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StartseiteCampus & Karriere"Eigenverantwortlicher Beruf ohne Großstadtrummel"30.01.2020

Landarztquote im Medizinstudium"Eigenverantwortlicher Beruf ohne Großstadtrummel"

Zehn Jahre als Hausarzt in unterversorgten Regionen arbeiten: Das ist für Maximilian Turulski kein zu hoher Preis dafür, ohne NC Medizin studieren zu dürfen. Im Berufsalltag gehe die Zeit sicher schnell rum, sagte er im Dlf. Und bezüglich der ländlichen Region gebe es durchaus Spielraum.

Maximilian Turulski im Gespräch mit Sandra Pfister

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Ein Landarzt im weißen Kittel mit Ledertasche geht zwischen einem Pferdegatter und einem Kornfeld.  (picture alliance / Ulrich Baumgarten)
Die Landarztquote soll den Ärztemangel in ländlichen Regionen bekämpfen (picture alliance / Ulrich Baumgarten)
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Um den Hausarztmangel auf dem Land zu bekämpfen, hat die Bundesregierung vor drei Jahren die sogenannte Landarztquote für das Medizinstudium eingeführt: Die Länder dürfen jeden 13. Medizinstudienplatz an jemanden vergeben, dessen Abiturnote den Numerus Clausus nicht erfüllt. Im Gegenzug verpflichtet er oder sie sich, für zehn Jahre als Hausarzt in einer unterversorgten Region zu arbeiten. Nordrhein-Westfalen hat das Projekt Landarztquote zum Wintersemester 2019/20 zum ersten Mal umgesetzt, und es kam gut an: Auf 145 Plätze kamen 1.300 Bewerber. Maximilian Turulski ist einer derjenigen, die zugelassen wurden.

Sandra Pfister: Herr Turulski, der durchschnittliche Landarzt-Studierende in Nordrhein-Westfalen - habe ich nachgeguckt - ist 24, hat einen Abischnitt von 2,2 - normalerweise liegt der NC für Medizin bei 1,0 - und er ist weiblich. Sie sind nicht weiblich, so viel ist klar. Sind Sie älter als der normale Studienanfänger und wie war Ihr Abischnitt?

Maximilian Turulski: Ja, ich bin ein bisschen älter als die statistische Zahl quasi. Ich bin 26 und mein Abi-Schnitt lag auch nicht ganz bei 2,2, sondern bei 2,5.

Vorherige Berufsausbildung gängig

Pfister: Sie sind 26. Ich vermute, Sie haben eine Berufsausbildung gemacht.

Turulski: Das ist richtig. Ich habe, bevor ich Student wurde, eine Ausbildung in der Gesundheits- und Krankenpflege gemacht und habe dann auch noch drei Jahre gearbeitet.

Pfister: Wie übrigens alle Bewerber vorher eine Ausbildung in der Krankenpflege oder als Rettungsassistent gemacht haben, es ist schon interessant. Die Abi-Quote hat aber trotzdem gezählt, oder?

Turulski: Ja, die Abi-Quote hat zu einem gewissen Prozentsatz mit in die Auswahlkriterien gezählt. Ja, genau.

Pfister: Im Auswahlgespräch wurde auch Ihre Motivation abgeklopft und ihr Charakter. Was haben Sie geantwortet, warum Sie diese Landarztquote wollen?

Turulski: Es wurde nach der Motivation gefragt und bei mir war die Motivation, einen herausfordernden und, ja, hoch eigenverantwortlichen Beruf zu ergreifen, der auch durchaus etwas weiter weg stattfindet vom Großstadtrummel, was mir persönlich sehr lag.

"Es kann durchaus näher bei größeren Städten sein"

Pfister: Also, die meisten wollen nämlich in die Großstadt, obwohl Sie nicht dahin wollen. Sie müssen allerdings ganz schöne Kompromisse machen, denn Sie legen sich jetzt schon fest, dass Sie zehn Jahre als Arzt in einer unterversorgten Region, also meistens in der Provinz, arbeiten. Denken Sie nicht manchmal, das ist doch ein hoher Preis?

Turulski: Zehn Jahre kommen einem manchmal lang vor. Aber ich glaube, sobald man im Berufsalltag angekommen ist, geht das schon relativ zügig rum. Und man hat ja, was das Ländliche angeht, auch ein bisschen Spielraum. Das ist jetzt nicht gerade die hinterletzte Provinz, sondern es kann auch durchaus näher bei größeren Städten sein.

Pfister: Gibt es irgendeine Bannmeile? Ich habe mich gefragt, was bedeutet Land denn? Wie weit kann man Sie wegschicken?

Turulski: Mit der Kassenärztlichen Vereinigung wird eine Liste erstellt, in der die unterversorgten Regionen hier in NRW aufgeführt sind. Es gibt da einen Wert für, dass pro Arzt 1.600 Patienten irgendwo sein sollen. Und sollte das nicht der Fall sein, gilt diese Region als unterversorgt. Und man kann sich da dann zum Ende seines Studiums an seine Stelle in dieser Region bewerben.

Pfister: Und darum geht es, also es geht nicht darum, dass man sagt, Sie müssen mindestens 20 Kilometer von der Stadt entfernt sein, denn sonst gilt das nicht als Landarztquote.

Turulski: Nein, das hat keine räumliche Entfernung, sondern der Zusammenhang ist da mit der Patientenverteilung.

"Bauchgefühl, dass ich in diese Richtung gehen möchte"

Pfister: Um noch mal kurz darauf zu kommen, dass Sie sich sehr früh auf etwas festlegen, wovon Sie vielleicht noch gar nicht wissen, wie Sie mit, sagen wir mal, 32 leben wollen. Die Ärztevertretung Marburger Bund sagte, wir sind da ein bisschen skeptisch, dass man sich so früh festlegt, das widerspricht eigentlich jeder Lebenserfahrung. Was macht Sie so sicher, dass sie durchhalten?

Turulski: Zum einen sagt mir das so ein bisschen die Erfahrungen, die ich im Beruf und in der Ausbildung gesammelt habe, und zum anderen einfach auch ein Bauchgefühl, wie es sich anfühlt, zu sagen, dass ich in diese Richtung gehen möchte.

Rückzahlung bei Vertragsbruch

Pfister: Gesetzt der Fall, Sie lernen die Liebe Ihres Lebens kennen und die will in der Stadt wohnen. Wenn Sie den Vertrag brechen, dann müssen Sie 250.000 Euro zurückzahlen. Macht Ihnen das keine Angst?

Turulski: Das macht einem schon ein wenig Sorgen. Man hat das natürlich im Hinterkopf, dass man diesen Vertrag erfüllen muss. Ansonsten hat man eine sehr empfindliche Strafe. Aber ich denke auch, mit der Liebe des Lebens kann man durchaus einige Kompromisse eingehen.

"Kein Unterschied zu anderen Medizinstudierenden"

Pfister: Wie sind Sie eigentlich aufgewachsen? Sind Sie selber auf dem Land aufgewachsen oder in der Stadt?

Turulski: Ich bin in der Stadt aufgewachsen. Jetzt nicht in einer Großstadt, aber in einer Stadt schon.

Pfister: Also ist es für sie auch ein bisschen eine Erkundungsreise, die Sie da antreten?

Turulski: Ja, das kann man so sagen.

Pfister: Im Studium fällt nicht auf, ob Sie über die Quote reingekommen sind oder nicht, nehme ich an?

Turulski: Nein, absolut nicht, da wird kein Unterschied gemacht zu anderen Medizinstudierenden, da gibt es also überhaupt keine Besonderheiten oder Sonstiges.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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