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StartseiteKultur heuteLangeweile statt Lässigkeit17.03.2012

Langeweile statt Lässigkeit

Nicolas Stemann inszeniert "Der demographische Faktor" am Kölner Schauspielhaus

Der Regisseur Nikolas Stemann hat viel zur Wiederauferstehung des Kölner Schauspiels beigetragen, <papaya:addon addon="d53447f5fcd08d70e2f9158d31e5db71" article="52730" text="als er Elfriede Jelineks Stück &quot;Der Kontrakt des Kaufmanns&quot; inszenierte" alternative_text="als er Elfriede Jelineks Stück &quot;Der Kontrakt des Kaufmanns&quot; inszenierte" />. Jetzt hat Stemann ein anderes Dauerdrama der Gesellschaft auf die Bühne gestellt - mit mäßigem Erfolg.

Von Karin Fischer

Nicolas Stemann inszeniert das Problem der Zukunft am Kölner Schauspielhaus (Schauspiel Köln)
Nicolas Stemann inszeniert das Problem der Zukunft am Kölner Schauspielhaus (Schauspiel Köln)

Dass Regisseur Nicolas Stemann laut jährlichem Bescheid mit 65 um die 430.- Euro Rente bekommt – vorausgesetzt, er macht so erfolgreich weiter wie bisher – hat mit der Demographie zu tun. Das erklären Experten wie der Sozialwissenschaftler Franz-Xaver Kaufmann, der Demographieforscher Herwig Birg, Gerd Bosbach oder Angela Merkel in einem der auf die Seitenwände des Theaters projizierten Statements. Im Jahr 2030 wird die Alterspyramide an der falschen Stelle ausgebeult sein, nämlich oben - viel zu wenig Junge müssten dann viel zu viel Alten die Rente sichern; ein Kind kostet 300.000 Euro; da aber die Frauen, die heute die Kinder kriegen sollten, gar nicht erst geboren wurden, wird die Rentenlast ins Unermessliche steigen. Außerdem erfährt man, dass der Bugabu der Porsche unter den Kinderwagen ist, was mit launigen Liedchen untermalt wird.

" ... Deutschland braucht mehr Kinder, willst du hören Kinderlachen, musst du eben Kinder machen, Bugabugabuuuu ... ."

Was mit Fakten und in relativer Künstler-Arbeitsatmosphäre beginnt – zwei Schreibtische voller Bücher, einige Musikinstrumente, ein Flipchart mit vielen Stichwortzetteln drauf - wird in guter Stemann-Manier improvisiert musikalisch begleitet und mit lauen Witzchen aufgehübscht: "Fragt Günther Jauch: Was machen Sie denn mit Ihrer Million? - Antwort: drei Kinder." Es dauert zähe drei Viertelstunden, bis sich so etwas wie ein künstlerischer Mehrwert jenseits von harmlosem Gesang und nicht zündenden Witzen einstellt. Das Chorische darf nicht fehlen, der Seniorinnenchor SPÄTLESE der rheinischen Musikschule wird erst aufs Podest gebeten, um schiere Masse darzustellen und dann von Ärzten mit Pillen ruhig gestellt:

"Ihr seid schuld, ihr seid schuld, ihr seid schuld ... ."

Und eine Sitcom namens "Rolf und seine Freunde" erzählt von einem Alten, den seine Tochter wegen seiner Altbauwohnung um die Ecke bringen will. Jacqueline und ihr Mann Peter landen stattdessen im Totenreich, wo sie ein Kind bekommt, das ganz am Schluss allein auf einem Podest liegt und laut maunzt, hoch oben glüht ein riesiger roter Heiligenschein.

"Das Aufziehen von Kindern ist seit dem Verbot von Kinderarbeit doch ohne jeden materiellen Ertrag ... Und während die Druckerpresse immer mehr Geld auswirft, presst die Durchschnittsfrau immer weniger Kinder heraus ... "

Dazwischen haben ein paar Puppen von "Das Helmi" weiter theoretisiert und Sachiko Hara – Stemann arbeitet hier wieder mit der Theaterfamilie aus alten Experimentier-Tagen an der Wiener Burg – fliegt als Engel durch die Luft. Aus dem Musikgeplänkel und der Familiensoap wird plötzlich eine Lehrstunde über den Konsumismus, als Myriam Schröder einen Text Stemanns performed, der es in sich hat. Stemanns Essay über die "Müdigkeitsgesellschaft" spricht über alles, was derzeit über die Ausbeutung der Erde und das Aussterben der "Falschen" im Umlauf ist. Er zeigt die Doppelmoral unserer Gesellschaft im Schleudergang und ist einer der wenigen Höhepunkte des Stücks. Der zweite besteht im Auftritt eines Mädchens, das – allerdings leiser – ähnlich irritierende Sätze von sich gibt.

"Es wurden schon noch Kinder geboren, Kinder in rauhen Mengen und in allen erdenklichen Formen und Farben, die alles wegfraßen und die ganze schöne Luft wegatmeten und überall hinschissen. Kinder waren genug da, viel zu viele, aber immer nur die falschen ... "

Das Stück ist eingestandener Maßen als "Work in progress" angelegt. Doch selbst gereimtes Musikgeplänkel ist weder witzig, noch automatisch Kunst, und selbst der kleiner gebaute Zuschauerraum des Schauspielhauses ist noch zu groß für die geringe künstlerische Fallhöhe des Stücks, das Lässigkeit behauptet, aber Langeweile produziert. Ungewöhnlich viele Buhs fürs Inszenierungsteam, dessen Regisseur hier übrigens auch als Autor, Musiker, Sänger und Conferencier in Erscheinung tritt. Hoffen wir nicht, dass Nicolas Stemann künftig so seine schmale Rente aufbessern will.

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