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StartseiteUmwelt und Verbraucher"Ein leises Motorrad gefällt dem Fahrer nicht"24.04.2019

Lärmgrenzwerte"Ein leises Motorrad gefällt dem Fahrer nicht"

Motorradfahren hängt auch mit dem Sound zusammen - je lauter, desto besser, finden viele Fahrer. Hersteller wissen das und umgehen mit Tricks die Lärmgrenzwerte, sagte Holger Siegel (BUND) im Dlf. "Ähnlich wie beim Dieselskandal haben wir auf der Straße andere Werte als in den Zulassungspapieren."

Holger Siegel im Gespräch mit Georg Ehring

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Drei Motorradfahrer in voller Montur fahren auf einer Straße (picture alliance / Frank May)
Motorradfahrer zieht es im Frühling wieder auf die Straßen (picture alliance / Frank May)
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Georg Ehring: Der Frühling ist da und die Motorradsaison hat begonnen. Das Motorrad ist mehr als ein Verkehrsmittel, es wird häufig zum Vergnügen benutzt, der Weg ist das Ziel, und er sollte kurvenreich sein und öfter auch mal eine kräftige Beschleunigung ermöglichen.

Anwohner von beliebten Motorradstrecken beschweren sich allerdings oft über Lärm, und darüber spreche ich jetzt mit Holger Siegel, er ist Sprecher des Arbeitskreises Motorradlärm beim BUND, beim Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland. Guten Tag, Herr Siegel!

Holger Siegel: Guten Tag, Herr Ehring, hallo!

Ehring: Hallo. Warum empfinden wir eigentlich Motorradlärm häufig als so laut?

Siegel: Also zum einen werden Motorräder oder wird vom Motorrad erwartet, dass es eine andere Soundkulisse bietet als ein herkömmliches Auto. Beim herkömmlichen Auto versuchen wir möglichst leise, auch der Innenraum soll ja möglichst leise sein. Beim Motorrad ist es ganz was anderes, da gehört es zur Psychologie des Fahrens irgendwo dazu, zur Philosophie des Fahrens, dass dieses Gerät einfach auch Geräusche von sich gibt.

"Motorräder sind viel lauter als der Grenzwert"

Ehring: Aber es gibt ja Grenzwerte, die man dann einhalten muss, also so laut dürfte es gar nicht sein.

Siegel: Ich würde nicht sagen, dass das Grenzwerte sind, weil diese Werte, die da genannt sind, im Moment 78 Dezibel nach Euro 4, diese Werte sind nicht irgendwo ein Grenzwert, das beschreibt nicht den obersten zulässigen Wert, sondern das ist ein beliebig gewählter Punkt zu einem beliebig gewählten Betriebszeitpunkt. Viele Motorräder sind nicht 78 Dezibel laut, sondern über 100 Dezibel laut, und hier wird, glaube ich, bewusst in die Irre geführt mit dem Begriff Grenzwert. Grenzwert erwartet man, dass das eine Grenze ist, aber die sind viel, viel lauter.

Ehring: Und wie kommt das, wie ist das möglich?

Siegel: Das Normenverfahren, das da seit Jahrzehnten von interessierten Kreisen und von Technikern gestrickt wird, ist einfach eine Einladung, es zu umgehen. Also man kann Normen, die dem Gesundheitsschutz der Bevölkerung dienen sollten, nicht von der Fahrzeugindustrie, von Ingenieuren, von BMW, Porsche und Audi entwickeln lassen. Diese Normen sind darauf angelegt, dass man sie umgehen kann. Ähnlich wie beim Dieselskandal haben wir auf der Straße ganz andere Werte als in den Zulassungspapieren.

Ehring: Wie kommt das denn zustande?

Siegel: Also da gibt es mehrere technische Möglichkeiten. Ein klassischer Fall sind diese Auspuffklappen. Wir haben in solchen dicken Auspufftöpfen von Motorrädern meist zwei Systeme, einen leisen Teil und einen lauten Teil. Und für die Typzulassung, da wird das Motorrad in einer ganz genau definierten Situation gemessen, und in dieser Situation schaltet eine Auspuffklappe ganz einfach auf den leisen Auspuff um. Und wenn man an dem Mikrofon vorbeigefahren ist, geht es dann wieder auf den lauten Auspuff.

BMW verdient Geld mit dem Lärm

Ehring: Das erinnert doch stark an die Tricks bei den Abgaswerten.

Siegel: Es ist aus meiner Sicht noch viel schlimmer, weil die Norm, die dahinterliegt, einfach auch noch von der Fahrzeugindustrie gestrickt wird. Die Perfidität ist: Die Welt gibt Milliarden aus für Lärmschutzmaßnahmen, für Gesundheitsfolgen, die aus Lärm entstehen, um die zu beseitigen. Das geht um Milliarden. Also die Hochschule Trier sagt, wir haben Gesundheitskosten und Lärmkosten von rund 9,1 Milliarden Euro pro Jahr, und ein Zubehörauspuff von BMW kostet 2.000 Euro, und BMW verdient Geld damit, dass der Lärm auf die Straße kommt, den dann die Allgemeinheit wieder irgendwie beseitigen muss.

Ehring: Manche Motorradfahrer bauen ihr Fahrzeug ja um. Ist das denn erlaubt?

Siegel: Nein, das ist natürlich auch nicht erlaubt, das ist ein weiterer Teil des Problems, dass da manche noch manipulativ tätig werden. Aber die Normenlage seit 2016 ist tatsächlich so, dass die Zahl der tatsächlich illegalen Manipulationen aus meiner Sicht abgenommen hat. Viel schlimmer ist, dass die Fahrzeuge lauter gemacht werden. Das Umweltbundesamt sagt, wir haben im Grunde keine Handhabe gegen absichtlich laut gemachte Fahrzeuge. Die Gesetzeslage ist wirkungslos. Das sagt das Umweltbundesamt.

Ehring: Ginge es also wesentlich leiser, wenn man nur wollte?

Siegel: Ja, natürlich. Aber es will keiner.

Ehring: Haben Sie denn Tipps für Motorradfahrer, die niemanden belästigen wollen, aber trotzdem Fahrspaß haben wollen?

Siegel: Ich habe da einen tollen Tipp vom Chefredakteur von "Motorrad" bekommen, der hat gesagt, gucken Sie doch mal, leise Motorräder, gucken Sie doch mal, welche Motorräder wegen des Lärms verrissen werden, also nicht genug Sound bieten, und ich habe mir dann so ein Motorrad gekauft. Das will dann auch keiner. Also mein Motorrad ist 20 Jahre alt, hat nur 30.000 Kilometer und hat 1.500 Euro gekostet und ist wirklich leise. Aber das gefällt dem durchschnittlichen Motorradfahrer leider nicht.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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