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StartseiteSport am WochenendeLäuferin Graf klagt Ex-Trainer Stechemesser an01.05.2011

Läuferin Graf klagt Ex-Trainer Stechemesser an

Ex-DDR-Sportmediziner habe Kontakt zu Humanplasma vermittelt

Im Mai soll der Doping-Prozess gegen den früheren Ski-Langlauf-Trainer Walter Mayer in Wien eröffnet werden. Der Coach aus Salzburg bestreitet weiterhin die Vorwürfe gegen ihn. Dagegen erhebt Humanplasma-Geschäftsführer Rudolf Meixner, in diesem Institut wurde das Blutdoping vollzogen, schwere Vorwürfe gegen Mayer, dem strafrechtliche Konsequenzen drohen. Dagegen ist Dr. Helmut Stechemesser strafrechtlich nicht zu belangen, aber dem früheren DDR-Mediziner drohen Konsequenzen anderer Art.

Von Heinz Peter Kreuzer

Wiener Institut "Humanplasma" scheint eine zentrale Rolle beim Doping gespielt zu haben (AP)
Wiener Institut "Humanplasma" scheint eine zentrale Rolle beim Doping gespielt zu haben (AP)

Die aktuelle Veröffentlichung des Vernehmungsprotokolls der ehemaligen österreichischen Mittelstrecklerin Stephanie Graf vom September 2009 sorgte für Aufsehen. Die Silbermedaillengewinnerin von Sydney hat darin ihren früheren Trainer Helmut Stechemesser schwer belastet. Der Ex-DDR-Sportmediziner habe sie zu Humanplasma vermittelt. Das Institut führte Eigenblut-Doping bei den Sportlern durch. Dort habe sie sich zwar Eigenblut abnehmen, aber nach eigener Aussage nicht refundieren lassen. Trotzdem wurde sie folgerichtig 2010, sechs Jahre nach ihrem Karriereende, wegen versuchten Blutdopings bestraft. Für den österreichischen Leichtathletik-Trainer und engagierten Anti-Dopingkämpfer Wilhelm Lilge ist die Aussage von Graf keine Überraschung:

"Dr. Stechemesser würde ich nicht unbedingt als Drahtzieher eines Dopingnetzwerkes betrachten, sondern als einen wie auch vor Gericht festgestellt wurde, sondern als Dopinghintermann, der auch als Trainer tätig war, der als Trainer große Erfolge gefeiert hat, die offensichtlich nicht immer mit lauteren Mitteln zustande gekommen waren."

Die Liste von Helmut Stechemessers betreuten Sportlern ist lang. Neben Stephanie Graf arbeitete er mit Susanne Pumper, Theresia Kiesl aus Österreich, den Sloweninnen Jolanda Ceplak, Helena Javornik und dem Niederländer Simon Vroemen zusammen. Sie alle waren oder sind in Dopingfälle verwickelt. Pumper und Javornik wurden nach einer von Wilhelm Lilge veranlassten Dopingkontrolle positiv getestet. Lilge war damals Trainer beim LLC Wien und wollte Klarheit haben. Die positiven Ergebnisse der Dopingprobe führten zu seiner Entlassung beim LLC Wien:

"Es gibt natürlich relativ viele Fälle, besonders im Umfeld des Dr. Stechemesser, die, das zeigt sich jetzt immer mehr mit Doping in Verbindung zu bringen sind und wo natürlich die Leistungen im Nachhinein relativiert werden."

Beispiel Theresia Kiesl: Bei den Sommerspielen 1996 in Atlanta gewann sie Bronze über 1500 m, ein Jahr später wurden während einer Hausdurchsuchung bei Kiesls Ehemann Dopingmittel gefunden.

Trotz der vielen Dopingfälle hat Stechemessers Ansehen in Österreich lange Zeit nicht darunter gelitten. Er ist einer von vielen früheren DDR-Trainern, die nach der politischen Wende nach Österreich kamen. Stechemesser betreute in den 80er Jahren die DDR-Skilanglauf-Nationalmannschaft und spitzelte für das Ministerium für Staatssicherheit, selbst nach dem Mauerfall. Lilge beschreibt die Mentalität der österreichischen Sportszene, die über die Vergangenheit dieser Trainer hinweggeht:

"Die Verbände, Sportfunktionäre bis hinauf in die politischen Stellen profitieren ja von den sportlichen Leistungen, und da ist nur schweren Herzens bereit, die entsprechenden Konsequenzen zu ziehen. die dann auch auf den ersten Blick mit geringeren Erfolgen verknüpft sind. Dieses inkonsequente Verhalten das zieht sich in Österreich auch in andere Kreise hinein. wenn der Geschäftsführer unserer Nationalen Anti-Doping-Agentur, der Andreas Schwab, gerne Golf spielen geht mit dem Stefan Matschiner, dem rechtskräftig verurteilten Dopingdealer, und nichts dabei findet, keinerlei Unrechtsbewusstsein findet."

Doch spätestens die Dopingfälle seiner Schützlinge hätten in Österreich zu Konsequenzen für Stechemesser führen müssen. Juristisch ist Stechemesser zwar nicht zu belangen, weil die Vergehen vor der Einführung des Anti-Doping-Gesetzes liegen. Erst 2011 zieht das für den Sport zuständige Verteidigungsministerium Konsequenzen. Seinem Arbeitgeber, dem sportmedizinischen Institut "Revital Aspach" in Oberösterreich, wurde die Akkreditierung des Sportministeriums entzogen. Hier betreute er mehrere Kaderathleten aus Ausdauersportarten, auf Kosten des Steuerzahlers. Wilhelm Lilge:

"Eben dadurch, das Kadersportler unterschiedlicher Sportarten mit Untersuchungsschecks, die über das Sportministerium finanziert wurden, zu ihm kommen konnten. Das heißt, diese Untersuchungsstelle konnte diese Schecks dann einlösen, gegen Bares, ist damit vom Ministerium, von Steuermitteln subventioniert worden bis zuletzt, obwohl dieser Umstand schon seit langem bekannt war."

Stefan Hirsch, Sprecher von Verteidigungsminister Norbert Darabos, sagt, die Vorwürfe seien dem Ministerium erst seit Anfang des Jahres bekannt. Und man habe sofort reagiert:

"Es hat sich tatsächlich herausgestellt, dass der Dr. Stechemesser an einer solchen Untersuchungsstelle arbeitet. Wir haben daher im März dieser sportmedizinischen Untersuchungsstelle die Akkreditierung entzogen, da uns nicht bekanntgegeben worden ist, dass der Dr. Stechemesser dort praktiziert."

Weiterhin stört das Sportministerium die Nähe von Stechemesser zum Thema Doping und verweist dabei auf den gewonnenen Prozess von Lilge gegen Stechemesser. Lilge hatte in einem Radiointerview behauptet. Stechmesser sein ein Dopinghintermann und hatte von der Richterin recht bekommen.

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