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StartseiteEuropa heuteZu warm für Rentiere und Touristen21.02.2019

LapplandZu warm für Rentiere und Touristen

In Lappland im Norden Finnlands hängt vieles von Eis und Schnee ab. Bleibt der Schnee weg, dann ist nicht nur der Wintertourismus bedroht, vor allem die Rentierzüchter fürchten um ihre Existenz. Denn der Klimawandel erleichtert auch den Zugang zu Rohstoffen und ruft die Industrie auf den Plan.

Von Jenni Roth

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Rentiere bei Inari in Lappland (Deutschlandradio/ Jenni Roth)
Rentiere bei Inari in Lappland: Die Züchter sorgen sich um ihre Zukunft (Deutschlandradio/ Jenni Roth)
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Reiseleiterin Johanna erklärt kurz die wichtigsten Handgriffe für den Motorschlitten. Sie klingt routiniert, es sind oft Touristen aus der ganzen Welt hier in Rovaniemi, der Hauptstadt Finnisch Lapplands, einen Kilometer vom Polarkreis entfernt. Chinesen, Argentinier, Israelis, Spanier – alle wollen sie das Zuhause des Weihnachtsmanns sehen, natürlich die Nordlichter, und Schneemobil fahren.

Dieser Beitrag gehört zur fünfteiligen Reportagereihe "Wenn sich das Klima ändert - Finnland kommt ins Schwitzen" in der Sendung "Gesichter Europas".

Der Wintertourismus hier oben wächst und wächst. Aber er hängt am Schnee. Am Eis, an der Kälte. Und der Klimawandel ist längst da: Der Schnee kommt immer später. Und geht immer früher. Oder schmilzt zwischendrin.

"Wenn der Fluss hier im November nicht gefroren ist, fangen die Leute an, ihre Reisen zu stornieren. Dezember und Januar sind Hochsaison, Hotels und Safaris ausgebucht. Und wenn der Ski-Worldcup in Levi gestrichen würde – das wäre unser Alptraum."

Lappland in Finnland  (picture alliance / dpa / Foto: Kaisa Siren)Schneemobil fahren im finnischen Lappland: Für viele Touristen ein lockendes Vergnügen (picture alliance / dpa / Foto: Kaisa Siren)

Einzigartiges Ökosystem der Arktis könnte verloren gehen

Bruce Forbes ist Leiter der Klimawandelgruppe am Arktikum, einem Forschungsinstitut für Umwelt und Minderheitenrechte in Rovaniemi. Sein Büro liegt in einem Gebäudekomplex mit einem über 170 Meter langen Glasgewölbe, das als Tor zur Arktis gilt. Der Klimawandel bereitet den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern die größte Sorge. In der Arktis, überhaupt im Norden, steigen die Durchschnittstemperaturen deutlich schneller als in anderen Teile der Erde. Ein einzigartiges Ökosystem könnte unwiederbringlich verloren gehen. Eine Ahnung davon hat der Amerikaner Forbes schon bekommen:

"Seit über 20 Jahren bin ich hier. In dieser Zeit sind alle Vogel- und Insektenarten immer weiter in den Norden gewandert. Wir hatten hier zum Beispiel nie Zecken. Aber jetzt gibt es ein Zeckenproblem."

Zugang zu Öl- und Gasfeldern wird leichter

Umweltschutz steht auch auf der Agenda des Arktischen Rats, ein zwischenstaatliches Forum, das 1996 zum Interessenausgleich zwischen den arktischen Anrainerstaaten und den indigenen Völkern gegründet wurde. Er will Handelsbarrieren ab- und die Infrastruktur ausbauen: Weil das Eis schmilzt, und weil so der Zugang zu Öl- und Gasfeldern leichter wird, und neue Seerouten befahrbar werden. Einen Wettlauf um die Arktis gibt es aber nicht – zumindest noch nicht: Weil die USA wegen des Frackings nicht mehr so stark auf die arktischen Ölreserven angewiesen sind. Und wegen der globalen Energiemärkte, sagt Adam Stepien, Forscher am Arktikum:

"Die Offshore-Förderung, die Förderung von Öl oder Gas im Meer ist bisher nicht sehr entwickelt: In der Barentssee ja, aber dort gibt es wegen des warmen Golfstroms weniger Eis. Und die Kosten sind enorm, mit unseren niedrigen Ölpreisen lohnt sich das nicht."

Teuer sind Offshore-Schürfungen auch wegen der Sicherheitsrisiken, die es zu vermeiden gilt. Ein Öltankerunglück zum Beispiel wäre eine Katastrophe:

"In der Arktis ist die Nahrungskette kürzer. Wenn sie geschädigt wird, erholt sie sich nicht so schnell. Das ist umso schlimmer, weil Öl in kaltem Wasser nicht so schnell abgebaut wird."

Die Ölplattform Goliat in der Barentssee (picture-allicance / dpa / Terje Mortensen)Die Ölplattform Goliat in der Barentssee (picture-allicance / dpa / Terje Mortensen)

Mehr Transporte durch die Nordostpassage

Deshalb wird in Finnland vorgesorgt, für alle Fälle: In einem Video zeigt zum Beispiel das Unternehmen Arctia, wie man Unfallfolgen eindämmen und Öl mit Hilfe von Eisbrechern aus dem Meer schöpfen kann.

Es mag zwar dauern, bis diese Schiffe zum Einsatz kommen, bis Offshore Realität wird – und mehr Schiffe die Nordostpassage nutzen. Aber schon jetzt wächst die Zahl der Transporte: Rohstoffe, Mineralien oder Flüssiggas gelangt über diese Route in den globalen Markt. Aber noch ist die Nordostpassage gewissermaßen eine Einbahnstraße: Güter können nicht an verschiedenen Häfen ab- und wieder geladen oder weiter nach Europa transportiert werden.

Das könnte sich ändern – mit einer Bahnstrecke quer durch Lappland. Die Idee: Kirkenes an Norwegens Nordzipfel als Drehkreuz für Importe und Exporte zwischen Asien und Europa. Bisher gibt es die Schienen nur in Marketingvideos.

Die Bahnstrecke würde quer durch das Weideland der Rentiere verlaufen. Und sie könnte den Bau neuer Minen fördern – internationale Konzerne interessieren sich für die Rohstoffe, die hier unter der Erde liegen.

Die Sorgen der Rentierzüchter

Osmo Seurujärvi ist Rentierzüchter, der sich um die Zukunft sorgt. Er lebt fünf Stunden nördlich des Polarkreises, 60 Kilometer nördlich der Gemeinde Inari.

"Es gibt hier einen Wettbewerb um Grund und Boden. Rentiere brauchen viel Platz, Minen und Bergbau auch. Und mit der Rentierzucht ist auch die Lebensart der Sami in Gefahr."

Osmo ist Sami – Angehöriger des letzten indigenen Volkes in Europa, deren Kultur auf traditionellen Lebensweisen wie Rentierzucht oder Fischfang fußt. Viele haben schon aufgegeben. Allen anderen macht der Klimawandel auch ohne zusätzliche Minen große Sorgen:

"Ich habe schon Angst. Vor ein paar Jahren war der Schnee so fest, dass die Erde darunter geschimmelt ist und die Tiere kein Futter hatten. Wenn das weitergeht, das erschwert unsere Arbeit und wird sehr teuer, auch weil wir Futter zukaufen müssten."

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