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StartseiteInterview"Wir laufen auf eine Durchseuchung der Kinder zu“31.08.2021

Lauterbach (SPD) zur aktuellen Corona-Situation"Wir laufen auf eine Durchseuchung der Kinder zu“

Immer mehr Schülerinnen und Schüler infizieren sich mit dem Coronavirus. Der SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach warnt deshalb davor, die Maskenpflicht in Schulen abzuschaffen. Er schlägt im Fall einer Infektion in der Schule eine Kurzquarantäne von fünf Tagen für die ganze Klasse vor.

Karl Lauterbach im Gespräch mit Philipp May

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Karl Lauterbach, Gesundheitsexperte der SPD (dpa)
Karl Lauterbach, Gesundheitsexperte der SPD fordert weiterhin strenge Coronaschutzmaßnahmen an den Schulen (dpa)
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Kein neuer Lockdown, schon gar nicht für Geimpfte, und keine Schulschließungen mehr - das scheint mittlerweile Konsens in der deutschen Politik zu sein. Doch die Corona-Zahlen steigen wieder schnell an, vor allem bei den Erwachsenen, die sich nicht impfen lassen wollen, und den Kindern, die sich nicht impfen lassen können. Insbesondere in Nordrhein-Westfalen, dem bevölkerungsreichsten Bundesland, steigen die Zahlen stark an.

Niedersachsen, Hannover: Ein Kinderarzt impft ein Kind mit einem 6-fach-Kombinationsimpfstoff gegen Diphtherie, Tetanus (Wundstarrkrampf), Kinderlähmung (Polio), Keuchhusten (Pertussis), Haemophilus influenzae Typ b (Hib) und Hepatitis B. (dpa-Bildfunk /  Julian Stratenschulte) (dpa-Bildfunk / Julian Stratenschulte)Corona-Impfung ab zwölf Jahren - Sollten Eltern ihre Kinder nun impfen lassen?
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Der Inzidenz-Wert unter den Fünf- bis 14-Jährigen liegt im gesamten Bundesland schon jetzt bei 322. Nach nicht einmal zwei Schulwochen sitzen 30.000 Schulkinder wieder in Quarantäne. (Stand 31.08.2021)

Der Gesundheitsexperte Karl Lauterbach von der SPD kritisiert die Landesregierungen, die seien erneut schlecht vorbereitet in das neue Schuljahr gestartet. Kurzquarantäne für Schülerinnen und Schüler, sowie 2G-Regelungen – etwa in Restaurants – und 3G-Regelungen in der Bahn bei Fernreisen hält er für dringend notwendig.


Philipp May: 30.000 Kinder in Quarantäne, größtenteils als Kontaktpersonen. Was nützen da noch offene Schulen?

Karl Lauterbach: Die Zahl der Schüler, die insgesamt in Nordrhein-Westfalen unterrichtet werden, ist natürlich viel größer. Aber Sie haben recht: Wenn das so weitergeht, bekommen wir ein großes Problem. Wir sind erneut relativ schlecht vorbereitet in die Schule gegangen und da muss dringend nachgearbeitet werden. Sonst bekommen wir das nicht in den Griff.

Und in der Tat: Was mich mehr besorgt als die Zahl der Kinder in Quarantäne ist die Zahl der Kinder, die erkranken, denn das ist ja keine Kleinigkeit, wenn Kinder an Covid erkranken.

33D-Modell des Coronavirus SARS-CoV2 (imago / Rob Engelaar / Hollandse Hoogte) (imago / Rob Engelaar / Hollandse Hoogte)

"Wir sollten da jede denkbare Erkrankung vermeiden"

May: Aber jetzt haben wir von der Stiko lange gehört, weil sie auch gezögert hat mit der Impffreigabe, dass die Krankheit für Kinder und Jugendliche in der Regel harmlos verlaufe. Wie passt das zusammen, wenn jetzt wieder 10.000 Kinder in Quarantäne geschickt werden sollen beziehungsweise wenn Sie sagen, jetzt erkranken doch viele Kinder?

Lauterbach: Es stimmt, dass in der Regel die Krankheit harmlos verläuft. Aber wenn so viele erkranken, genügt die Regel nicht, sondern dann muss ich mir auch Sorgen machen, wenn nicht so viele relativ erkranken, aber doch absolut sehr viele. Man muss davon ausgehen, dass bei bis zu fünf Prozent der Kinder sich Long-Covid-Symptome ergeben. Und wenn man ganz ehrlich ist: Niemand von uns weiß genau, was die langfristigen Schäden von Covid bei Kindern sind. Das ist ja eine Erkrankung, die dann das Kind im Wachstum trifft, und es gibt Viruserkrankungen, die erst nach Jahren noch mal, wenn man so will, eine zweite Krankheitswelle zeigen. Das könnte auch bei SARS-CoV der Fall sein. Das kann niemand ausschließen.

Daher bin ich immer sehr vorsichtig gewesen, was Kinder angeht. Wir sollten da jede denkbare Erkrankung vermeiden. Das hat auch in den Vereinigten Staaten zum Beispiel dazu geführt, dass führende Kinderspezialisten sich sogar über die Zeitungen, über die New York Times und auch die Los Angeles Times an die Politik gewendet haben, um zu erreichen, dass möglichst viele Infektionen und Erkrankungen von Kindern abgewendet werden. Ich glaube, dass wir da zu wenig machen.

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"Bei Kindern machen wir klar viel zu wenig"

May: Nun ist es aber doch so beziehungsweise wir haben in den zwei Jahren gelernt, in denen wir alle zu Corona-Experten geworden sind, dass es bei einer epidemischen / endemischen Krankheit doch eigentlich so läuft wie bei einer Influenza-Grippe. Als Kind kommt man erstmals mit dem Erreger in Berührung und hat dann als Erwachsener später dadurch die Grundimmunisierung. Das war der Gedanke. Das zählt für Corona, für Covid nicht?

Lauterbach: Das zählt auch so für Covid. Allerdings ist bei Covid die Sondersituation, dass die Zeit, bis wir alle ausreichend genug Grundimmunisierung haben, über die Erkrankung und über die Impfung läuft. Die Impfung ist sehr viel besser, das ist ein viel besserer Weg, weil dann der Körper nicht dieser Gefahr ausgesetzt ist, der er ausgesetzt ist, wenn das über die Erkrankung stattfindet. Außerdem haben wir bei Covid auch noch das Problem, dass es Varianten geben könnte, die in ein paar Jahren gegen die erste Impfung nicht wirklich reagieren, und dann müssen wir nachimpfen. Bei Covid ist noch sehr viel Potenzial. Aber wir müssen auf das schauen, was wir jetzt haben, und jetzt machen wir bei Kindern klar viel zu wenig. Wir laufen auf eine Durchseuchung der Kinder zu in den Schulen, wenn es uns nicht gelingt, da gegenzusteuern und den Unterricht sicherer zu machen.

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Lauterbach: Den Infektionsherd unterbrechen

May: Wie wollen Sie denn gegensteuern?

Lauterbach: Ein Vorschlag ist eine Kurzquarantäne von fünf Tagen, dass bei einem positiven Fall die Kinder für fünf Tage in Quarantäne gehen und am Ende dieser Quarantäne dann freigetestet werden. Das ist ein Vorschlag, den Christian Drosten schon vor einem Jahr gemacht hat, den ich auch sinnvoll finde, weil damit erreicht man, …

May: Eine ganze Klasse geht in Quarantäne, wenn es einen Corona-Fall gibt?

Lauterbach: Für fünf Tage, genau. Dann werden die Kinder getestet. Damit erreiche ich, dass dann der Herd unterbrochen wird. Wenn ich das nicht mache, dann habe ich das Problem, dass ich zuerst drei Kinder in Quarantäne schicke, aber mittlerweile ist ein weiteres Kind infiziert, dann wieder drei, und so werde ich sukzessive die ganze Klasse in Quarantäne haben – mit dem Unterschied, dass dann ein großer Teil der Kinder zusätzlich auch noch infiziert war.

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"Durchseuchung ganzer Klassenverbände führt auch zur Quarantäne"

May: Jetzt werden wahrscheinlich viele Eltern, die das hören, direkt den Kopf schütteln und sagen, nachdem wir die Zusage gehabt haben, keinen Lockdown, wir haben uns gefreut darüber, dass die Quarantäne-Regeln eher gelockert werden, dass wir wieder Normalität haben, jetzt sollen wir doch wieder gerade bei diesen hohen Inzidenzen höchst wahrscheinlich demnächst mit unseren Kindern fünf Tage in Quarantäne. Das wird denen nicht gefallen.

Lauterbach: Die Inzidenzen würden ja weiter steigen. Wir müssen etwas machen, was wirkt. Wenn wir so weitermachen wie jetzt, kommen wir ja nicht zur Wirkung. Wir kriegen die Inzidenzen ja nicht runter. Das würde dann dazu führen, dass über die nächsten Monate hinweg alle Kinder, die nicht geimpft sind, sukzessive sich infizieren, und wir hätten dann die Durchseuchung. Das muss man sich genau überlegen, ob man das will. Die Durchseuchung ganzer Klassenverbände führt auch zur Quarantäne, nämlich dann, wenn die Kinder krank sind, und ist darüber hinaus riskant, weil die Kinder mehr oder weniger alle erkranken – die Kinder, die nicht geimpft werden können.

"Die Kurzquarantäne ist die bessere Wahl"

May: Aber jetzt gibt es noch gar keine Impfungen für Kinder. Was bleibt uns denn da anderes überhaupt übrig als die Durchseuchung?

Lauterbach: Wie gesagt, dass man die Regeln so einhält, dass man möglichst wenige Kinder überhaupt infiziert, und das ist mit einer Quarantäne-Anwendung, die wirklich funktioniert, dass ich die Kinder in Quarantäne bringe, bevor sie sich bei anderen infiziert haben und die Quarantäne viel kürzer mache. Damit kann ich schon dem Problem ein ganzes Stück entgegentreten. Wenn ich das nicht mache, in der Tat, dann haben Sie recht, ist die Durchseuchung die realistische Alternative.

May: Oder es wird früher oder später doch wieder in Nordrhein-Westfalen bei den hohen Inzidenzen auf Schulschließungen hinauslaufen, was die Politik ja mehr oder weniger ausgeschlossen hat beziehungsweise die Landesregierung?

Lauterbach: Ich hoffe, dass das nicht diskutiert wird, denn die Schulen sollten ja nicht schließen. Im Vergleich zur Schulschließung ist die Kurzquarantäne auf jeden Fall die bessere Wahl.

"Wir hätten das besser vorbereiten müssen"

May: Jetzt gibt es ja wieder einen Flickenteppich. Berlin schickt nur positiv getestete Kinder in Quarantäne, rot-rot-grün regiert. In Nordrhein-Westfalen sollen die unmittelbaren Sitznachbarn in Quarantäne geschickt werden und in Köln werden beispielsweise derzeit gerade, obwohl es in Nordrhein-Westfalen liegt, ganze Schulklassen, im Prinzip ähnlich Ihrem Vorschlag, wieder in Quarantäne geschickt – allerdings, weil das Gesundheitsamt, so die offizielle Begründung, nicht hinterherkommt, und wieder stehen Eltern und Kinder im Regen. Wie erklärt sich das?

Lauterbach: Wir hätten das besser vorbereiten müssen. Die Landesregierungen haben zu wenig gemacht. Was wir wissen ist, dass eine Kombination von Maskentragen, direkt nach der Unterrichtsstunde lüften und Luftfiltern die Übertragungswahrscheinlichkeit um den Faktor 30 senkt. Das heißt, dann sind die Übertragungen sehr viel seltener. Dieser Vorschlag hat erneut nicht wirklich in die Umsetzung gefunden, weil die Schulen die Luftfilter nicht angeschafft haben. In Nordrhein-Westfalen wird sogar diskutiert, auf die Maskenpflicht für Kinder zu verzichten. Davor warne ich eindringlich, weil das tatsächlich das Risiko für die Kinder noch stärker erhöhen würde. Wir sind somit nicht wirklich gut vorbereitet in dieses Schuljahr gegangen.

May: Aber warum konnte man sich über die Sommerferien nicht zumindest auf ein einheitliches Konzept bundesweit einigen? Es ist ja wieder die gleiche Frage, die wir vor einem Jahr an dieser Stelle auch schon hatten?

Lauterbach: Ich glaube, das ist wieder das gleiche gewesen, eine Mischung, dass man geglaubt hat, dass die Pandemie nach dem Sommer vorbei ist, dass das nicht mehr zurückkommt, dass wir bei einer relativ hohen Impfquote es nicht mehr brauchen. Das wird der erste Faktor gewesen sein und der zweite Faktor wird gewesen sein, dass viele gedacht haben, das ist bei Kindern sowieso nicht so schlimm, wenn die Kinder das bekommen, dann werden die nicht wirklich krank, das kann man den Kindern zumuten, dass sie sich infizieren.

"Die Treiber der Pandemie sind momentan die Ungeimpften"

May: Dann schauen wir mal auf die Gesamtlage, auch wenn heute die Inzidenz wieder gesunken ist. Ist das erst mal ein gutes Zeichen? Haben wir möglicherweise ein Plateau erreicht?

Lauterbach: Das kann man nicht wirklich sagen. Es wäre unwahrscheinlich, dass wir ein Plateau erreicht haben. Wenn, dann wäre das nur ein Zwischenplateau. Was klar ist, dass wir noch mal große Probleme bekommen, wenn der Sommer endgültig zu Ende ist und wir müssen uns mehr in den Innenräumen aufhalten. Dann werden wir wahrscheinlich noch einmal wirklich mehr Fälle sehen. Im Moment ist ja noch sehr viel draußen unterwegs und daher ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass wir im späten Herbst, insbesondere aber auch im Oktober und im November mehr Fälle sehen werden.

May: Trotzdem hat sich Ihr Kanzlerkandidat, Olaf Scholz – die anderen beiden, Armin Laschet und Annalena Baerbock auch – festgelegt: Es wird keinen Lockdown geben.

Lauterbach: Damit hat er auch recht und die anderen beiden auch, weil mit einem Lockdown würden wir ja gar nicht operieren müssen. Was sehr wahrscheinlich ist, wenn die Fälle wirklich steigen werden – ich hoffe, dass es nicht der Fall ist; ich glaube es aber leider -, dann werden wir mehr unternehmen müssen bei den Ungeimpften. Im Moment ist es so, dass die Treiber der Pandemie die Ungeimpften sind. Die Ungeimpften infizieren auch bereits geimpfte, aber im Wesentlichen infizieren sich die Ungeimpften untereinander, und es ist sehr problematisch, dass eine kleine Gruppe Ungeimpfter, die sich nicht impfen lassen will, hier, sage ich einmal, die Verbreitung des Virus so beschleunigt. Bei den Ungeimpften ist die Inzidenz ja sehr viel höher als bei den Geimpften. Daher müsste das auch gesondert ausgewiesen werden. Aber wir müssen zu Regeln kommen, die bei den Ungeimpften die Pandemie entschleunigen.

Lauterbache: Kein Lockdown – auch nicht für Ungeimpfte

May: Ein Lockdown für Ungeimpfte, aber sagen will es keiner, weil gerade Wahlkampf ist?

Lauterbach: Nein, es ist kein Lockdown. Wir werden auch für die Ungeimpften keinen Lockdown machen. Aber wir werden zunehmend dazu übergehen müssen, dass wir mit 2G-Regeln arbeiten in Bereichen, wo das Risiko, sich zu infizieren, sehr hoch ist.

May: Aber das hat ja schon was sehr lockdownhaftes, wenn ich das so sagen darf, wenn Ungeimpfte beispielsweise nicht in ein Restaurant gehen können oder in eine Kulturveranstaltung. Das ist ja quasi wie ein Lockdown – heißt anders, 2G, aber im Prinzip ist es ein Lockdown für Ungeimpfte.

Lauterbach: Wenn man das zum Beispiel macht wie in Hamburg, dass die Restaurants sich aussuchen können, ob sie 3G praktizieren oder auch für Ungeimpfte etwas angeboten wird, aber damit reduzierter Kapazität, so dass man das sicher anbieten kann und dass andere Restaurants das mit 2G machen, nur für Geimpfte und Genesene. Dann gibt es eine Wahlfreiheit sowohl bei den Menschen, die ins Restaurant wollen, nämlich sie lassen sich impfen oder nicht, und auch bei den Restaurantbetreibern, betreibe ich bei voller Kapazität oder bei eingeschränkter Kapazität. Aber es ist doch klar, dass wir die Geimpften nicht so behandeln können wie die Ungeimpften, weil die Inzidenz ist bei den Ungeimpften 25 oder 30mal so hoch, und das ist auch medizinisch ganz klar. Wenn die Gruppen sich so stark unterscheiden im Infektionsrisiko, dann muss ich auch unterschiedliche Regeln haben.

Lauterbach für 3G in Zügen bei Fernreisen

May: Sollte die Deutsche Bahn nur noch mit 3G-Regel benutzt werden dürfen, getestet, geimpft oder genesen?

Lauterbach: Für lange Strecken, für Fernreisen halte ich das für richtig. Wenn Sie über mehrere Stunden neben jemandem sitzen, der die Delta-Variante in sich trägt, dann ist das sehr gefährlich. Von daher hielte ich für die langen Strecken eine 3G-Regel für richtig.

May: Wird wahrscheinlich schwierig zu überprüfen sein.

Lauterbach: Das könnte überprüft werden bei der Fahrscheinkontrolle. Bei der Fahrscheinkontrolle könnte geprüft werden, ob der Test vorliegt oder nicht. Und wenn es keinen gültigen Test gibt, dann müsste derjenige aussteigen.

May: Das wäre dann wie schwarz fahren.

Lauterbach: Wie schwarz fahren, kann man sagen.

Diskussion um Impfstatus von Arbeitnehmern 

May: Jetzt wollen die Arbeitgeber den Impfstatus ihrer Mitarbeiter erfragen dürfen, um weiter Arbeiten beispielsweise in Großraumbüros zu ermöglichen. Sie bekommen für diesen Vorstoß Schützenhilfe vom Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU). In der neuen Arbeitsschutzverordnung vom SPD-Arbeitsminister Hubertus Heil ist das aber nicht vorgesehen. Sollte Heil das aufnehmen?

Lauterbach: Rein epidemiologisch halte ich das für richtig. Das muss ja geprüft werden. Wenn das datenschutzmäßig haltbar ist, hielte ich eine solche Frage für angemessen, weil sie macht ja den Arbeitsplatz für alle sicherer.

May: Ist aber schon relativ übergriffig.

Lauterbach: Das kommt darauf an, wie man es sieht. Sich am Arbeitsplatz zu infizieren mit einer Krankheit, die für Ungeimpfte zum Beispiel auch tödlich verlaufen kann, das ist keine Kleinigkeit. Das heißt, hier muss man das ins Verhältnis setzen. Der Arbeitnehmer kann ja auch verlangen, dass regelmäßig getestet wird. Es leuchtet aus meiner Sicht nicht ein, dass der Arbeitgeber zwar nach dem Test fragen darf, aber nicht nach dem Impfstatus.

May: Was hieße das denn für einen Arbeitnehmer, der sich nicht testen lassen soll? Der müsste dann ins Homeoffice, wenn das nicht geht beispielsweise. Was macht er dann?

Lauterbach: Diese Regelung hatten wir schon häufig und gilt quasi an vielen Arbeitsplätzen auch, wo jemand exponiert ist und Publikumsverkehr ist. Da kann ich ja als Arbeitnehmer nicht verlangen, dass ich mich weder testen lassen will noch impfen lassen will, möchte aber in den Kontakt mit viel Publikum, welches ich dann gefährde.

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