Dienstag, 20.11.2018
 
StartseiteCampus & KarriereMehr Brillen bei mehr Bildung28.06.2018

LABOR: KurzsichtigkeitMehr Brillen bei mehr Bildung

Ein Stereotyp taucht in vielen Filmen, Büchern und Bildern auf: Eine Brille signalisiert, dass der Brillenträger besonders intelligent oder gebildet ist. Wie sich jetzt zeigt, liegt das Klischee gar nicht so falsch. Es gibt tatsächlich einen Zusammenhang zwischen Bildung und Kurzsichtigkeit.

Von Daniela Remus

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Eine Lesebrille liegt auf einem Buch (picture alliance / dpa / Jens Kalaene)
Viel Lesen bei schlechtem Licht ist schlecht für die Augen (picture alliance / dpa / Jens Kalaene)
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Je länger Kinder und Jugendliche sich in Ausbildung befinden, desto grö­ßer ist ihr Risiko, kurzsichtig zu werden. Das ist das Ergebnis einer Stu­­die mit knapp 70.000 Teilnehmern von britischen Gesund­heits­wis­sen­schaftlern der Universität Bristol, sagt die Augenfachärztin Denize Atan, eine der Autorinnen:

"Wir haben herausgefunden, dass ein längerer Aufenthalt in Bildungs­ein­richtungen die Kurzsichtigkeit fördert. Aber es gilt nicht umgekehrt, dass die­jenigen, die kurzsichtig sind, länger zur Schule gehen. Die Kausalität ist eindeutig."

Es liegt nicht an den Genen

Dass es eine Korrelation gibt, zwischen einer langen Ausbildung und Kurz­­­sichtigkeit ist seit längerem bekannt. Vor allem im asiatischen Raum sind die Zahlen, die das belegen, beeindruckend: Über 90 Prozent der Stu­die­renden sind dort kurzsichtig. Da mittlerweile bekannt ist, dass circa 40 Gene für diese Fehlsichtigkeit zu­ständig sind, wollten die britischen For­­scher wissen, wie wichtig diese Gene für den weltweit deutlichen An­stieg der Kurzsichtigen sind.

"Und wir haben in unserer Studie herausgefunden, die genetisch Kurzsichtigen sind nicht von Natur aus besser in der Schule, sondern andersherum, diejenigen, die genetisch dazu bestimmt sind, bessere Schulleistungen zu bringen, die haben ein größeres Risiko, auch tatsächlich kurzsichtig zu werden."

Ursache für die Zunahme von Kurzsichtigkeiten sind laut Studie also nicht die Gene: Es hängt ganz überwiegend von der Umgebung, den Lebensbedingungen ab. Vor allem in Kindheit und Jugend, also grob im Alter zwischen fünf und 20 Jahren, bilden sich diese Fehl­sichtigkeiten aus. Wer in dieser Zeit viel am Schreibtisch liest und schreibt, und das auch noch bei schlech­ter Be­leuch­tung, bei dem steigt das Risiko, kurzsichtig zu werden, mit jedem Jahr an. Und zwar um rund 0,3 Dioptrien. Und da die Anzahl der Menschen, die längere Ausbildungen durch­laufen, zunimmt, werden auch immer mehr von ihnen kurzsichtig, erklärt Frank Schüttauf, Professor für Augenheilkunde am Universitäts­kli­nikum Eppendorf in Hamburg.

"Was wir genau wissen, ist, dass der Anteil der Kurzsichtigen seit 1950 deutlich zugenommen hat. Das Entscheidende ist, was wir im Moment sehen, dass die junge Generation kurzsichtiger wird, und dass dieser Bereich dieser kurzsichtigen Patienten älter wird."

Kurzsichtigkeit kann schlimme Folgen haben

Und das sei ausgesprochen beunruhigend, erklärt Alexander Lagrèze, Professor für Augenheilkunde an der Universität Freiburg.

"Wir als Augenärzte sind immer dann besorgt, wenn die Kurzsichtigkeit ein Ausmaß annimmt, von minus 6 oder mehr Dioptrien, weil, wenn das sehr stark ausgeprägt ist, sprich: der Augapfel sehr lang wird, dann gibt es sekundäre Augene­r­krankungen, die dann auch das Sehen bedrohen können."

Grüner Star, Grauer Star, Netzhautablösungen oder Makulaver­än­de­rungen, das sind die möglichen Zusatzerkrankungen bei einer Kurz­sichtigkeit. Auch wenn das nur wenige Betroffene wissen. Deshalb warnen die Augenärzte vor der gegenwärtigen Entwicklung. Aber sie könne relativ einfach vermieden werden, so der Hamburger Augenarzt Frank Schüttauf:

"Wir sind der Meinung, dass die Kurzsichtigkeit von zwei Faktoren abhängt, das eine ist die Leseentfernung und das andere sind die Beleuchtungsbedingungen. Diese zwei Dinge, zu nahe Leseabstände unter 30 Zentimeter zum Beispiel führen deutlich zur Vermehrung von Kurzsichtigkeit, das weiß man mittlerweile und die Beleuchtung spielt ne große Rolle."

Kinder sollten draußen spielen

Der Rat der Großeltern, nicht bei Schummerlicht unter der Bettdecke zu lesen, weil das den Augen schade, ist also völlig richtig. Deshalb empfehlen die Wissenschaftler, Kinder vor allem im Vorschul- und Grundschulalter möglichst viel und lange draußen spielen zu lassen. Damit werde ein gutes Fundament gelegt, so dass später lange Studienzeiten und intensive Lernphasen den Augen nur noch wenig anhaben können.

"Das draußen Spielen hat zwei positive Aspekte. Zum einen ist es so, dass die Lichtstärke viel besser ist, also die Beleuchtungsbedingung ist viel besser als im geschlossenen Raum, das zweite ist natürlich die Fernakkomodation, das Auge auf die Ferne eingestellt wird, und in dem Moment natürlich die Leseentfernung, die uns Probleme für die Kurzsichtigkeit bescheren kann, aufgebrochen wird und durch das Schauen in die Ferne, die Linse entspannt wird."

Vor allem der Lichtmangel in den Innen­räumen befördere die Fehlsichtigkeit. Deshalb appellieren die Wissenschaftler auch an die Schulen, die Stundenpläne anders zu gestalten. So dass die Kinder immer wieder zwischendurch rausgehen müssen. Etwa elf Stunden Tageslicht pro Woche haben die Forscher der britischen Studie beispielsweise als Richt­wert dafür genannt. In Taiwan sind Pflichthofpausen an den Schulen bereits eingeführt worden. Mit dem vielversprechenden Er­geb­nis, dass die Anzahl der Kurzsichtigen schon um zehn Prozent zurückgegangen ist.

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