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StartseiteDlf-MagazinWahlkämpfende Senioren vor dem Bildschirm11.02.2021

Landtagswahl in PandemiezeitenWahlkämpfende Senioren vor dem Bildschirm

Wahlkampf in der Fußgängerzone ist in Coronazeiten wenig erfolgversprechend. Das zwingt viele ältere Wahlkämpfer vor die Bildschirme - oder zurück zur althergebrachten Telefonkette. Ein Blick nach Rheinland-Pfalz, einen Monat vor der Landtagswahl.

Von Anke Petermann

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Eine ältere Frau hat einen Laptop auf dem Schoss und tippt darauf (IMAGO / YAY Images)
Digital statt auf der Straße: Für viele ältere Wahlkämpferinnen und Wahlkämpfer hat die Coronakrise einiges verändert. (Symbolbild) (IMAGO / YAY Images)

Blecherne Stimmen, eingefrorene Bildschirme – der Wahlkampf im Netz fordert politisch Interessierten Geduld ab. Zum Beispiel beim Besuch des "digitalen Wohnzimmers" der SPD Rheinland-Pfalz: minutenlang Stille im Wahlkampf-Studio, dann Wartezimmermusik, dann die Stimme der Ministerpräsidentin leise aus dem Off:

"Ihr seid drei Minuten zu spät."

Drei Minuten zu spät, mahnt Malu Dreyer. Senioren und Seniorinnen reagieren in solchen Fällen ungeduldiger - unduldsamer auch bei schlechter Tonqualität, wackliger Kameraführung und eingefrorenen Bildschirmen. Das beobachtet Herbert Heimes, Anfang 70.

Der pensionierte Polizist hat bis zu Pandemiebeginn Menschen zwischen 60 und 80 Jahren im PC-Treff Kastellaun im Hunsrück geschult, auch im Umgang mit Tablet und Smartphone. Der Treff ist als einer von mehr als hundert Teil des Rheinland-Pfalz-weiten "Silver-Surfer-Projekts", begleitet vom Zentrum für Wissenschaftliche Weiterbildung der Uni Mainz.

"Die technischen Probleme nerven dann doch"

Heimes, der digitale Ehrenamtler, bewegt sich sicher im Netz, aber den Wahlkampf verfolgt er lieber analog. Und auch fürs Interview greift er zum unkomplizierten Telefon. Über seine Altersgenossen sagt er:

"Die meisten werden das Gleiche denken wie ich auch, sie greifen auf die Zeitung oder aufs Fernsehen zurück, was althergebracht ist. Denn die technischen Probleme nerven dann doch – also wirklich, es ist manchmal sehr, sehr nervig."

Erika Erbes, frühere Teilnehmerin des PC-Treffs Kastellaun, bestätigt das: Der Wahlkampf interessiert die Mittsiebzigerin wenig, der im Netz gar nicht.

Auf den Wahlplakaten sind die Spitzenkandidaten von CDU, Susanne Eisenmann, und den Grünen, Winfried Kretschmann. zu sehen (imago images / Leif Piechowski) (imago images / Leif Piechowski)Digital-Wahlkampf in Baden-Württemberg
Keine Kundgebungen mit Bundesprominenz, kein Haustür-Wahlkampf, keine Infostände: Wegen Corona ist der Wahlkampf in Baden-Württemberg ein digitaler und das Wahlplakat wird vermehrt eingesetzt. Und die Kandidaten greifen zum Telefon.

Prinzipiell ausgeschlossen seien Ältere aber nicht, glaubt Herbert Heimes. Wer die digitalen Wahlkampf-Bühnen sucht, der findet sie – egal in welchem Alter, da ist sich der Seminarleiter sicher:

"Wer das machen will, der macht das. Und wenn er sich einen Enkel nebendran setzt oder eine Tochter, die ein bisschen Technik-affin ist, die machen das. Aber aus unserem Kreis hier kenne ich niemanden, der so was machen würde."

Junge Union schult Senioren-Union

Doch Ältere, die sich brennend für Politik interessieren oder gar für eine Partei engagieren, verfolgen den Wahlkampf nicht nur digital. Sie wollen ihn auch selbst führen. Die Senioren-Union Rheinland-Pfalz hat lange vor Pandemiebeginn innerhalb der CDU folgendes klargestellt, so Vorstandsmitglied Hubertus Stawik am Telefon:

"Es geht nicht an, dass die Alten wie in früheren Jahren nur Plakate kleben und die Flyer verteilen, sondern sie wollen sich aktiv einbringen. Dann kam Corona und hat diese Intention noch verstärkt."

Schon im zweiten Halbjahr 2019 hätten sich die älteren Christdemokraten auf den digitalen Wahlkampf vorbereitet, so der pensionierte Mitarbeiter der Pharmafirma Boehringer Ingelheim.

"Im Landesvorstand der Senioren-Union hat uns die Junge Union geschult, zum Beispiel, wie man mit Facebook umgeht. Dann haben natürlich Leute gesagt, 'Nee, Facebook will ich nicht', dann haben sie uns Twitter erklärt, so dass wir versuchen, die Senioren auch auszubilden, indem sie sich in den Medien bewegen können, auch selbst aktiv werden."

Ältere Wahlkämpfer sprechen zu älteren Wählern

Auch Sozialdemokratinnen und Sozialdemokraten im fortgeschrittenen Alter werden selbst in den sozialen Netzwerken aktiv. Günther Ramsauer leitet die Arbeitsgemeinschaft 60 plus der SPD Rheinland-Pfalz. Am Telefon sagt der 71-jährige Pfälzer über den Umgang mit digitalen Formaten:

"Viele – mindestens die Hälfte von uns – sind da auch sehr fix. Wir haben jetzt gerade eine neue Aktion, nämlich dass wir Fotos machen mit unseren Landtagskandidaten vor diesen großen Wesselmann-Plakaten."

Den mobilen Großplakaten mit dem Konterfei von Ministerpräsidentin Dreyer und dem Wahlslogan "Wir mit ihr". Die beiden Ludwigshafener SPD-Landtagskandidaten hat Ramsauer soeben zum Foto an der Seite von Genossen 60 plus gebeten.

"Und das werden wir dann im Netz verbreiten und schreiben, 'Wir unterstützen unsere Kandidatinnen, und wir unterstützen natürlich auch Malu Dreyer'."

In der Hoffnung, dass sich ältere Wähler von gleichaltrigen Wahlkämpfern mobilisieren lassen. Ramsauer kennt das Geschäft, er saß selbst lange im Landtag.

Telefonketten im Bekanntenkreis

Der Christdemokrat Hubertus Stawik stieg dagegen erst mit Rentenbeginn 2012 in die Politik ein. Seine Parteifreunde in der Senioren-Union motiviert der 71-Jährige, an Chats auf der Internetseite von CDU-Spitzenkandidat Christian Baldauf teilzunehmen, "wo man sich mit ihm quasi unterhalten kann. Er hat dort einen speziellen Newsletter, den ich teile, beziehungsweise über WhatsApp-Gruppen weiterverbreite."

Denn viele Ältere seien auf Messenger-Diensten unterwegs.

Je älter jedoch das Wahlkampf-Publikum, desto größer die Hemmschwelle digitalen Formaten gegenüber, beobachtet Günter Ramsauer. Um auch Altersgenossen zu erreichen, die offline sind, organisiert die AG 60 plus der SPD Rheinland-Pfalz Telefonketten im Bekanntenkreis. Nicht um Andersdenkende zu missionieren, sondern um SPD-Affine zu mobilisieren, präzisiert der AG-Vorsitzende. Am Telefon würde Ramsauer dann sagen:

"Sie können sich vielleicht denken, warum ich anrufe: Am 14. März sind Landtagswahlen. So mancher geht nicht gern ins Wahllokal in dieser Situation, deshalb wollte ich Sie darauf aufmerksam machen, dass man ab sofort Briefwahl machen kann. Vielleicht haben Sie Ihre Wahlbenachrichtigung schon, und wenn Sie die umdrehen, dann können Sie auch Briefwahl beantragen, darauf wollte ich Sie nur aufmerksam machen."

Reagiert die Angerufene aufgeschlossen, dann setzt der Ludwigshafener Sozialdemokrat hinzu:

"Es wäre natürlich schön, wenn Sie so wählen würden, wie Sie es von mir vermuten."

Außenaufnahme Landtagsgebäude in Mainz mit der Aufschrift "Landtag Rheinland-Pfalz" (imago images / CHROMORANGE) (imago images / CHROMORANGE)Wahl in Rheinland-Pfalz – das Wichtigste im Überblick
Der Auftakt mit den Landtagswahlen in Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz wird auch als Stimmungsbarometer für die Bundestagswahl im September gesehen. Besonders die SPD in ihrem Bundes-Tief blickt erwartungsvoll nach Rheinland-Pfalz mit ihrer starken Ministerpräsidentin Malu Dreyer. Ein Überblick.

Etwa die Hälfte der Menschen in der Altersgruppe 60 plus trauen sich an digitale Formate heran, schätzt man in der Landesseniorenvertretung Rheinland-Pfalz. Es werden stetig mehr, so glaubt Hubertus Stawik von der Senioren-Union.

"Die Community der Senioren, die Internet-affin sind, wird immer größer und immer größer. Ich habe in meinem Bezirksvorstand einen, der fordert ständig, wir sollten mehr Videokonferenzen machen und uns öfter sehen, das funktioniere so gut. Also da gibt es auch einen großen Teil der Leute, die das sogar gut finden."

Auch weil sie dann ihr politisches Engagement unabhängig von ihrer körperlichen Verfassung, den Verkehrsverhältnissen und der Pandemielage leben können. Gut für die Demokratie - und gegen Alterseinsamkeit.

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