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StartseiteComputer und Kommunikation"DETOX" Episode 2: Idyll08.12.2018

Kurzgeschichten über digitale Entgiftung"DETOX" Episode 2: Idyll

Nach dem ersten Entgiftungsschock: paradiesische Zustände im handyfreien Raum. Kinder spielen wieder, Menschen finden zueinander und zu sich selbst, die Regierung läuft wie geschmiert und trifft weise Entscheidungen. Bis ein Fehler passiert - der die Idylle massiv bedroht.

Von Maximilian Schönherr

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Kurzgeschichten über digitale Entgiftung - "DETOX" Episode 2: Idyll (Deutschlandradio / Hans-Jörg Brehm)
Niemand konnte es sich vorstellen: Das Leben ohne mobiles Netz wird zu paradiesischer Normalität (Deutschlandradio / Hans-Jörg Brehm)
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Das Ministerium hatte lange tatenlos zugesehen. Das, was unser Leben ausmacht, das Zwischenmenschliche, der lebendige Kontakt zu den Mitmenschen, war über die Jahre weitgehend verloren gegangen – durch die massenweise Nutzung von Smartphones.

Zu einer modernen Gesellschaft gehört auch eine lebendige Demokratie – so die ersten Reflexionen des Ministeriums. Da dürfen weitgestreute Falschaussagen in den sogenannten sozialen Netzwerken nicht auf fruchtbaren Boden fallen – am besten, indem keiner sie mehr liest.

Mit überwältigender Mehrheit verabschiedete das Parlament folgerichtig die digitale Entgiftung: das Detox-Gesetz. Es hatte weitreichende Konsequenzen. Als die Funkmasten kein Internet mehr an die mobilen Geräte lieferten, begann eine Völkerwanderung vom Kernland an die Grenzen, wo man immerhin mit den Smartphones roamen konnte. Doch das Netz von Polen, Dänemark, Österreich, Frankreich, Holland war nicht von Dauer. Die EU-Kommission führte die europaweite Detox-Regelung ein.

"Hast du Roaming an?"
"Roaming hat keinen Sinn mehr, du Depp. Das kannst du ein- oder ausschalten. Egal."
"Kann ich mein Handy gleich wegwerfen."
"Oder du tauschst es gegen Festnetz."
"Festnetz?!"

Die Parlamentarier in Brüssel hatten eingesehen, dass das chronische Gucken auf den Touchscreen statt auf die Wiese und den Bettler am Straßenrand nicht nur in Deutschland das Miteinander vergiftete – und die Lust an Demokratie. Die Bürger hatten vor lauter Wahlhetze auf ihren Smartphones den Wahltag vergessen; ohnehin schwirrte ihnen der Kopf.

Schaukeln, Singen, Fangenspielen

Die Völkerwanderung an die Landesgrenzen war schlimm gewesen, aber sie kehrte sich um und führte dabei nicht zu dem erwarteten Chaos. In Massen war man panisch an die Roaming-Grenzen geflüchtet; jetzt fuhr oder lief oder radelte man gemütlich zurück, von Bautzen nach Weimar, von Garmisch nach Neuendettelsau. Viele blieben in den chronisch unterentwickelten Randzonen hängen, gründeten florierende Firmen und Familien. Handys konnten an zentralen Sammelpunkten abgegeben werden; dafür bekam man dann ein E-Bike oder Festnetz lebenslänglich.

Was sich niemand vorstellen konnte und was anfangs allen so weh tat, ein Leben ohne mobiles Netz, führte innerhalb weniger Monate zu fast paradiesischen Zuständen im ganzen Land, ja in ganz Europa. Nach dem ersten Entgiftungs-Schock trat entgiftete Normalität ein. Paradiesische Normalität.

"Mama, Mama, schupps mich an!"

Die Kinder schaukelten wieder, statt das Handy mit der Schaukel-App zu schaukeln. Kinderlieder kamen aus den Kehlen der Eltern, nicht aus dem Stereo-Smartphone-Lautsprecher. Die Kids verabredeten sich über Kettenanrufe per Festnetz zum Fangenspielen im Garten.

"Kommt Papa nicht zum Abendessen?"
"Doch, der kommt bestimmt noch."

Kuss und Gute-Nacht-Lieder

Der von der Familie getrennt lebende Vater, den wir schon aus der ersten Episode kennen und der sich über Dating-Apps ein neues Leben aufbauen wollte, trieb sich neuerdings abends auf den Äckern und Wiesen herum, auf der blinden, sinnlosen, ja verzweifelten Suche nach seinen alten Affären aus Facebook, wenigstens einer davon.

Zum Abendessen kam er zu spät, aber als er da war, war er da, und seine Frau und er sprachen über Detox in der IT, in der Ernährung, über immer weniger Autos, die von Menschen gesteuert, also nicht autonom herumfuhren, und über ein Ministerium, das so elegant wie nie zuvor handelte und nur noch weise Entscheidungen traf.

"Komisch, wenn man so regiert wird, macht es richtig Spaß zu wählen!"

Bevor er wieder ging und mit seinem frisch aufgeladenen selbstfahrenden PKW in den Wald abrauschte, der Papa, sang er den Kindern frei erfundene Gute-Nacht-Lieder vor. Die fielen vor Lachen in den Tiefschlaf und die Mama gab ihm zum Abschied sogar einen Kuss auf dem Mund.

"Hm."

Zurück zur Natur und Kreativität

Was waren das für Zustände? Und wie lange sie anhielten! In den Jahren nach Detox kamen Babys wieder natürlich auf die Welt. Die Planungs-Apps der Kliniken und werdenden Mütter, im Krankenhausjargon "Kunden" genannt, waren offline.

"Kommen Sie gegen 17 Uhr zum Kaiserschnitt!"
"Ich hab doch noch nicht einmal Wehen!"
"Sie haben Wehen und Baby-Querlage, das wissen wir doch!"

Vorbei war auch die ewige Suche nach Steckdosen, um die Smartphones aufzuladen. Die Fingerhaptik der Kinder bildete sich wieder vom Touchscreen-Tippen auf den früheren Zustand zurück.

 "Du kannst aber schön schreiben!"

Im Rechenunterricht abstrahierten manche aus dem 10er-System Hilbert-Räume, ohne zu wissen, was Hilbert-Räume waren. Sie schufen sie aus sich heraus, ohne Tutorials in Youtube und ohne Coaching durch Instagram.

"Insta… was?"
"Das war ein sogenanntes soziales Netz, Kleines."

Sinnvolles Regieren

Die Regierungen in Brüssel und Berlin funktionierten wie geschmiert. Es traten kaum mehr Politiker vor die Kameras, das Ministerium hatte so viel zu tun, dass für Pressetermine keine Zeit blieb. Wie sahen die Minister des Ministeriums, die alle gewählt hatten, gleich wieder aus? Und die Ministerin?

Von dem Ministerium kamen Abgasregelungen, die Sinn machten. Migrationen aus den völlig verarmten USA und anderen Schwellenländern wurden statt mit Vorbehalt mit Sorgfalt betreut. Seit eineinhalb Jahren gab es keine Verletzten mehr auf deutschen und belgischen und tschechischen Landstraßen – weil das Ministerium mit den Kollegen endlich die Autonomie frei gegeben, ja verordnet hatte. Nur 10 Prozent der Fahrzeuge durften per Hand gesteuert werden, mit hohen Versicherungsauflagen. Ob dieser Effizienz und weil man keinen der Entscheider vor Gesicht bekam, machte sich ein Witz breit:

"Ist unsere Regierung ein selbst lernendes System?"

Bedrohung der Idylle

Keine Fehler, außer einem kleinen: Ohne parlamentarische Abstimmung änderte sich ein einzelnes Wort in Artikel 1 des Grundgesetzes: Statt "die Würde des Menschen", war nun …

… die Würde der KI unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt.

Da trat die Ministerin vor die Kameras. Lange hatte man sie nicht gesehen. Ordentlich gealtert war sie.

"Das haben nicht wir entschieden, das muss jemand von außen getan haben!"

Wir wissen: Es war nicht von außen entscheiden worden, sondern von innen, vom Ministerium selbst.

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