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StartseiteKultur heute"Laokoon" ist weiter unter Druck20.08.2005

"Laokoon" ist weiter unter Druck

Zum Auftakt des Kampnagel-Tanzfestes in Hamburg

Die Eröffnung des Festivals wirkte dekorativ: Der in New York lebende Shen Wei zeigte seine Interpretation von Strawinskys "Sacre du printemps". Der vorläufige Höhepunkt fand gestern abend statt. Da zeigte sich, was der neue Festivalleiter Alvaro Restrepo mit seinem Schwerpunkt "Körper Spiegel Welt" meint.

Von Gabriele Wittmann

"Körper Spiegel Welt" heißt der diesjährige Schwerpunkt des Tanzfestivals. (Carol Rosegg)
"Körper Spiegel Welt" heißt der diesjährige Schwerpunkt des Tanzfestivals. (Carol Rosegg)
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Der "Sacre du printemps" von Strawinsky: Seit seiner Uraufführung in der Choreografie von Nijinsky ist er eine Herausforderung für jede Choreografen-Generation. Zum Festivalauftakt zeigte der in New York lebende Chinese Shen Wei seine Auffassung von dem Stoff: Zur Klavierfassung für vier Hände stehen elf Tänzer auf mit Kreide schraffierter Bühne, zucken wie im Schlaf, parieren auf die Musik wie aufgezogene Puppen, mit festgezurrten Schultern und starren Armen. In den besten Szenen zerteilen sie ihre Bewegungen in genau eingeteilte Einzelposen, sodass sie ruhelos wirken, gehetzt, verplant. Dann ziehen sie ihre Kreise in Raum, und jeder Impuls überträgt sich auf ein anderes Mitglied der Gruppe, kein Impuls bleibt ohne Folgen. Am Ende gibt es kein Opfer - alle schauen verängstigt nach oben. Das ist dann aber auch schon alles. Nichts packt uns, wie noch die Fassung von Pina Bausch, das Bewegungsmaterial wirkt uninspiriert und altbacken.

Die Eröffnung also wirkte dekorativ, ganz im Gegenteil zu dem vorläufigen Höhepunkt des Festivals, dem gestrigen Abend nämlich. Da zeigte sich, was der neue Festivalleiter Alvaro Restrepo meint mit seinem diesjährigen Schwerpunkt "Körper Spiegel Welt". Da zeigten sich Körper, die tatsächlich die Spuren von Welt in sich tragen, von Realität und Konflikt, und all das auch noch glänzend gespielt und getanzt. Und das, obwohl es nur ein Schulprojekt war, mit jungen Tänzern, die seit acht Jahren an dem von Alvaro Restrepo gegründeten Körperkolleg in seiner Heimatstadt Cartagena ausgebildet werden. Und damit nicht genug: Der Abend mit dem Titel "Es ist der schönste Ort der Welt" ist nur ein work-in-progress, das Material dafür entwickelt in nur zwei Workshops mit Burgtheater-Regisseur Nicolas Stemann.

Er verwebt den Antigone-Stoff mit der Lebenswirklichkeit der kolumbianischen Tänzer, lässt die Ismene interesselos sein für den Mord an ihrem Bruder, weil, wie sie sagt: "Guerilla oder Para-Militärs, diese Männer hier sind doch alle nur Machos." Fasziniert lauschen wir diesen angerissenen Geschichten vom Leben in den Straßen von Cartagena, von dem Mann, der fremdgeht; von den schwarzen Listen und Säuberungsaktionen im Armenviertel; von dem Schüler, der Wegegeld bezahlen soll; und während die fantastisch ausgebildeten Tänzer-Schauspieler ihre Geschichten erzählen, zeigen sie uns, welche unterschwelligen Rassen- und Geschlechterkonflikte durch ihre Körper laufen. Eine Frau wird beim Sprechen von einem Mann unterbrochen; welche Taktik wendet sie an? Sie stellt sich lasziv in Pose, und wartet, bis sie eine nächste Lücke erwischt um weiterreden zu können. Erst, als eine andere Frau zu reden beginnt – eine, mit einer etwas helleren Hautfarbe als sie selbst, gibt sie auf.

Solche Szenen erzählen, ungeheuer verdichtet und ganz nebenbei, etwas von der stillen Apartheid in Cartagena, von einer sechs-Klassen-Gesellschaft, in der 90 Prozent der Menschen afrikanische Wurzeln haben, die meisten von ihnen leben unterhalb der Armutsgrenze. Und sie träumen: Von Flugzeugen und Frauen, von Kreuzfahrten und Geld. Ein Tänzer lässt sich dabei von anderen heben und drehen, während eine Frau flüstert.

Immer wieder heißt es am Ende einer Szene: "Da es aber nicht so ist". Was ist wirklich? Was ist Traum? Und was können wir Zuschauer glauben von dem, was uns da erzählt wird? Nur am Ende heißt es ein einziges Mal: Da es aber so ist. In glamourösem, gleißendem Licht tippeln die Tänzer auf Zehenspitzen zu einer rührigen Zirkusgeschichte von Franz Kafka, verlesen durch den Regisseur selbst. Dies ist wirklich: Die Kunst, und die Abhängigkeit vom Regisseur, und die glamouröse mediale Inszenierung. Alles andere was wir an diesem Abend gesehen haben, ist unsichtbar, und damit: nicht. Was für eine geschickte Wendung der Regie. Ein seltener Theaterabend, der leider nur einmalig hier in Deutschland zu sehen war.

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