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StartseiteCampus & Karriere"Für Gebührenmodelle muss es breiten politischen Willen geben"07.03.2018

Langzeitstudierende in NRW "Für Gebührenmodelle muss es breiten politischen Willen geben"

In Nordrhein-Westfalen haben knapp zehn Prozent der Studierenden ihre Regelstudienzeit überschritten. Die Gründe für die langen Studienzeiten seien vielfältig, sagte Gerhard Sagerer, Vorsitzender der Landesrektorenkonferenz, im Dlf. Das Problem sei vielschichtig. Gebühren hält er nur unter bestimmen Voraussetzungen für sinnvoll.

Gerhard Sagerer im Gespräch mit Regina Brinkmann

Eine Studentin der Schulpädagogik schreibt am 17.10.2012 während einer Vorlesung in einem vollen Hörsaal in der Universität in Tübingen (Baden-Württemberg) mit. (picture alliance / dpa - Jan-Philipp Strobel)
Die Zahlen zu Langzeitstudierenden "sind nicht besonders aussagekräftig, weil sie uns keinen Aufschluss darüber geben, aus welchen Gründen länger studiert wird", sagte Gerhard Sagerer im Dlf (picture alliance / dpa - Jan-Philipp Strobel)
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Regina Brinkmann: Gehen wir mal in einen Hörsaal oder Seminarraum an irgendeiner Hochschule in NRW, dann müsste eigentlich jeder zehnte Studierende, den wir dort antreffen, schon 20 und mehr Semester an der Uni sein, jedenfalls rein statistisch betrachtet. Die Zahlen vom Statistischen Bundesamt für das Wintersemester 2016/2017 besagen nämlich, dass mehr als 74.000 der über 760.000 Studierenden in NRW ihre Regelstudienzeit deutlich überschritten haben. Gerhard Sagerer ist Vorsitzender der Landesrektorenkonferenz der Universitäten in NRW und selbst Rektor an der Universität in Bielefeld. Guten Tag, Herr Sagerer!

Gerhard Sagerer: Guten Tag, Frau Brinkmann!

Brinkmann: Herr Sagerer, warum haben die Unis in NRW so viele Langzeitstudierende?

Sagerer: Also die Zahlen liegen unter zehn Prozent der Gesamtzahl, insofern sind wir davon nicht überrascht. Bei uns in Bielefeld ist es noch etwas geringer. Die Zahlen sind aber auch nicht besonders aussagekräftig, weil sie uns keinen Aufschluss darüber geben, aus welchen Gründen länger studiert wird. Wir haben Studiengangswechsel, wir haben persönliche Situationen, auch Promotionen sind inzwischen die sowohl - sind eingeschrieben bei Promotionen, sodass auch das zu den Hochschulsemestern dazuzählt, und die Zahl Hochschulsemester ist auch relativ schwierig, weil das alles zählt keine individuellen Wege, keine Teilzeit und so weiter berücksichtigt.

"Wir haben ein sehr intensives Beratungs- und Maßnahmenangebot"

Brinkmann: Aber haben Sie nicht ein Interesse, mehr hinter die Gründe zu schauen? Sie müssen ja jetzt nur vermuten, kann Ihnen ja eigentlich nicht egal sein, wenn da Studierende an den Hochschulen eingeschrieben sind, die womöglich vielleicht auch nicht weiterkommen mit ihrem Studium.

Sagerer: Also wir haben ein sehr intensives Beratungsangebot, auch Maßnahmenangebot. Es gibt Unterstützungsleistungen zur Vereinbarkeit von Studium, Familie, Beruf. Das ist ja einer der wesentlichen Gründe. Dann haben wir Schreiblabore etabliert. Das sind Angebote für Studierende, die Schwierigkeiten haben, schriftliche Arbeiten einzureichen und dadurch Studienleistungen aufschieben. Wir begleiten die Phase der Abschlussarbeiten - auch da gibt es Extraangebote. Wir haben ein Projekt aufgesetzt unter dem Titel "Endspurt". Da geht es da drum, Studierende, die aufgrund einer parallelen Erwerbstätigkeit rausfallen, dass die Unterstützung bekommen beim Wiedereinstieg in die letzte Phase ihres Studiums.

Und wir haben natürlich auch noch andere Effekte. Es gibt ja auch Parkstudierende, und es gibt Ticketstudierende, und es gibt welche, die eingeschrieben bleiben, weil der studentische Status für sie gewisse Vorteile mit sich bringt. Insofern ist die Gruppe sehr heterogen, und wir haben ja Erfahrung mit Langzeitstudienbeiträgen unter Ministerin Kraft, und das war schon sehr schwierig auch zu handeln: Wie kann ich der persönlichen Situation der Studierenden gerecht werden, gerade wenn Personen Teilzeit studieren, wenn sie eine Familie haben, inzwischen kommt auch häufiger mal, dass Eltern zu pflegen sind und so weiter. Es ist ein sehr vielschichtiges Problem.

"Für Gebührenmodelle muss es einen breiten politischen Willen geben"

Brinkmann: Herr Sagerer, aber jetzt höre ich raus - Sie haben jetzt ganz viele Maßnahmen angesprochen -, ich höre zum einen ganz zum Schluss auch raus, so Gebühren wären nicht ganz in Ihrem Sinne. Die Rektoren der Fachhochschulen in NRW, die könnten sich das aber sehr wohl vorstellen.

Sagerer: Gebühren ist eine sehr komplexe Fragestellung. Ich glaube, nein, ich bin überzeugt davon, dass Gebühren ein Thema sein können, dazu braucht man sehr durchdachte Gebührenmodelle, und es muss einen breiten politischen Willen dafür geben. Also wir haben ja die Erfahrung gemacht, erst die Langzeitgebühren, dann gab es die allgemeinen Studiengebühren, und im Endeffekt, wenn es nicht von einer breiten politischen Mehrheit getragen wird, dann wird es schwierig.

Brinkmann: Den Willen erkennen Sie jetzt offensichtlich im Wissenschaftsministerium von NRW nicht, dass es Gebühren für Langzeitstudierende geben soll?

Sagerer: Also nach meinem Kenntnisstand sind das keine Pläne der Landesregierung momentan.

"Wir machen ein Monitoring mit Studierenden"

Brinkmann: Die Ministerin hat ja auch gesagt, sie lasse das den Hochschulen offen, also welche Maßnahmen sie selbst zur Unterstützung ergreifen sollten. Jetzt haben Sie schon ganz viele Maßnahmen aufgezählt. Ich hatte aber auch ein bisschen den Eindruck, dass Sie da eigentlich trotzdem immer noch im Nebel stochern. Also warum - noch mal nachgefragt - keine Evaluation, um genauer festzustellen, woran es denn liegt?

Sagerer: Wir machen ein Monitoring mit Studierenden, also wie entwickelt sich ein Studium. Das machen wir. Wir stoßen da natürlich auch an Grenzen, weil die Studierenden natürlich mitmachen müssen. Also uns sind Studierende willkommen, die für die Universität und in der Universität was tun. Das muss nicht nur Studium sein, das können kulturelle Aktivitäten sein, also wir hätten gerne eine Präsenz. Deshalb habe ich auch getrennt Parkstudierende und Ticketstudierende. Das ist eine andere Gruppe, aber die, die sich in der Universität engagieren, vielleicht jetzt ein Zweitstudium machen und so weiter, die sind uns natürlich willkommen.

Und gerade das Thema Teilzeitstudium: Sie haben heute sehr viele Studierende, die arbeiten müssen, die Familie haben, die teilweise noch stärker berufstätig sind, wo das Studium Nebenamt ist, und denen müssen wir auch irgendwie gerecht werden, und dafür haben wir momentan weder die Erhebungsmöglichkeiten, noch haben wir im Endeffekt Möglichkeiten außer diesen Befragungen, diesem Studiengangsmonitoring, Studierendenmonitoring, wie wir es machen, da wirklich Einblicke zu kriegen.

"Wir bekommen für Langzeitstudierende keine zusätzlichen Mittel"

Brinkmann: Herr Sagerer, man könnte jetzt aber auch ganz ketzerisch sagen: Eigentlich kann es den Unirektoren ja auch egal sein, wie viele Langzeitstudierende an ihren Hochschulen verbleiben, solange das Land einfach nur Geld für diese Studierenden überweist, oder?

Sagerer: Das Land überweist für diese Studierenden kein Geld. Um das auch klar zu sagen: Unser Etat basiert auf Studienplätzen, die im Endeffekt auf die Regelstudienzeit ausgerichtet sind. Wir bekommen für Langzeitstudierende keine zusätzlichen Mittel. Das ist eine irrige Annahme. Auch wenn Sie die Hochschulpaktmittel betrachten zum Beispiel, diese Sondermittel zur Erhöhung der Studienplätze, da geht es da drum, da zählen sogar nur solche, die im ersten Hochschulsemester sind. Selbst Fachwechsler zählen da nicht und wir werden viel mehr, gerade bei den Hochschulpaktmitteln, inzwischen über die Anzahl der Abschlüsse honoriert als über die Anzahl der Studierenden. Also dass die uns mehr Geld bringen, das ist nicht der Fall.

Brinkmann: Jeder zehnte Studierende in NRW ist schon länger als 20 Semester eingeschrieben. Gerhard Sagerer, Vorsitzender der Landesrektorenkonferenz der Universitäten in Nordrhein-Westfalen, hat uns beschrieben, wie die Hochschulleitungen mit dieser Entwicklung umgehen. Vielen Dank, Herr Sagerer, für das Gespräch!

Sagerer: Danke schön, Frau Brinkmann!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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