Sonntag, 20.10.2019
 
Seit 03:05 Uhr Heimwerk
StartseiteCampus & KarriereVorurteile bremsen den Bildungserfolg17.05.2019

LABOR: Hotspots der deutschen LernforschungVorurteile bremsen den Bildungserfolg

Kinder mit Migrationshintergrund brechen öfter die Schule ab und machen seltener Abitur. Warum das so ist und ob das zu verhindern wäre, dem geht das Dortmunder Institut für Schulentwicklungsforschung (IFS) auf den Grund. Es liefert wichtige Daten für mehr Bildungsgerechtigkeit.

Von Daniela Remus

Hören Sie unsere Beiträge in der Dlf Audiothek
Schülerin mit Migrationshintergrund meldet sich im Unterricht (dpa / Waltraud Grubitzsch)
Sind Kinder mit Migrationshintergrund Stereotypen ausgesetzt, kann das gravierende Folgen für ihre Schulkarriere haben (dpa / Waltraud Grubitzsch)
Mehr zum Thema

Hotspots der deutschen Lernforschung Sprachkompetenz-Vermittlung neu gedacht

IGLU, PISA, TIMSS und Co Wird durch Bildungsforschung der Unterricht verbessert ?

Muslime in Deutschland Integriert doch erstmal… wen genau?

Soziologin über Unesco-Bildungsbericht Die Schulen brauchen mehr Ressourcen

"Das Ziel unserer Arbeit ist es, Lern- und Entwicklungsprozesse von Kindern und Jugendlichen, aber auch Schulentwicklung und Bil­dungs­er­geb­nisse zu untersuchen", sagt Nele McElvany, geschäftsführende Direktorin des Instituts für Schulentwicklungsforschung, kurz IFS, einer Forschungs­ein­richtung der TU Dortmund.

Ein wichtiger Schwerpunkt dieser renommierten Einrichtung: Bil­dungs­mo­nito­ring. Rund 75 Forscher sind verantwortlich für die in­ter­­nationalen und nationalen Leis­tungs­­­­vergleichsstudien: Zum Beispiel die "IGLU"-Studie, mit der die Lese­­­kom­petenz von Viertklässlern erfasst wird. Oder die "TIMMS"-Studie, mit der die mathe­ma­tischen und natur­wissen­schaftlichen Kenntnisse von Grundschülerinnen ge­mes­sen werden. Unverzichtbare Daten, auf deren Grund­­­lage in zahlreichen em­pi­rischen Pro­jekten untersucht wird, was guten Un­­­terricht ausmacht, wer von Lese­för­derung profitiert oder warum Kin­der mit Migrations­hi­n­ter­grund häufig zu den Bil­dungs­ver­lieren ge­hören. Aktuell arbeiten die Forscher zum Beispiel daran, heraus­­zufinden, wie sehr Stereotype das Lernen beein­flussen und was dagegen helfen könnte.

Bedrohung durch Klischees

Und deshalb gehen sie regelmäßig in Schulen: Denn Stereotype sind allgegenwärtig, auch an den Schulen. Einige Beispiele dafür: "Mädchen kön­nen kein Mathe", "Jungs lesen schlecht" und "Kinder mit tür­kischem Migrat­ionshintergrund lernen nicht richtig Deutsch!". "Stereotype Threat", also zu deutsch: Bedrohung durch ein Klischee, wird dieser Effekt ge­nannt. Er wirkt in unterschiedlichsten Zusammenhängen, das ist be­kannt. Die Frage, der die Dortmunder Wissen­­­­­schaftler aktuell nach­gehen: Beeinflussen solche Ressentiments auch den deutschen Wort­schatz türkisch­­stäm­­miger Kinder? Denn das Lern­­verhalten dieser Gruppe ist bisher wenig erforscht, erklärt Justine Stang, Mit­arbeiterin am IFS:

"Wenn man sich Kinder mit und ohne Migrationshintergrund anschaut, sieht man, dass Kinder mit Migrationshintergrund mit Blick auf die Bildungspartizipation benachteiligt sind, aber auch einen reduzierten schulischen Kompetenzerwerb aufweisen."

Schwierigkeiten beim Wortschatzerwerb

Und das heißt im Klartext: Sie machen seltener Abitur und brechen häufiger die Schule ab, und zwar ohne Abschluss. Liegt das vielleicht an Schwierigkeiten beim Er­werb des deutschen Wortschatzes? Diese Frage steht im Zentrum des Dort­munder Projekts. Konkret läuft das dann so ab, demonstriert Stang:

"Wir haben hier links Zielwörter stehen, wie beispielsweise 'Obst', wäre ein Zielwort, und rechts daneben finden wir fünf Alternativen. Und dann müssen die Kinder aus diesen Alternativantworten herausfinden, welches die richtige Antwort ist. Also ein Synonym dazu bei 'Obst' wäre dann 'Früchte'. Zur Auswahl hätten wir aber auch 'Salat', 'Bein', 'Arm' oder 'Oberschenkel' beispielsweise."

Wörter, die die Kinder zuordnen sollen, sind beispielsweise auch 'Jurist', 'Sabotage' oder 'inhaftieren'. Ist diese Arbeit abgeschlossen, beginnt der zweite Teil. Die Schülerinnen und Schüler bekommen kurze Texte, in denen diese Wörter vorkommen. In einem abschließenden Teil des Tests wird dann noch einmal nach den Zielwörtern und deren Synonymen gefragt.

Wie wird das Lernen beeinflusst?

"Wie sieht der Zugewinn aus, wie viele Wörter kennen sie jetzt mehr, allein dadurch, dass sie den Text gelesen haben?"

Jede Klasse wird in drei zufällige Gruppen unterteilt: Eine Gruppe füllt nur die Fragebögen aus, während die beiden an­deren mit Stereotypen kon­frontiert werden, explizit oder implizit. Kommen solche Klischees als Verunsicherung bei den Kindern an und beeinflussen sie des­halb ihr Lernen?

"Das heißt also, bei der impliziten Bedrohung bekommen die eine Frage gestellt nach der Familiensprache, also welche Sprache sprecht ihr zuhause? Und bei der expliziten Bedrohung erhalten sie einen Hinweis, dass es manchen Gruppen schwieriger fällt neue Wörter zu lernen."

Auch wenn diese Intervention klein und nebensächlich erscheint: Sie wirkt! In einer Vorstudie des Instituts zeigte sich, dass bereits solche ge­ringen Hinweise reichen, um das Erlernen neuer Wörter deutlich zu beein­­flussen, so Annika Ohle-Peters, die an der Vorstudie mit­gear­bei­tet hat:

"Wir haben zeigen können, dass die Gruppen, die einem Stereotyp aus­ge­setzt waren, weniger Wörter dazugelernt haben im Rahmen dieses Ex­pe­riments als Kinder, die kein Stereotyp bekommen haben."

Hochgerechnet drastische Auswirkungen

Und zwar ganz gravierend: Bei den Kindern, die keinem Stereotyp aus­ge­setzt waren, lag die Worter­werbs­quote doppelt so hoch wie bei denen, die sich explizit mit einem derartigen Klischee aus­einandersetzen mussten. Wenn man das auf ein Schulleben hochrechnet, wird die drastische Auswirkung deutlich, erklärt Nele McElvany, die Direktorin des Instituts:

"Das meiste unseres Wortschatzlernens geschieht implizit und nicht explizit, das wissen wir von den Linguisten. Wenn in all diesen Situationen tatsächlich Kinder aufgrund dieser Annahme, dass sie selber das ja ohnehin nicht so gut können, weil sie einer bestimmten Gruppe angehören, die mit negativen Stereotypen belegt sind, immer sys­te­matisch immer ein bisschen weniger lernen als die anderen, dann hat das - natürlich mittelfristig gedacht - einen kumulativen Effekt, den man, denke ich, dann doch sehr ernst nehmen muss."

Genau diesen Effekt untersuchen die Forscherinnen und Forscher gegenwärtig, um herauszufinden, wie er vermieden werden kann. Des­halb läuft das Projekt, im Gegensatz zur Vorstudie, nicht nur in Grund­­schul­­klassen in NRW, sondern auch an weiterführenden Schulen in Berlin und Nieder­sach­­sen. Im nächsten Jahr werden die Dortmunder Forschungs­er­geb­nisse dann verfügbar sein.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk