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StartseiteBüchermarktNeue Erzählungen: "Die Welt voran"20.05.2016

László KrasznahorkaiNeue Erzählungen: "Die Welt voran"

Nach Alice Munro und Philip Roth hatte der Ungar László Krasznahorkai im letzten Jahr den Man Booker International Prize erhalten. Er fange das menschliche Leben in Szenen ein, die "besorgniserregend, befremdlich, erschreckend komisch und oft überwältigend schön" seien, sagte die Jury in ihrer Begründung. Das trifft auch auf sein neues Werk zu.

Von Tabea Soergel

Der Schriftsteller László Krasznahorkai (imago / Pixsell)
Der Schriftsteller László Krasznahorkai (imago / Pixsell)
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"...und dann stellt sich die Irrfahrt im Stehen ein, denn da steht dieser Mensch, mit zwei schweren Koffern in den Händen und einem Paar vortrefflich besohlter Schnürstiefel, und er könnte nach rechts gehen und würde sich nicht irren, doch er könnte ebenso nach links gehen und irrte sich auch dann keineswegs ..."

Eigentlich will der Protagonist der ersten Erzählung in Krasznahorkais Band "Die Welt voran" nur fort. Er bereitet die Abreise aus seiner Heimat vor, doch je näher der Augenblick des Aufbruchs rückt, desto lähmender sind die Gedanken, die ihn heimsuchen, bis hin zur völligen Paralyse. Die geplante Flucht mündet im Stillstand.

Diese atemlose Schilderung, verpackt in einem einzigen Satz über sechs Seiten, beunruhigt bei der Lektüre, ja, sie macht regelrecht nervös. Man beginnt als Leser einen Befreiungsschlag herbeizusehnen, der allerdings ausbleibt.

Tiefe Melancholie und hintergründiger Humor

Es sind der Ton, changierend zwischen tiefer Melancholie und hintergründigem Humor und die Schönheit der Sprache, die einen durch diesen Text tragen. So wie sie den Leser auch durch die folgenden labyrinthischen, intellektuell herausfordernden Fieberträume leiten, die den Auftakt bilden von "Die Welt voran"

"... und er ist so mit dem sohlengroßen Stück Land verankert, auf dem er steht, dass es nicht einmal die Hoffnung gibt, er könne sich irgendwann von dort wegbewegen, denn dort muss er bis zum Ende aller Zeiten stehen, in zwei richtige Richtungen gleichzeitig gefesselt, bis zum Ende aller Zeiten muss er dort stehen, weil dieser Punkt sein Zuhause ist, genau dorthin wurde er geboren, und dort muss er einmal auch sterben, zu Hause einst, zu Hause, wo alles kalt und traurig ist."

Krasznahorkais Buch gliedert sich in drei große Kapitel. Die Erzählungen des ersten Teils, betitelt mit: "Er redet", sind allesamt von innerer statt äußerer Bewegung bestimmt, sie dokumentieren Bewusstseinsströme, essayistische Ausschweifungen. Immer wieder geben sich die Protagonisten Ausbruchsfantasien hin, doch von der Stelle kommen sie nicht.

Sie sind Denker in pathologischem Sinne. Wo es einer eindeutigen, initialen Entscheidung bedürfte, nämlich schlicht und ergreifend des ersten Schritts, verlieren sie sich in überbordenden Theorien zu möglichen Konsequenzen ihres Tuns, durchqueren mental ganze Kontinente, überwinden in ihrer Fantasie schließlich gar die Naturgesetze.

Personal mit Neigung zu Einsamkeit und Schwermut

Leben findet nur in ihren Köpfen statt; von außen betrachtet sind sie dagegen völlig leblos. Fasziniert folgt man den Windungen, Schleifen und Verästelungen der Texte. Sie führen in ferne Zeiten, in entlegene Länder, in denen sich László Krasznahorkais Figuren in becketthafter Verlorenheit abzeichnen. Mit Beginn des zweiten Teils, "Er erzählt", ändert sich die Erzählhaltung dann schlagartig und grundlegend.

"... nichts war einfacher, nach dem Aufwachen sofort hinunter zur Ecke, und da anfangen, und da auch aufhören, nicht dass er sich hätte volllaufen lassen, dazu hatte er auch gar nicht das Geld, und überhaupt, eher aus Gewohnheit, und da er irgendwann einmal das billigste gewählt und gesagt hatte, ein Sternburg, bitte, brachte man ihm immer das, wenn man ihn sah, er musste nichts sagen, er betrat das Sparschwein und schon stand das Sternburg auf seinem Tisch ..."

Das Personal mit seiner Neigung zu Einsamkeit und Schwermut bleibt im zweiten Teil zwar ähnlich, doch gestattet Krasznahorkai dem Leser nun einen viel weiteren Blick aufs Geschehen. Er weist gleichsam den Weg in eine äußere Welt jenseits der übermächtigen Innenwelt seiner Figuren. Man ist nicht mehr ganz und gar im Bewusstsein der Charaktere eingeschlossen, sondern erlebt sie aus einer gewissen Entfernung – und in Aktion.

Auch die Schauplätze werden ganz konkret, ganz handfest: mal ist es eine heruntergekommene Berliner Kneipe, mal der zugige Westbahnhof in Budapest. Als Leser hat man wieder festen Boden unter den Füßen. Im Zentrum der Texte in diesem Kapitel, die oft aus der Perspektive eines mehr oder minder passiven Erzählers geschildert sind, stehen nicht allein Ausgestoßene und Gescheiterte wie beispielsweise der Kosmonaut Juri Gagarin, der nach seinem Weltraumflug keinen Halt mehr auf der Erde findet; immer wieder bevölkern auch Tiere die Geschichten.

So widmet sich eine Erzählung einfühlsam und ohne jeden Versuch der Vermenschlichung dem Schicksal eines streunenden Hundes, dessen Artgenosse auf einer Waldstraße getötet wurde.

Viele der Texte besitzen eine zeitlose Wucht

"... im Blick des Hundes war keinerlei getriebener Schreck, keinerlei wilde Wut, keinerlei hysterische Lähmung, er verstand nicht und war traurig, und traurig blickte er den Fahrer des vorsichtig an ihm vorbeifahrenden Autos an, doch er rührte sich nicht, saß auf der Sperrlinie, saß in der Mitte einer Waldstraße, und es ist jetzt egal, ob von Los Angeles fünfzehn oder von Kyoto achtzehn oder in Ungarn von Budapest zwanzig Kilometer in nördlicher Richtung, er saß da, blickte traurig und bewachte seinen Gefährten, und er wartete, dass jemand kam, der ihm erklärte, was geschehen war, oder er saß einfach nur da und wartete, dass sich der andere endlich rühren und sie beide von diesem unverständlichen Ort verschwinden würden."

In Krasznahorkais Band "Die Welt voran" besitzen viele der Texte eine zeitlose Wucht. László Krasznahorkai ist ein wortgewaltiger Autor mit einem schier unbegrenzten Repertoire an literarischen Instrumentarien, doch reduziert er seine Sätze aufs Wesentliche, verdichtet sie ohne dekorative Ausschmückungen oder Effekthascherei zu massiven, klassisch anmutenden Texten. Gerade in der Sparsamkeit der Mittel zeigt sich seine Meisterschaft:

Mit wenigen Worten erzeugt er eine Kraft, die an sein erklärtes Vorbild Samuel Beckett denken lässt. Die Heimatlosigkeit seiner Figuren, ihr chronisches Scheitern an der Welt und den Menschen, denen sie in verzweifelter Hassliebe verbunden sind, verleiht den Geschichten Allgemeingültigkeit – trotz klarer Bezüge zur Gegenwart.

Erklärtes Vorbild Samuel Beckett

In mehreren Geschichten wird auf das repressive Klima im heutigen Orbán-Ungarn angespielt. Da gibt es etwa einen Redner, der gegen die Literatur zu wettern beginnt. Und das tut er ausgerechnet am Beispiel der düsteren und tatsächlich vor vielen Jahren publizierten Gesellschaftsparabel "Melancholie des Widerstands" von László Krasznahorkai, in der die Ausstellung eines Walkadavers ein ungarisches Dorf ins Chaos stürzt.

"Zu behaupten, es gibt ein Buch, das weiß, das uns sagen wird, das uns und nur uns erzählen wird, was nach so einem Riesenwal ausbricht, ist entweder eine intrigante Frechheit oder schändliche Dummheit, also eine Lüge, ganz klar, denn was in so einem Fall wirklich ausbricht, weiß keiner, kein einziges Buch, weil der Wal dieses Etwas tatsächlich und restlos verdeckt."

Das letzte Kapitel des Buchs heißt: "Er verabschiedet sich". Es besteht aus einem einzigen Text, "Ich brauche nichts von hier", einer erneuten Fluchtfantasie, diesmal in der finalen Version: Der Erzähler imaginiert sein Verschwinden aus der Welt.

In diesem gefrorenen Moment zwischen Sprechen und Verstummen, diesem endlosen Augenblick, dieser existenziellen Leerstelle scheint das ganze Spektrum von Schönheit und Schmerz auf, welches das Dasein eines Menschen bereithält.

 "... ich ließe hier jedes Knospen, jede Geburt und jedes Sein, ich ließe hier die Magie, das Rätsel, den Rausch der Weiten, Unerschöpflichkeiten und Ewigkeiten: denn ich ließe hier diese Erde und diese Sterne, denn ich nähme nichts von hier mit, denn ich habe in das hineingeblickt, was kommt, und ich brauche von hier nichts."

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