eine Pizza bringen und gingen dann müde und traurig schlafen.

Die Flucht an die Grenzen war schnell vorbei, nämlich als die Europäische Kommission mit großer Mehrheit beschloss, das deutsche Modell des Smartphone-Detoxing zu übernehmen. Von einem Tag auf den anderen konnten die Menschen an den Landesgrenzen roamen, wie sie wollten: Es war kein Netz mehr da, egal in welche Richtung sie ihre Handys auch in die Luft hielten.

Die Konvois zogen zurück ins Kernland. Und der Tante Emma-Laden mit dem Kreuzkümmel war plötzlich der Geheimtipp, obwohl die Supermärkte in der Peripherie wieder öffneten.

"Wollen Sie vielleicht noch 15 Euro Prepaid für Ihr Telefon mitnehmen?"
"Hab mein Handy längst abgegeben."

Die Frau an der Kasse grinste. Der Kunde auch.

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