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StartseiteCampus & KarriereIntelligenztests für mehr Gerechtigkeit27.02.2019

LABOR: Empfehlung für weiterführende SchulenIntelligenztests für mehr Gerechtigkeit

Kinder mit niedriger sozialer Herkunft erhalten bei gleicher Leistung schlechtere Noten. Auch gibt es mitunter einen Zusammenhang zwischen einer Empfehlung für das Gymnasium und familiären Aspekten. Für mehr Chancengleichheit beim Übergang zu weiterführenden Schulen könnten Intelligenztests sorgen.

Von Dörte Hinrichs

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Ein Mädchen begutachtet ihr Zeugnis und hält sich die Hand an die Stirn.  (imago / Thomas Imo)
Die soziale Herkunft ist insbesondere dann relevant, wenn Lehrkräfte zwischen einer Empfehlung für das Gymnasium oder die Realschule schwanken (imago / Thomas Imo)
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Soziale Ungleichheit in der Schule – das ist und bleibt ein heikles Thema in Deutschland – regelmäßig kriegt das deutsche Bildungssystem da schlechte Noten, immer noch hängen Geldbeutel und Bildungserfolg eng zusammen. Das wissen auch die Bildungsforscher, die sich in diesen Tagen in Köln zusammengesetzt haben:

"Die großen Herausforderungen, die sich aus der Forschung ergeben sind immer noch im Bereich Chancengerechtigkeit. Deutschland muss viel dafür tun, dass auch Kinder aus ungünstigem sozialem Umfeld die besten Bildungsmöglichkeiten bekommen."

Andreas Schleicher, bei der OECD zuständig für den Bereich Bildung. Ein wichtiges Scharnier dabei, wenig überraschend: die Lehrerinnen und Lehrer. Welche Rolle spielen sie, wenn es um soziale Ungleichheit geht, besser gesagt: wie können Lehrer positiv Einfluss nehmen? Dazu gibt es erstaunlich wenig Forschung bislang.

Nicht nur die Leistung fließt in die Bewertung ein

Was sich allerdings schon erkennen lässt: Lehrkräfte haben offenbar höhere Erwartungen an Schülerinnen und Schüler aus höher gebildeten Familien. Auch erhalten Kinder mit niedriger sozialer Herkunft  trotz gleicher Leistungen schlechtere Noten. Bisherige Studien kamen zu dem Schluss, dass die Leistung zwar am stärksten die Notenvergabe beeinflusst, aber auch andere Schülermerkmale, wie deren Motivation und Arbeitsverhalten, die in die Noten miteinfließen. Diese Merkmale könnten scheinbar den Herkunftseffekt teilweise erklären, sagt der Bildungsforscher Sebastian Franz vom Bamberger Leibniz Institut für Bildungsverläufe. Die soziale Herkunft der Kinder spielt insbesondere dann eine Rolle, wenn Lehrkräfte schwanken zwischen einer Empfehlung für das Gymnasium oder die Realschule. Dann ziehen sie auch Merkmale der Familie hinzu, wie beispielsweise den Schulwunsch der Eltern und die elterlichen Unterstützungsmöglichkeiten. Prof. Ursula Kessels vom Fachbereich Erziehungswissenschaft und Psychologie an der FU Berlin gibt allerdings bei Forschungen zu diesem Thema zu bedenken:

"Es hört sich immer so an, als würde quasi die Lehrkraft denken, wir haben jetzt einen Schüler, Eltern Fleischereifachverkäufer, gebe ich mal lieber nicht aufs Gymnasium, und Zahnarztkind auf jeden Fall aufs Gymnasium. Das ist aber gar nicht der Fall, sondern diese Ergebnisse werden abgeleitet aus Studien, wo man bei den Lehrkräften nur die Gymnasialempfehlung erhoben hat. Und die Information über den sozialen Hintergrund hat man aus ganz anderen Fragebögen. Man weiß aus einer Studie z.B., dass 61% der Lehrkräfte sagten, sie wissen nicht, welchen Schulabschluss die Eltern dieser Kinder haben."

So finden sich Informationen zum Bildungsgrad der Eltern zum Beispiel manchmal in Formularen, die die Eltern bei der Schulanmeldung ihrer Kinder ausfüllen. Daten, die den Forschern, aber nicht unbedingt den Lehrern vorliegen würden. Wo aber zeigt sich ein Weg auf zu mehr Chancengleichheit an Schulen?

Mit Intelligenztests Schülerinnen besser einschätzen

"Es gibt zumindest eine interessante Studie von Ricarda Steinmeier, die gezeigt hat, dass das Hinzuziehen von Ergebnissen aus Intelligenztest dazu führt, dass die Platzierung auf der weiterführenden Schule sozial gerechter wird, als wenn man die dann nicht durchführt. Dass diejenigen Kinder, die aus weniger privilegierten Schichten kommen und trotzdem gute Intelligenzwerte haben, obwohl sie keine so guten Noten haben, davon stark profitieren."

Die soziale Ungleichheitsforschung beschäftigt die Bildungsforscher schon lange, auch Martin Neugebauer, Juniorprofessor für Empirische Bildungs- und Hochschulforschung an der FU Berlin. Und neben den Lehrern darf man eben eine andere Schaltstelle nicht vergessen - die Eltern.

"Was uns umtreibt, ist: Wir sehen nach wie vor, dass über die gezeigten oder gemessenen Kompetenzen hinaus eben das Elternhaus einen Einfluss nimmt. Und wir versuchen zu verstehen, warum es so sein kann und warum leistungsfremdere Merkmale da noch einen Einfluss nehmen können. Das versuchen wir so gut es geht zu begreifen, um es dann möglichst eingrenzen zu können oder dann in zukünftigen Projekten zu Interventionen zu kommen, mit dem Ziel, diese Scharnierstelle, diesen Übergang in die weiterführenden Schulen, der ziemlich wichtig ist für die weitere Bildungs- und Berufskarriere, um das möglichst leistungsgerecht zu gestalten."

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