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StartseiteInterview"Die Menschen sehnen sich nach Frieden"06.04.2016

Lage in Syrien und im Irak"Die Menschen sehnen sich nach Frieden"

Der Bamberger Erzbischof Ludwig Schick beschreibt die Lage der Flüchtlinge in Syrien und im Irak als erschütternd. Die Menschen fühlten sich allein gelassen, weil niemand zu ihnen komme, sagte Schick im DLF. Menschliche Nähe sei aber nötig und gewünscht. Große Hoffnungen ruhten auf den Friedensverhandlungen in Genf.

Ludwig Schick im Gespräch mit Jasper Barenberg

Ludwig Schick, Erzbischof von Bamberg. (dpa-Bildfunk / Holger Hollemann)
Ludwig Schick, Erzbischof von Bamberg. (dpa-Bildfunk / Holger Hollemann)
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Ludwig Schick war eine Woche lang in Syrien und im Irak unterwegs. In den Kriegsgebieten gebe es eine große Hilfsbereitschaft der Menschen untereinander, sagte der Erzbischof. Das sei beeindruckend. 

Von den Grenzblockaden entlang der Flüchtlingsroute wisse kaum jemand etwas. Unter den Flüchtlingen gebe es zwei Gruppen: die einen, die nach Europa möchten, weil sie jede Hoffnung verloren hätten. Die weitaus größere Gruppe aber möchte bleiben, so Schick. Da sei Energie, Kraft und Wille - und das müsse unterstützt werden.

Angesprochen auf EU-Türkei-Pakt gab sich der Erzbischof kritisch. Einerseits sei es wichtig, dass in der ganzen Krise nun Ordnung einkehre, damit nicht noch mehr Menschenleben gefährdet würden. Ob der Türkei-Pakt das bewirken könne, müsse man sehen. Wichtig sei, dass mit den Menschen, die zurückgeschickt würden, menschlich umgegangen werde. Etwa indem man ihnen erkläre, warum sie zurückgeschickt werden.


Das Interview in voller Länge: 

Jasper Barenberg: Zwei Wochen lang war der Bamberger Erzbischof Ludwig Schick gerade im Nahen Osten unterwegs. Als Vorsitzender der Kommission Weltkirche der Katholischen Deutschen Bischofskonferenz trägt er auch Verantwortung für die kirchlichen Hilfswerke. In Syrien und im Irak hat er Vertreter aus Politik und Kirche getroffen, aber auch Gelegenheit gehabt, mit vielen Flüchtlingen zu sprechen. Jetzt ist er in Bamberg am Telefon. Schönen guten Morgen, Erzbischof Schick.

Ludwig Schick: Guten Morgen Ihnen und allen Hörerinnen und Hörern.

Barenberg: Herr Schick, warum war es Ihnen ein Anliegen, in den Nahen Osten nach Syrien und in den Irak zu reisen?

Schick: Das ist für die Menschen dort wichtig. Das haben sie auch immer wieder signalisiert, dass sie sich allein gelassen fühlen, weil niemand mal zu ihnen kommt. Sie danken für die viele materielle Hilfe, die sie bekommen, aber menschliche Nähe ist auch nötig und gewünscht, und deshalb bin ich hingefahren.

Barenberg: Wir wissen, dass es eine Waffenruhe in Syrien gerade gibt, aber in weiten Teilen ist das Land natürlich ein Kriegsgebiet. Ich stelle mir das ziemlich schwierig vor, eine Reise dorthin zu organisieren und vorzubereiten. Wo hatten Sie Gelegenheit, dort Gespräche zu führen?

Schick: Ich habe viele Gespräche geführt. Natürlich spürt man überall, dass dort Krieg ist. Man muss durch viele, viele Checkpoints durch, sich immer wieder kontrollieren lassen. Aber ich habe Gespräche mit vielen Bischöfen geführt, mit Ordensleuten, aber auch mit vielen Laien, die jetzt in der Caritas versuchen, den Not leidenden Flüchtlingen, die von Aleppo und anderen Orten sich nach Damaskus flüchten, denen zu helfen.

"Die Eindrücke sind erschütternd"

Barenberg: Mit welchen Eindrücken sind Sie, gerade wenn wir über Syrien reden, nach Deutschland zurückgekehrt? Ich habe die Feuerpause angesprochen. Gibt das den Menschen ein wenig neue Hoffnung auf ein dauerhaftes Ende der Gewalt?

Schick: Ja. Die Menschen sehnen sich nach Frieden. Das ist der größte Wunsch, den alle haben. Frieden soll endlich wieder einkehren, damit man wieder normal leben kann. Die Eindrücke sind natürlich erschütternd. Überall spürt man Krieg, verletzte Menschen, verängstigte Menschen, traumatisierte Menschen, aber auch beeindruckend auf der anderen Seite, wie groß die Hilfsbereitschaft auch untereinander ist, wie man sich umeinander kümmert, wie man Wohnungen teilt. Das ist auch wirklich beeindruckend und sogar erfreulich. Und sie sind natürlich auch bereit, ihr Land wieder aufzubauen nach den vielen Kriegsereignissen und mit den vielen Zerstörungen.

Barenberg: Was haben Sie über die Lebensverhältnisse der Menschen, die jetzt hoffen, dass es auf Dauer ein Ende der Gewalt geben wird, was haben Sie über die Lebensverhältnisse dort in Erfahrung bringen können bei Ihren Gesprächen und Besuchen?

Schick: Zunächst einmal nehmen sie wahr und haben es erlitten, dass ihre eigenen Wohnungen zerstört sind. Auch das, was einen Menschen mit der Heimat verbindet, ob das jetzt Bilder sind etc. Das Zweite, was noch schlimmer ist, dass viele auch direkte Angehörige verloren haben durch Bombardements oder durch Erschießen. Einige haben auch Verwandte, die einfach verschwunden sind, von denen sie nichts wissen. Das ist alles sehr erschütternd, wenn man diese Berichte so ganz direkt hört und die Menschen erlebt, wie sie darunter leiden. Auf der anderen Seite aber auch die Hoffnung, das wird jetzt ein Ende nehmen und wir können wieder beginnen, und deshalb setzen sie auch auf Genf und die Friedensverhandlungen ganz, ganz große Hoffnungen.

"Die Verhältnisse sind menschenunwürdig"

Barenberg: Viele sind unter anderem in den Irak geflohen, wo Sie auch Gespräche geführt haben und Eindrücke sammeln konnten. Die Lebensverhältnisse dort werden immer als sehr desolat beschrieben. Haben Sie das bestätigt bekommen?

Schick: Ja. Das kann ich nur bestätigen. Im Irak sind viele Christen, die aus der Mossul-Gegend und der Ninive-Ebene geflohen sind, und dann natürlich auch die Jesiden. Das ist ja die Gruppe, die auch mit den Christen am meisten gelitten hat und leidet. Die Verhältnisse sind wirklich unter Niveau und eigentlich menschenunwürdig. Sie haben sich oft einfach in Häuser, die nicht ganz fertiggestellt sind, geflohen und haben sich dort in den Kellern notdürftig eingerichtet. Dort leben dann viele Familien zusammen, ohne jede Privatatmosphäre. Die Kinder können nicht zur Schule gehen. Sie haben nichts zu tun. Das ist einfach erschütternd.

Barenberg: Viele kirchliche Hilfswerke und andere leisten dort Hilfe und versuchen, ihr Möglichstes zu tun. Was haben Sie in Erfahrung gebracht über Pläne für eine weitere Flucht nach Europa? Wissen die Menschen von der Blockade der Balkan-Route beispielsweise? Was wissen sie über den Flüchtlingspakt mit der Türkei?

Schick: Das wusste kaum jemand. Ich habe mit denen gesprochen, auch in Jordanien und im Irak. Davon wusste kaum jemand. Es gibt eigentlich zwei Gruppen. Die einen, die möchten nach Europa, weil sie jede Hoffnung für ihr eigenes Land verloren haben. Aber die größere Gruppe, die möchte bleiben und möchte wieder beginnen. Und wir müssen jetzt wirklich helfen, dass Frieden wird und dass die Menschen neu beginnen können. Da ist Energie, da ist Wille, da ist Kraft da. Das muss unterstützt werden.

Barenberg: Sie wissen, dass es massive Kritik an der Rückführung von Flüchtlingen derzeit in die Türkei gibt. Schließen Sie sich dieser Kritik an?

Schick: Ich habe mich geäußert. Es ist sicher wichtig, dass in der ganzen Migrationskrise jetzt wieder Ordnung einkehrt. So kann es nicht weitergehen. Denn in dieser Unordnung gefährden wir auch Menschenleben. Zum Beispiel die Flucht über die Meere, da sterben viele Menschen, da werden Schlepper bezahlt. Das muss unbedingt aufhören. Ob der Türkei-Pakt jetzt das bewirken kann, muss man sehen. Aber dass das ein Versuch ist, das kann ich verstehen.

Was mir ein großes Anliegen ist, dass man mit den Menschen, die zurückgeführt werden, menschlich umgeht. Viele verstehen unsere Ordnung, unsere Rechte nicht und für viele ist das Zurück, wenn sie nicht verstehen warum, die Hölle, denn sie kommen aus der Hölle und werden jetzt wieder zurückgeschickt. Da muss man ganz sensibel und menschlich umgehen und ich hoffe, dass die, die die Verfahren dort in Griechenland jetzt ausführen sollen, dass die menschlich auch geschult sind und mit den Menschen ganz sensibel umgehen.

Barenberg: Der Erzbischof von Bamberg heute Morgen hier im Deutschlandfunk. Vielen Dank, Ludwig Schick, für dieses Gespräch.

Schick: Danke schön! Ihnen einen guten Tag.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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