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StartseiteKommentare und Themen der WocheWeiter Weg zum echten Bewusstseinswandel04.08.2018

Landwirtschaft und KlimaerwärmungWeiter Weg zum echten Bewusstseinswandel

Die Dürre richte große Ernteschäden an und finanzielle Hilfe in der Not solle nicht angezweifelt werden, kommentiert Jule Reimer. Doch die Bauernlobby spule nun das bekannte Forderungsband in Richtung Politik ab - dabei sei die Landwirtschaft beim Klimawandel nicht nur Opfer, sondern auch Täter.

Von Jule Reimer

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Gerstenernte nach wochenlanger Trockenheit in Erfurt. Neben der Erntemaschine ist viel Staub zu sehen. (imago stock&people)
Gerstenernte nach wochenlanger Trockenheit in Erfurt (imago stock&people)
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Die Trockenheit, sie hat alles im Griff. Ertragseinbußen von 1,4 Milliarden Euro drohen, vor allem bei Getreide, warnt der Deutsche Bauerverband DBV und fordert direkt eine Milliarde Euro Entschädigung. Ausgetrocknetes Braun statt Grün überzieht die Republik an vielen Stellen, auch für den Laien ist unübersehbar: Die Dürre muss große Schäden anrichten.

Dennoch ist Vorsicht geboten: Es wäre nicht das erste Mal, dass die reale Erntebilanz besser ausfällt als Kassandra prophe­zeit. Die Großbauernlobby des DBV macht schlicht ihren Job und schiebt die nordöstlichen Katastrophenregionen - die es zwei­fel­los gibt - nach vorn. Winzer und Obstbauern hingegen wirken nicht unglücklich. Zudem ist auch in Krisengebieten nicht alles gleich: Der Bau­ernver­band sagt selbst, dass wenige Kilometer Luftlinie den entscheidenden Unterschied zwischen Ernteaus­fällen und Durch­schnitts­ertrag bedeuten können - wenn nämlich kleinräumige Gewitter den Pflanzen im richtigen Moment ihres Wachstums kurze Erleichterung bieten.

Und reden wir bitte über Preise, die der kluge Verbands­präsident bei seiner Knappheitswarnungen natürlich im Blick hat, aber nicht klar benennt. Die haben gerade kräftig angezogen, für Weizen erhalten die Landwirte ein gutes Viertel mehr als vergangenes Jahr. Doch die Bauernlobby spult sicherheitshalber das bekannte For­derungsband in Richtung Politik ab: Ausfallgelder durch Bund und Länder, teilweise Steuerbe­freiung für Gewinne, Zuschüsse zur Unfallver­sicherung und, und, und.

Hier bitte nicht vergessen: On top gibt’s sowieso die jährlichen Regel­zahlungen der Europäischen Union in Höhe von 6,5 Milliarden Euro allein für Deutschland. 300 Euro pro Hektar und Jahr erhält der Kleinbauer genauso wie der Agrarkonzern - ohne große Gegenleistung.

Agrarwirtschaft trägt erheblich zum Klimawandel bei

Dafür bekommen die Leute auch was: gepflegte Kulturlandschaf­ten, preisgünstige und sichere Lebensmittel. Soweit geht ein Teil dieser Hilfen vollkommen in Ordnung und auch Hilfe in der Not soll hier nicht angezweifelt werden. Aber die Verbraucher bekommen auch dies: von Glyphosat gelb-braun gebrannte Felder, bedrohte Wildbienen, belastetes Grundwasser, Maisanbauwüsten, Gülletourismus und Megamastanlagen. Die dort betriebene Tier­haltung trägt weit mehr zur Klimaerwärmung bei, als es die sieben Pro­zent ausdrücken, mit denen das Umweltbun­des­amt höchst konser­vativ den Beitrag der deutschen Agrarwirt­schaft zum Treibhaus­effekt berechnen darf.

Gut ist, dass sich Bauernlobby und Bundeslandwirt­schaftsministe­rium im Gegensatz zu früher in all diesen Fragen dialogbereiter zeigen. Doch die übliche Polemik von der "Bürokratisierung durch Brüssel" rund um die neuen Reformvorschläge von EU-Agrarkommissar Phil Hogan zeigen, wie weit der Weg zu einem echten Bewusstseinswandel noch ist, dass Landwirtschaft beim Klimawandel nicht nur Opfer, sondern auch Täter ist. Hogan will nämlich nichts anderes, als künftig einen Gutteil der EU-Subventionen an Klimaschutzmaßnahmen zu knüpfen.

Mangelndes Bewusstsein nicht nur beim Bauernverband

Aber warum sollte beim Deutschen Bauernverband das Bewusst­sein für einen energischen Kampf gegen die Klimaer­wärmung ausgeprägter sein als bei den Volksparteien oder in anderen großen Wirtschafts­zwei­gen wie der Automobilbranche? Oder in der schwarz-roten Bundesre­gie­rung. Die es noch nicht einmal schafft, in ihre Nachhaltig­keits­strategie reinzuschrei­ben: Genießt gerne ein gutes Stück Fleisch, aber weniger wäre gut fürs Klima und zudem noch gesünder. Stattdessen werden Mast, Fleischproduktion und Export gefördert.

Immerhin: Die Konzepte für ein Umsteuern in der Landwirtschaft gegen die Klimaerwärmung liegen auf dem Tisch: hin zu mehr Vielfalt auf den Feldern, zu weniger Vieh mit mehr Tierwohl in den Ställen. Zum Vorteil aller. Denn die Botschaft aller Klimaökonomen ist glasklar: Jetzt Vorsorge gegen die Klimaerwärmung zu treffen, kostet uns nur ein Bruchteil  unserer Wirtschaftskraft. Die Schäden bei Nichtstun betragen dagegen ein Vielfaches - erst recht für die Landwirtschaft.

Jule Reimer (Deutschlandradio / Bettina Fürst-Fastré)Jule Reimer (Deutschlandradio / Bettina Fürst-Fastré)Jule Reimer, Redakteurin in der Abteilung Wirtschaft und Gesellschaft des Deutschlandfunk, spezialisiert u. a. auf internationale Handels-, Rohstoff-, Agrar-, Energie- und Umweltpolitik. Studium der Volkswirtschaft und Portugiesisch an der Universität zu Köln, journalistische Ausbildung in der "Kölner Schule" und bei der Deutschen Welle. Kurzzeitkorrespondentenvertretung der ARD für das südliche Afrika. Neben der Leidenschaft für Globalisierungsthemen ein tiefe Zuneigung zur lusophonen Welt. Deshalb immer mal wieder Kommentare zu und Reportagen aus Brasilien, Angola, Mosambik.

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