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StartseiteStreitkulturDer Holocaust als Story – geht das?23.03.2019

Lea Wohl von Haselberg vs. Tobias RappDer Holocaust als Story – geht das?

Die Debatte um Takis Würgers Roman "Stella" wirft Fragen auf, die immer wieder an Holocaust-Literatur und Erinnerungskultur herangetragen werden. Wie konsumerabel dürfen Geschichten über die Massenvernichtung europäischer Juden erzählt werden? Welche Form ist angemessen? Und: Wer entscheidet darüber?

Moderation: Miriam Zeh

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Lea Wohl von Haselberg und Tobias Rapp im Gespräch mit Miriam Zeh auf der Deutschlandradio-Bühne der Leipziger Buchmesse 2019 (Andreas Wünschirs / Deutschlandradio)
Problematisch oder Freiheit der Kunst? Das Thema Holocaust in der Literatur (Andreas Wünschirs / Deutschlandradio)
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Takis Würgers Roman "Stella" erzählt eine fiktive Liebesgeschichte zwischen der jüdischen Greiferin Stella Goldschlag und dem naiven, jungen Österreicher Friedrich Anfang der 1940er Jahre. Die Literaturkritik lehnte das Buch beinahe einstimmig ab – als Holocaust-Kitsch und seinem Gegenstand unangemessen. Ein Zusammenschluss von 20 Buchhändlern hielt in einem offenen Brief dagegen: "Um diese Zeit und dieses Unrecht nicht vergessen zu machen, brauchen wir das Erzählen, auch und besonders das der Nachgeborenen." Würger ist Jahrgang 1985.

Wie viel Fiktion also verträgt eine Geschichte über den Zweiten Weltkrieg und die Massenvernichtung der europäischen Juden? Welche Form wird dem Thema gerecht? Wie viel Sex und Spannung sind angemessen? Und wer entscheidet heute überhaupt darüber, in einer Zeit, in der die letzten Zeitzeugen sterben?

Tobias Rapp, Ressortleiter Kultur beim "Spiegel"

"Es mag eine Banalität sein, aber ich glaube: Kunst darf erstmal alles. Eine Möglichkeit, Kunst oder Literatur zu definieren ist zu sagen, sie macht einen Imaginationsraum auf, in dem ungeschützter Platz ist für das Böse, für das Dunkle, für die Fantasien. Das muss erstmal alles möglich sein. Und in diesem Imaginationsraum muss es auch möglich sein, zu scheitern. Das ist sehr wichtig. Es ist auch wichtig, zu kritisieren. Aber ich finde, dass man in Rechnung stellen muss, dass wir es mit einem Imaginationsraum zu tun haben, über den wir da sprechen - nicht die Wirklichkeit. Literatur ist nicht Geschichtsschreibung. Es wichtig ist, darüber zu sprechen, in was für einer Situation wir uns heute befinden. Die letzten Zeitzeugen sterben oder die Zeitzeugen, die jetzt noch da sind, waren damals kleine Kinder. Das ändert die Art und Weise, wie wir sprechen, wie wir nachdenken, wie wir schreiben über den Holocaust. Das war die ganze Zeit schon so. In den 50ern war es anders als in den 60ern, anders als in den 70ern, anders als 80ern, anders als in den 90ern. Erinnerung ist nichts Statisches. Erinnerung ist immer in Bewegung. Und ich glaube auch, wenn wir Takis Würgers Buch als Anlass nehmen, darüber zu sprechen, wie Literatur und der Holocaust zusammengehen, muss man auch das berücksichtigen."

Lea Wohl von Haselberg, Film- und Medienwissenschaftlerin an der Filmuniversität Babelsberg

"Der Holocaust als Story - das geht natürlich schon. Ich würde mich auch gar nicht hinreißen lassen, zu sagen, dass Fiktion per se problematisch ist. Aber wenn Holocaust als Story heißt: simplifizierend und stringent erzählt, kongruent geplottet, auf Unterhaltung, Einfühlung und Affekte abzielend - also das, was ganz klassisches populäres Erzählen ausgemacht, egal ob für Literatur oder für Film - dann gibt es da schon ein problematisches Potenzial. So eine Form des populären Erzählens macht alles konsumerabel. Der Shoa aber können wir uns nur annähern, wir können sie nicht verstehen und sie entzieht sich auch unserem Denken, das auf Sinnstiftung und Begreifen ausgerichtet ist. Und gelungenes Erzählen über die Shoa kann das stehen lassen und kann auch zeigen, dass es etwas gibt, das sich uns entzieht. Problem ist, dass genau das in populären Texten häufig nicht angelegt ist. Das heißt nicht, dass es generell nicht geht. Wenn aber die Buchhandlung bei mir um die Ecke den Roman "Stella" damit bewirbt, dass es ein Buch wäre, was unangenehme Fragen stellt, weil man sich beim Lesen unweigerlich die ganze Zeit fragen würde: "Wie hätte ich gehandelt an Stella Goldschlags Stelle?" Dann ist das genau das Problematische. Das Problematische ist nicht, dass die Leserinnen und Leser sich eine unbequeme Frage stellen. Aber wenn die Lektüreanweisung des Romans ist, dass man nach der Lektüre das Gefühl hat, man könnte diese Frage beantworten, dann ist das zu vereinfacht."

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