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StartseiteDlf-MagazinCDU-Kandidat zu liberal für die eigene Partei?01.08.2019

Landtagswahl BrandenburgCDU-Kandidat zu liberal für die eigene Partei?

Ingo Senftleben galt bislang als junger, aussichtsreicher Vorsitzender der CDU in Brandenburg. In seiner Partei ist er jedoch umstritten – als treuer Merkel-Anhänger und wegen seiner Äußerung, sich auch eine Koalition mit der Linken vorstellen zu können.

Von Vanja Budde

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Ingo Senftleben (CDU) spricht auf dem Landesparteitag in Brandenburg am 04.05.2019 (picture alliance / dpa / Bernd Settnik )
Ingo Senftleben will Ministerpräsident werden (picture alliance / dpa / Bernd Settnik )
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CDU-Chef Ingo Senftleben ist auf Wahlkampftour. Der 44Jährige klappert jeden Wahlkreis ab, wandert dabei viel, hier in Brandenburg an der Havel fährt er auch im Kanu auf dem namensgebenden Fluss. Begleitet von einem Kamerateam in einem Motorboot.

Der Spitzenkandidat der märkischen CDU entsteigt in Outdoor-Hose und dunkelblauer Windjacke dem schwankenden Gefährt. Es ist ungewohnt, ihn mal nicht im weißen Hemd mit Schlips zu sehen. Ingo Senftleben und sein Team machen sich zu Fuß auf durch die Altstadt.

Der Kandidat geht zu Optikern und Apothekern, es gibt Gesprächstermine im Krankenhaus und Interviews mit der Regionalpresse. Sein Bekanntheitsgrad ist noch ausbaufähig. Gefragt, ob sie wissen, wer da in ihrer Stadt herum läuft, zeigen sich viele ahnungslos: "Wer jetzt, mit der blauen...? Nö." "Nein." " Nö." "Ein Politiker?"

Ingo Senftleben (CDU) im Gespräch mit der Leitung des Krankenhauses in Brandenburg an der Havel (Deutschlandradio/ Vanja Budde)CDU-Chef Ingo Senftleben im Gespräch mit der Leitung des Krankenhauses in Brandenburg an der Havel (Deutschlandradio/ Vanja Budde)

Endspurt mit allen Mitteln

Die CDU muss Gas geben: Nur noch wenige Wochen bis zur Wahl und laut der jüngsten Umfrage liegt sie bei nur 16,3 Prozent auf Rang vier, vor den Grünen mit 15 Prozent. Die seit zehn Jahren mitregierende Linke erreicht demnach 16,9 und die AfD liegt mit 21,3 Prozent vorne. Bekanntester Politiker im Lande ist Ministerpräsident Dietmar Woidke von der seit der Wende regierenden SPD, die aber auch nur noch bei rund 17 Prozent herum krebst.

Die Stärke der AfD erwachse auch aus der schlechten Bilanz der rot-roten Landesregierung sagt Ingo Senftleben, während er am Neustädtischen Markt in die Straßenbahn einsteigt:

"Das fängt bei Bildungspolitik an, geht über die Verkehrsinfrastruktur, insbesondere die öffentliche, die Frage von Bebauungsmöglichkeiten, Ärzteversorgung ist ein ganz großes Thema, Mobilfunk ist ein ganz großes Thema. Also man kann es eigentlich zusammenfassen mit dem Ergebnis: Da, wo der Staat funktionieren muss und Menschen das Gefühl haben, er funktioniert nicht, er macht seinen Job nicht, da gibt’s entsprechend auch die Kritik."

Im Zickzack zwischen Links und Rechts

All das soll anders und besser werden, so verspricht es die CDU, falls aus dem Frust eine Wechselstimmung erwächst und die Union am Wahlabend zum ersten Mal der Sieger ist. Ingo Senftleben will dann mit allen anderen Parteien Gespräche führen, auch mit der AfD, mit der er aber eine Koalition ausschließt. Ingo Senftleben kann sich jedoch das bundesweit erste Regierungsbündnis mit der Linken auf Landesebene vorstellen. Das hat ihm nicht nur an der Spitze der Union viel Kritik eingebracht. Auch den eigenen Landesverband scheint der Vertreter des liberalen Merkelkurses damit überfordert zu haben. Der Wahlparteitag Mitte Juni geriet jedenfalls zum Debakel:

"Listenplatz eins. Angetreten ist Spitzenkandidat und Landesvorsitzender, Fraktionsvorsitzender Ingo Senftleben. Auf Ingo Senftleben entfielen 82 Ja-Stimmen, 30 Nein-Stimmen, sechs Enthaltungen, das sind 73,21 Prozent. Ingo Senftleben ist als Spitzenkandidat der CDU Brandenburg für die Landtagswahl am 1. September diesen Jahres gewählt. Herzlichen Glückwunsch."

Die CDU zählt anders als die anderen Parteien die Enthaltungen nicht mit, sonst wären es sogar nur 69 Prozent gewesen. Nach diesem miesen Ergebnis bekam Ingo Senftleben anschließend auch Ärger mit dem Rest seiner Landesliste: Für die hatte er, der sich auch für Blühstreifen stark macht und die "Fridays for Future" lobt, auf aussichtsreichen Plätzen lauter junge Frauen vorgesehen. Doch das war nicht abgestimmt mit den mächtigen Kreisverbänden. Hinter seinem Rücken organisierter Widerstand führte dazu, dass einige seiner Kandidatinnen nicht durchkamen.

"Ja, vielleicht hätte ich vor diesem Vorschlag noch etwas mehr und intensiver begründen und erklären müssen. Aber glaubt denn irgendeiner, das hätte an den grundsätzlichen Erwägungen anderer etwas geändert, sich trotzdem aufzustellen und zu kandidieren?"

"Ingo, Ingo!" in aller Munde

Am Abend des langen Wahlkampftages in Brandenburg an der Havel nimmt sich Ingo Senftleben Zeit für ein Interview. Auf den Parteitag angesprochen reagiert der sonst so freundliche Mann leicht gereizt.

"Wer Risiko eingeht, wie ich das gemacht habe mit dem Vorschlag, der muss auch mit dem Risiko leben, dass an der einen oder anderen Stelle die Partei eine andere Auffassung hat. Wir sind eine Demokratie!"

Auf den vorderen Plätzen sind aber nun Gegner einer Koalition mit der Linken gelandet. Und Senftleben will als erster CDU-Landesverband die Mitglieder über einen möglichen Koalitionsvertrag abstimmen lassen. Das kann heiter werden.

Am 1. September wird sich zeigen, ob die Wähler die CDU an der Macht sehen wollen und einen Ministerpräsidenten namens Ingo Senftleben. Derweil sorgt in den sozialen Netzwerken der "Ingo-Song" für Spott, aber auch für Spaß: Als interne Motivationshilfe fürs Team erdacht, gelangte die bizarre Komposition aus Versehen an die Öffentlichkeit. In Brandenburg zumindest sind Zeilen wie "Wer haut Verbrechern auf den Po? Ingo, Ingo! Mit wem kann man auch mal einen heben? Ingo Senftleben!" in aller Munde. Ob peinlich oder produktiv: Den Bekanntheitsgrad des Herausforderers dürfte der Song auf jeden Fall steigern.

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