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StartseiteKommentare und Themen der WocheUnterschiedliche Lebenswelten in Stadt und Land07.06.2021

Landtagswahl Sachsen-AnhaltUnterschiedliche Lebenswelten in Stadt und Land

Wirtschaftlich und kulturell seien die Unterschiede zwischen Stadt und Land in Sachsen-Anhalt massiv, kommentiert Niklas Ottersbach. In den Braunkohlerevieren holte die AfD bei der Landtagswahl viele Stimmen. Die Unterschiede zu überwinden, sei die eigentliche Herausforderung der nächsten Landesregierung.

Ein Kommentar von Niklas Ottersbach

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Reiner Haseloff (CDU), Ministerpräsident von Sachsen-Anhalt, spricht auf der Pressekonferenz im Anschluss an die Sitzung des CDU-Bundesvorstandes. Die Spitzengremien hatten über die Ergebnisse nach der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt beraten. (picture alliance/dpa/Michael Kappeler)
Reiner Haseloff setzte sich mit seinem strikten Kurs gegen die AfD durch, kommentiert Niklas Ottersbach (picture alliance/dpa/Michael Kappeler)
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Ja, es ist noch einmal gut gegangen: Die völkisch-nationalistische AfD in Sachsen-Anhalt ist deutlich hinter der CDU geblieben. Das angekündigte Kopf-an-Kopf-Rennen blieb aus. Ein dicker Wahlverlierer steht damit schon mal fest: Das Umfrage-Institut INSA, das die AfD kurz vor der Wahl als stärkste Kraft gesehen hat. Diese Umfrage hat Politik gemacht. So viel steht jetzt schon fest.

Reiner Haseloff, CDU, Ministerpräsident von Sachsen-Anhalt zeigt auf der CDU-Wahlparty seinen Glücksbringer. Links neben ihm steht Ehefrau Gabriele. (dpa/Bernd Von Jutrczenka) (dpa/Bernd Von Jutrczenka)Analysen und mögliche Koalitionen
Die CDU wird bei der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt mit rund 37 Prozent klar stärkste Kraft. Die vorab diskutierten Dreier-Bündnisse sind rechnerisch alle möglich. Ob das regierende Kenia-Bündnis aus CDU, SPD und Grünen fortgesetzt wird, ist jedoch nicht sicher.

Die INSA-Umfrage hat zu einer bundesweit medialen Aufmerksamkeit geführt. Nach dem Motto: Oje, der Osten könnte diesmal so richtig rechts wählen. Nein, das hat er nicht. In Sachsen-Anhalt haben viele Wählerinnen und Wähler am Ende aus Verantwortung eine Partei gewählt, die sie sonst nicht wählen: die CDU.

Das ist die positive Nachricht aus Magdeburg. Eine klare Mehrheit lehnt menschenfeindliche Positionen ab. Reiner Haseloff als CDU-Ministerpräsident war in dieser Frage ebenfalls immer glasklar. Es ist Haseloff hoch anzurechnen, dass er in der schwierigen Kenia-Koalition auch gegen so manchen Widerstand in der eigenen CDU-Fraktion durchgesetzt hat: Wer mit der AfD flirtet, bekommt es mit mir zu tun. Der gefeuerte CDU-Innenminister und Ex-Parteichef Stahlknecht kann davon ein Lied singen.

Das linke Lager ist zerrupft

Doch jetzt zur schlechten Nachricht: Der Preis für dieses Wählerverhalten ist ein zerrupftes linkes Lager, am Rande der Bedeutungslosigkeit. Und die AfD? Ja, auch das ist neu: Die Bäume wachsen bei ihr im Osten nicht in den Himmel, sie schrumpfen sogar leicht. Dennoch fällt auf: In Sachsen-Anhalt wählt ein stabiler 20-Prozent-Sockel eine völkisch radikalisierte AfD. Vielleicht teilweise aus Protest, aber überwiegend genau wegen dieser Positionen.

Zwei unterschiedliche Lebenswelten

Und dann kommt etwas hinzu, was man sich in Westdeutschland vielleicht vielerorts nicht so richtig vorstellen kann: Die Unterschiede zwischen Stadt und Land in Sachsen-Anhalt sind massiv, sowohl kulturell als auch wirtschaftlich.

Eine Mund-Nasen-Bedeckung mit dem Logo der AfD hängt am Rande einer Wahlkampfveranstaltung am Rückspiegel eines Trabants. (picture alliance/dpa/Sebastian Kahnert) (picture alliance/dpa/Sebastian Kahnert)Warum so viele junge Menschen die AfD gewählt haben
Die Wahl in Sachsen-Anhalt ist beendet, die AfD zweitstärkste Partei, aber deutlich schwächer als die CDU. Allerdings nur im Durchschnitt: Denn gerade bei den jüngeren Wählerinnen und Wählern konnte die AfD deutlich punkten. Die Gründe dafür sind vielfältig.

Nur zwei Beispiele: Halle an der Saale, wo Grüne und AfD fast gleichauf liegen. Eine wachsende Großstadt, die vom Ballungsraum Leipzig profitiert. Und Sangerhausen im Mansfelder Land: Hier liegt die AfD mehr als 20 Prozent vor den Grünen. Mit dem Ende der Braunkohle steht dort der nächste Strukturwandel vor der Tür.

Es sind zwei unterschiedliche Lebenswelten. Diese zusammenzuführen, das ist die eigentliche Aufgabe für die nächste Landesregierung. Und es ist auch eine mediale Aufgabe, sich nicht nur für Sachsen-Anhalt zu interessieren, wenn rechte Parteien drohen stärkste politische Kraft zu werden. Das merken sich nämlich die Leute hier. Und es erzeugt Resignation bei denen, die sich für eine offene Gesellschaft einsetzen.

Niklas Ottersbach (Deutschlandradio / Karsten Möbius) (Deutschlandradio / Karsten Möbius)Niklas Ottersbach, geboren 1987 in Hamburg, studierte Sportwissenschaften und Journalistik in Mainz und Leipzig und war in den vergangenen Jahren in Sachsen-Anhalt als freier Mitarbeiter für den MDR Hörfunk und Fernsehen tätig. Seit 2020 berichtet er für das Deutschlandradio aus Sachsen-Anhalt.

  

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