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StartseiteBücher für junge LeserHunde im Kinderbuch - einfach Wau!29.04.2017

Lassie und CoHunde im Kinderbuch - einfach Wau!

Spätestens seit Lassie wissen wir: Hunde sind die besten Freunde der Kinder. Sie beschützen sie, sie toben mit ihnen herum, sie sind immer für sie da. Auch im Kinderbuch spielen Hunde seit Jahren eine Hauptrolle. Aktuell erleben sie ein Comeback.

Von Christine Knödler

Ein kleines Mädchen knuddelt auf einer Wiese mit einem weißen Hund. (imago)
Hunde sind Projektionsfläche für diverse Sehnsüchte. (imago)
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Wer auf den Hund gekommen ist, hängt das für gewöhnlich nicht an die große Glocke. Ganz anders die Kinderliteratur. Durch deren Geschichte spuren Hunde als bewährte Protagonisten. Da gibt es sprechende Hunde, tätowierte Hunde, Spürnasen-Hunde, die Fall um Fall lösen. Es gibt Hunde, die aus ihrer Sicht von Familienleben bissig berichten, und Hunde, die wichtigstes Familienmitglied sind. Es gibt unsichtbare Hunde, ausgesetzte Hunde, Hunde in Menschengestalt und Hunde, die bellen und beißen. Hunde werfen sich zwischen prügelnde Väter und Kinder, sie weisen den Weg nach Haus und finden selbst stets zurück. Hunde sind Seismografen des kindlichen Innenlebens. Sie sind Projektionsfläche für diverse Sehnsüchte – die, nicht allein zu sein, ist eine der wesentlichen.

Einer der ersten großen Verluste in einem Kinderleben

Vertrauen, Verantwortung, Gehorsam, Nähe über zig Kilometer hinweg, Treue bis in den Tod sind dem Hund zugeschriebene Qualitäten. Es ist das Bedingungslose, was fasziniert. Das gilt auch für die Beziehung zwischen Hund und Kind. Es gilt fürs Leben wie fürs Lesen: Hunde können Begleiter durch Kindheiten sein, sie sind Verbündete in einer oft undurchschaubaren Welt. Solange sie da sind, ist es das große Glück. Wenn Hunde sterben, ist das einer der ersten großen Verluste in einem Kinderleben. Davon erzählt die norwegische Autorin Liv Frohde in "Ein Hund für Jakob":

"Jakob trauerte um seinen Hund. Es war, als hätte sich ein grauer Schleier über seine Augen gelegt. Er sah nicht, wie die grünen Blätter gelb wurden. Sah nicht das strahlende Blau des Himmels. Sah nur, wie die Blumen im Beet vor dem Fenster ihre Köpfe hängen ließen und starben. Traurigkeit hatte sich in seinem Herzen festgesetzt und wollte es nicht loslassen."

Einen neuen Hund will Jakob nicht. Im Gegenteil, es käme ihm wie Verrat vor: Jemanden, den man liebt, kann man schließlich nicht einfach so ersetzen. Bis ihm Hund Ronny, der seit dem Tod seines Frauchens seinerseits herrenlos herumstreunt, zuläuft. Vorsichtig freunden die beiden sich an. Aber auch Ronny muss Jakob hergeben, wieder muss er leiden, fast bis zuletzt:

"Jakob wird wach. Draußen stürmt es. Heulend fegt der Wind um die Hausecke. Auf dem Spielplatz klirren die Schaukelketten. Plötzlich ist über dem Brausen des Windes ein dünner, klagender Laut zu hören. Jakob steigt aus dem Bett und schaut aus dem Fenster, vor dem sich die Bäume im Sturm biegen. Kein Mensch ist draußen. Wie von selbst geht er zur Tür. Ein alter Traum kommt ihm in den Sinn. Er hat ihn schon lange nicht mehr geträumt. Langsam geht er die Treppe hinunter. Bleibt vor der Haustür stehen. Legt die Hände auf die Klinke. Dreht den Schlüssel um. Öffnet die Tür. Streckt die Arme aus.

Ein schwarzer Blitz schießt auf ihn zu. (...) Jakob schlingt die Arme um den Hund, doch Ronny verschwindet nicht, wie in seinem Traum. Er bleibt sicher und warm auf Jakobs Brust liegen."

Das hat beinah biblische Qualität und die Wucht klassischer Balladen: Die Natur spielt sprachgewaltig mit, der Ton ist hochdramatisch. Dabei ist "Ein Hund für Jakob" ein typisches Kinderbuch. Typisch deshalb, weil es enorme Gefühle und Themen zum Ausgangspunkt des Erzählens macht. Bei Tod, Trauer, Weitermachen bietet die Kinderliteratur wacker mit. Hier wird die Beziehung zwischen Kind und Hund Auslöser und Spiegel existenzieller Erfahrung – Katharsis, mithin Anleitung zum richtigen Leben inbegriffen. Sogar das Motiv der unverbrüchlichen Treue kommt vor: Ronny überwindet fast hundert Kilometer, um endlich mit Jakob vereint zu sein. Gerettet sind am Ende beide. 

Collie-Hündin "Lassie" erlangte Weltruhm

Damit reiht sich der Titel ein in beachtliche Ahnengalerie: Hunde-Geschichten haben das Zeug zu Heldengeschichten. "Lassie" von Eric Knight aus dem Jahr 1938 ist der beste Beweis. Als Star der gleichnamigen Fernsehserie hat die Collie-Hündin Weltruhm erlangt. Seitdem ist das Motiv des Hunds als bester Freund gesetzt.

Das war nicht immer so. 1930 erscheint "Waldi. Ein lustiges Dackelbuch" von Walter Andreas, illustriert von Fritz Koch-Gotha. Aus heutiger Sicht eine nostalgische Streiche-Schmiede, ist die Pädagogik darin so schwarz wie Dackel-Bub Waldi. In Lederhose und Lahütti-Hut gibt er den Bürgerschreck der Hunde-Gesellschaft, um zu guter Letzt natürlich belehrt und bekehrt zu sein.

Der große Zeichner Koch-Gotha, der bereits 1924 mit der "Häschenschule" Maßstäbe gesetzt hatte hinsichtlich Erziehung zwischen Buchdeckeln, legt mit "Waldi" eine erste Hundeschule vor: ein Besserungsbuch für unartige Hunde und unartige Kinder.

Ein anderer hat Mitte des 19. Jahrhunderts mit dem pädagogischen Dreisprung "schlechtes Benehmen – Strafe – Einsicht" vehement agiert und also eingeschüchtert. Die Rede ist vom Frankfurter Psychiater, Lyriker und Kinderbuchautor Heinrich Hoffmann. Im "Struwwelpeter" ist der Hund allerdings nicht Ziel von Erziehungsmaßnahmen – "ein großer Hund" schlägt vielmehr den "argen Wüterich" Friederich mit dessen eigenen Waffen:

"Da mit der Peitsch’ herzu sich schlich
Der bitterböse Friederich;
Und schlug den Hund, der heulte sehr,
Und trat und schlug ihn immer mehr.
Da biss der Hund ihn in das Bein,
Recht tief bis in das Blut hinein. (...)
Ins Bett muss Friedrich nun hinein,
Litt vielen Schmerz an seinem Bein;
Und der Herr Doktor sitzt dabei
Und gibt ihm bitt’re Arzenei.
Der Hund an Friedrichs Tischchen saß,

Wo er den großen Kuchen aß;
Aß auch die gute Leberwurst
Und trank den Wein für seinen Durst.

Die Peitsche hat er mitgebracht
Und nimmt sie sorglich sehr in acht." 

Ein Riesensprung ist das zur Rolle der Hunde im Kinderbuch heute.

Abschreckung ist passé, Identifikation ist in, aus Anti-Helden sind Vorbilder und Gefährten geworden. Hunde sind die Guten, sie bieten sich dafür an. Als Wach- oder Hütehunde, als Bergwacht-, Lawinen-, Drogen-, Polizei- oder Assistenzhunde sind sie auf Schutz, Rettung, Hilfe trainiert.

Die Wirklichkeit liefert neuen Stoff für Fiktion. Ein Aspekt ist geblieben: Von Hunden lässt sich lernen.

Bewährtes Motiv der Fürsorge

Da ist es nur konsequent, dass dtv junior gerade eine weitere Hundeschule eröffnet hat: "Die Schule für kleine Hunde" von Autorin und Tierärztin Gill Lewis ist ebenfalls eine Schule für kleine Kinder. In jedem der vier Bände besucht ein Welpe die Hundeschule, wo er oder sie zum Polizeihund, Hütehund oder Assistenzhund ausgebildet wird. Die ersten Reihentitel sind seit März zu haben: "Polly und der Wurstdieb" erzählt von einer angehenden Polizeihündin, "Pip findet eine Freundin" von einem Labrador-Welpen, der nur ein Ziel hat:

"Du musst kein Begleithund werden", schlug Lulu vor. "Du bist so ein guter Pfotenballspieler; du könntest Profi werden (...) und durch die ganze Welt reisen." Pip schüttelte den Kopf: "Ich mag Pfotenball sehr, aber ich möchte es nicht ständig spielen. Da mag ich Menschen mehr. (...) Eines Tages möchte ich die Pfote der Freundschaft an meinem Halsband tragen", sagte er. "Dafür tu ich alles, was nötig ist, selbst wenn ich nie wieder Pfotenball spielen kann."

Pfotenball ist natürlich Fußball, auch sonst menschelt es unübersehbar. Wenn Pip lernen muss, nicht jedem Ball hinterher zu hecheln, damit er ein guter Begleithund für Klara wird, erinnert das entfernt an die Einnordung der Zappelphilippe. Dass auf manchen Spaß verzichten muss, wer was lernen, wer was werden will, dürfte auch heutigen Abc-Schützen auf zwei Beinen bekannt sein. Sie sind als Zielgruppe klar definiert und bekommen entsprechend häppchenweise leichte Kost in Form überschaubarer Abenteuer in einfachen Sätzen mit viel Moral. Pip, heißt es einmal, würde für Klara alles tun.

Das bewährte Motiv der Fürsorge wird von Band zu Band durchkonjugiert. Knappe Sach-Infos zu den verschiedenen Hunderassen runden die Lehrstückchen ab. Immerhin gibt es einen echten intertextuellen Verweis: Klara liest Pip "Winn-Dixie" vor. Und dieser Kinderroman der amerikanischen Autorin Kate DiCamillo über ein sehr verzweifeltes, sehr einsames Mädchen und einen Hund, Winn-Dixie eben, der sie mit unschlagbarem Grinsen zurücklacht und zurückliebt ins Leben, ist eines der schönsten und lesenswertesten Hundebücher überhaupt. Das versöhnt mit manchem, auch mit einem Rätsel, das bis zuletzt ungelöst bleibt: Warum nur müssen die Hunde Frank Furter oder Oberst Obstler heißen? So viel Bezug auf allgegenwärtige Alliteration im aktuellen Kinderbuch hätte es nicht gebraucht, so viel Verweis auf nach wie vor programmatische Harmlosigkeit auch nicht.

Hier ist der Hund kein Held

Überraschender ist da "Das Krümel-Projekt. Ein Hund auf Glücksmission" von Kirsten John. Hier ist der Hund kein Held – er gleicht eher einem gerupften Huhn, das keiner haben will: 

"Der Hund, der zwei Tage später und pünktlich zu Ferienbeginn vor der Tür steht, ist überhaupt nicht klein, auch wenn er Krümel heißt. Es ist ein Mischling aus dermaßen vielen Hunderassen, dass alle Farben und Fellarten zu einem einzigen unbeschreiblichen Grau verschmolzen sind. Ganze Fellflecken können sich nicht entscheiden, ob sie glatt sein oder sich locken wollen, und so tun sie beides und stehen wie Pfeifenputzer von seinem Körper ab (...) Seine Pfoten sind so groß, als würde er plüschige Crocs tragen, und er riecht streng und süß zugleich – wie eine Mischung aus Löwe und Lutschbonbon."

Das ist untertrieben: Die Töle stinkt. Wo sich Hunde sonst eines herausragenden Geruchssinnes rühmen dürfen, geht er bei Krümel gegen Null. Anders sieht das aus, wenn die Befindlichkeit von Menschen ins Spiel kommt, denn Krümel hat im wahrsten Sinn des Wortes eine überaus feine Spür-Nase. Kind Emma lässt er, allen Bemühungen zum Trotz, zwar ziemlich kaltschnäuzig links liegen. Wittert er aber Unglück – das von Emmas Oma zum Beispiel, die sich allein und nutzlos fühlt – wühlt Krümel sich unter jedem Zaun durch, wild entschlossen, Glück zu bringen. Das führt erst zu komischen Verwicklungen, dann zu erstaunlichen Versöhnungen.

Mag sein, dass zum Gelingen dieses Hundebuchs der Motiv-Mix beiträgt, der altbewährte Zuschreibungen aufmischt. Krümel, alles andere als heroisch, ist als Freund wählerisch: Er wendet sich denen zu, die es nötig haben. Das ist ungewöhnlich.

Der Illustrator und Autor Jan Birck setzt noch eins drauf. In seinem illustrierten Kinderbuch "Zarah & Zottel. Ein Pony auf vier Pfoten" heißt es:

"Zarah ist satt, ihr Pony auch. Die Karotte wollte es zwar nicht, aber das Würstchen."

Nanu – ein fleischfressendes Pony? Hauptsache: Vier Beine, man kann drauf reiten und punktet damit bei den anderen Kindern. Denn das ist Zarahs eigentliches Ziel. Während ihre Mutter in der neuen Wohnung bohrt und hämmert, geht Zarah im Hinterhof auf Freundefang. Schließlich gilt: Selbst ist die Frau. Dabei erweist Zarah sich als derart souveräne Wünscherin, dass sie getrost in Klischees träumen kann. Sehnsucht Nummer 1: Zarah will ein Pony, weil Mädchen halt von Ponys träumen. Sehnsucht Nummer 2: Zarah möchte dringend dazugehören, schon sind wir beim Wunschhund gelandet. Beides zusammen ergibt ... Na?! ...

"Das Pony (...) wedelt mit dem Schwanz. "Für ein Pony bist du ganz schön zottelig", meint Zarah. "Weißt du was? Ich nenne dich Zottel!"

Das Pony hebt ein Bein und pinkelt an die Ampel. Beinahe wäre Zarah runtergefallen. Dann leuchtet die Ampel grün auf. "Du kannst jetzt weitertraben!", sagt Zarah. "Aber bitte langsam, ich muss mich erst noch ans Reiten gewöhnen."

Literaturhinweise:

Liv Frohde: Ein Hund für Jakob. Übersetzt aus dem Norwegischen von Inge Wehrmann. Illustriert von Almud Kunert, Thienemann 2017, 128 S., 11,99 Euro, ab 8 J.

Gill Lewis: Die Schule für kleine Hunde, Band 1 und 2: Polly und der Wurstdieb / Pip findet eine Freundin. Aus dem Englischen von Siggi Seuss. Illustriert von Sarah Horne. dtv junior 2017, 128 S., je Band 8,95 Euro, ab 5 J.

Jan Birck: Zarah & Zottel. Ein Pony auf vier Pfoten, Sauerländer 2017, 64 S., 9,99 Euro, ab 5 J.

Andrea Karimé: King kommt noch. Mit Zeichnungen von Jens Rassmus, Peter Hammer Verlag 2017, 38 S., 9,90 Euro, ab 6 J.

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