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StartseiteBüchermarktVom Feuerwehrmann zum Kultautor07.08.2017

Larry Brown erstmals auf DeutschVom Feuerwehrmann zum Kultautor

Der ehemalige Feuerwehrmann Larry Brown kam spät zum Schreiben, erlangte aber in den USA Kultstatus. 13 Jahre nach seinem Tod erscheint sein Roman "Fay" auf Deutsch. Brown sei es gelungen, einen eigenen Stil zu kreieren und er habe den Leuten genau aufs Maul geschaut, sagte Markus Naegele vom Heyne Verlag im Dlf.

Markus Naegele im Gespräch mit Antje Deistler

Buchcover von "Fay" von Larry Brown. (Heyne / picture-alliance / dpa / Patrick Seeger)
"Fay" ist der erste ins Deutsche übersetzte Roman des verstorbenen Autors Larry Brown. (Heyne / picture-alliance / dpa / Patrick Seeger)
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Larry Brown: "Fay" Lolita on the road

Antje Deistler: Larry Brown fing in den 1980er-Jahren an zu schreiben, richtig berühmt war er Ende der 1990er. Es hat einige Zeit gedauert, bis heute, dass ein deutscher Verlag überhaupt begann, sein Werk ins Deutsche zu übersetzen. Und das, obwohl der Autor in den USA Kultstatus hatte. Er war berühmt für seinen grimmigen Realismus, seinen rauhen Stil und seine Themen, wurde verglichen mit anderen Südstaatenautoren wie William Faulkner und Cormac McCarthy. Sogar verfilmt wurden seine Stoffe.

Markus Naegele vom Heyne Verlag ist der Mann, der Larry Browns Werk endlich auch nach Deutschland geholt hat. Als ich mit ihm sprach, habe ich ihn gefragt, wie es eigentlich sein kann, dass ein solches Juwel so lange sozusagen offen herumlag, aber von deutschen Verlagen nicht aufgehoben wurde.

Markus Naegele: Ja, das sind so Rätsel, die immer wieder auftauchen. Ich nehme an, es ist so eine Mischung aus sich nicht trauen, weil es jetzt nicht unbedingt die Mainstreamliteratur ist, die wahnsinnig angesagt ist. Es ist ja kein Reißer oder Thriller. Dann sind es auch relativ umfangreiche Bücher, also mit gewissen Übersetzungskosten. Das schlägt dann auch heutzutage immer bei den Verlagen mit rein in die Überlegung. Und dann auf einmal, vielleicht ist der falsche Agent am falschen Ort gewesen, hat die richtigen Lektoren nicht getroffen, und dann rutscht das so weg.

Ich kenne allerdings ein paar Lektoren, die damals - ist ja auch jetzt ein paar Jahre her, also Larry Brown quasi angesagt war in den USA Ende der 90er - das auch auf dem Tisch hatten und da auch mit geliebäugelt haben, aber sich dann eben auch nicht getraut haben, weil diese ganze Hard-boiled-Literatur damals einfach auch nicht en vogue war. Es ist immer noch jetzt nicht unbedingt die Literatur, wo die Massen dann in die Läden rennen, aber es ist tolle Literatur, und jetzt haben wir uns ja getraut, den ersten Roman schon mal zu bringen.

"Jetzt ist es endlich erschienen, nach vielen vielen Jahren"

Deistler: Wenn das so ist, wie sind Sie denn dann auf diesen Autor gestoßen, der ja immerhin schon im Jahr 2004 gestorben ist im Alter von nur 53 Jahren?

Naegele: Also bei mir war es so: Ich bin 1998 Lektor geworden beim Heyne Verlag, damals im Taschenbuch, und habe das Manuskript 1999 zum Lesen bekommen. Ich glaube, in den USA ist der Roman 2000 erschienen, habe das damals gelesen als Junglektor, der noch nicht so wahnsinnig die Karriereleiter hochgerutscht war, fand das aber wahnsinnig faszinierend das Buch und war aber klar, dass das damals bei Heyne, zumindest bei dem Verlag, also wo ich tätig war, dass das nicht ins Programm passte, vor allem nicht ins Taschenbuch, habe den Roman aber die Jahre lang bei allen Umzügen auch immer im Regal behalten und immer drauf gewartet, bis der richtige Moment kommt, wo ich das Buch machen kann, wo ich in einer Position vielleicht auch bin, das zu machen, was sich jetzt geändert hat, weil ich jetzt zwei eigene Labels habe, die ich führe – Heyne Hardcore und Heyne Encore –, und nachdem ich vor ein paar Jahren James Lee Burke, der auch so in der Versenkung lag, ausgehoben hatte und das ganz gut funktioniert hatte, habe ich den Mut zusammengenommen und das Buch aus dem Regal wieder genommen, "Fay", und dann beschlossen, da ein Angebot zu machen, das Buch einzukaufen und das ins Programm zu nehmen, und jetzt ist es endlich erschienen nach vielen, vielen Jahren.

Deistler: Sie sprechen immer von dem Roman, von "Fay". Das ist jetzt auch der Roman, den Sie als Erstes ins Deutsche haben übertragen lassen von Larry Brown, aber nicht sein einziger.

Naegele: Nein. Also es gibt fünf Romane von ihm und diverse Kurzgeschichtenbände. Ich habe mit "Fay" angefangen, weil, A, das der erste Roman war, den ich damals gelesen habe, der mich fasziniert hat, die Figur Fay mich auch fasziniert hat - ist eine weibliche Figur –, auch Joe, der ja mit Fay verbandelt ist - ist der Bruder von Fay. Der Roman erschien vorher in den USA. Die beiden gehören so ein bisschen zusammen, kann man aber sehr eigenständig lesen.

Wenn jetzt "Fay" einigermaßen funktioniert und die Leser da Spaß dran haben, was ich hoffe und was auch so die ersten Zeichen auch darauf hindeuten, würde ich "Joe" auch gerne ins Deutsche bringen und dann vielleicht auch die anderen Romane in Deutschland erscheinen lassen.

Deistler: Erzählen Sie uns ein bisschen von Larry Brown, dem Autor. Das war ein sehr ungewöhnlicher Autor. Was fasziniert Sie an ihm?

Naegele: Also Larry Brown ist zum Schreiben erst spät gekommen. Er war Feuerwehrmann in Biloxi, das ist am Mississippi, und hat dann irgendwann angefangen, nebenher nachts auf der Schreibmaschine zu tippen und zu schreiben, hat irre viele Kurzgeschichten geschrieben, die erst alle nicht veröffentlicht wurden. Die Verlage haben sowieso die Sachen abgelehnt, dauerte ewig, bis er überhaupt in der Zeitung mal veröffentlicht wurde mit Geschichten. Er war da aber wirklich besessen. Es gibt einen wunderbaren Dokumentarfilm, "The Rough South Larry Brown", leider hier nicht erhältlich, man kann aber so auf YouTube so einige Ausschnitte sehen, den habe ich mir auch besorgt, und es war so ein Typ, der gerne in den Kneipen saß, eher aus einfachen Verhältnisse und den Leuten, wie man hier sagt, aufs Maul geschaut hat.

Das ist auch seine Stärke finde ich, dass er sehr authentisch schreibt, wie Leute dort leben im Süden der USA, nicht unbedingt die Leute, denen es wahnsinnig gut geht, und er hat viele Geschichten aus seinen Kneipen auch übernommen, Kneipengeschichten übernommen. Er hat einen Stil kreiert, einen sehr eigenen Stil, den man mögen mag oder nicht, aber er hat einen Stil. Er schaut sehr genau hin, er beschreibt sehr genau, und das ist was, was ich sehr schätze.

Larry Brown war ein Vorbild der Sprache

Deistler: Er hat auch eine Verbindung zur Musik. Nachdem er gestorben ist, gab es ein Tribute-Album. Also Musiker haben ihm Tribut gezollt. Wie kommt das?

Naegele: Also er war so ein Vorbild einfach der Sprache, und wie ja viele Musiker von Schriftstellern beeinflusst sind, gibt es in den USA eine Klitsche an tollen Songwritern, die ihn geliebt haben und die nach seinem Tod auf Bloodshot Records – ist so ein Country-Alternative-Label – ein Tribute-Album zusammengestellt haben. Da sind ganz tolle Leute drauf, zum Beispiel Vic Chesnutt ist drauf, der übrigens auch den Soundtrack für die Dokumentation gemacht hat. T-Model Ford, bekannter Blueser, Alejandro Escovedo, Robert Earl Keen, und Larry Brown selbst ist auch darauf zu hören. Er hat auch ein paar Songs da aufgenommen, eher so Folk-Blues, nicht wahnsinnig super produziert, aber so sind ja auch seine Bücher, ist alles relativ rough, ehrlich. Ich finde das ganz toll.

Deistler: Herzlichen Dank, Markus Naegele!

Naegele: Sehr gerne!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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