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StartseiteKultur heuteDer gute Mensch von Sezuan hat keinen Rhythmus14.09.2015

Leander HaußmannDer gute Mensch von Sezuan hat keinen Rhythmus

Brechts Paradestück zur Kapitalismuskritik "Der gute Mensch von Sezuan" wird von Leander Haußmann am Berliner Ensemble inszeniert. Das Stück sei durchsetzt von lähmend steckenbleibenden Szenen und Skizzen einiger Regie-Ideen und habe keine Seele, meint unser Kritiker Eberhard Spreng.

Von Eberhard Spreng

Der Regisseur und Autor Leander Haußmann zu Gast in der WDR Talkshow Kölner Treff am 11.10.2013 in Köln (imago/Horst Galuschka)
Leander Haußmann inszeniert "Der gute Mensch von Sezuan" am Berliner Ensemble (imago/Horst Galuschka)
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Für die Götter ist kein Platz auf der Erde, jeder Winkel ist bewohnt und nur bei der Prostituierten Shen Te finden sie für eine Nacht Unterschlupf, und das aber auch nur, weil die einfach nicht „Nein" sagen kann und den eigentlich erwarteten Freier versetzt. Antonia Bill spielt sie, zunächst mit langer Schwarzhaarperücke, roten Leggings und schwarzem Stretchrock, den sie so lang zieht wie es nur eben geht, damit die Götter nicht merken, welchem Gewerbe sie nachgeht. Zur Belohnung bekommt sie ein schönes Sümmchen Geld, mit dem sie sich einen Tabakladen kauft, in den sie allerdings gleich eine ganze Horde von notleidenden Tagedieben einlässt, die ihr den schmucken Raum im besoffenen Streit zerlegen. Einen transparenten Pavillon im Stil der klassischen Moderne hat Leander Haußmann da vom Bühnenhimmel herabschweben lassen. Auf der Bühne stehen vier lebensgroße Straßenlaternen auf Podestchen. Lustig setzen sie sich in Bewegung, als der arbeitslose Flieger Yang Sun auf die Bühne kommt und sich erhängen will. Wie neugierige, ziemlich große Tiere verfolgen sie die nächtliche Szene, bis Shen Te die Absichten des verzweifelten Hallodris erkennt und sich Hals über Kopf in ihn verliebt. Lauter weiße Plastikstühle bedecken jetzt die Bühne, die die beiden in hohem Bogen durch die Luft werfen.

Haußmann ist nicht stilsicher

Später wird man den Flieger, der übrigens in Pilotenuniform herumläuft, an elastischen Bändern auf einer Schaukel Auf und Ab hopsen lassen, während das Hohe Lied auf die Fliegernatur gesungen wird - ein Bild wie aus der Mottenkiste des Varietétheaters. Leander Haussmann ist nicht ganz stilsicher in der Wahl seiner Regieideen. Als besonders problematisch erweisen sich die ausgesprochen zähen Gruppenszenen mit dem versammelten Elendspersonal der Vorstadtgeschichte. Eben gerade Mal nur hingestellt, tauschen sich die Akteure aus, unterbrochen durch unmotivierte Pausen, die den Rhythmus zerstören und vermuten lassen, dass es hier an Probenzeit fehlte.

Shen Te kann sich des Elends nicht erwehren und schlüpft in die Maske des erfundenen Vetters Shui Ta. Der fährt mit dem Rennrad vor, performt einen Gangsta-Rap und markiert den harten Typen, der erst mal einen Schreiner um seinen Lohn prellt. In alle Winde zerstreut er die Schmarotzerbande, die Shen Te regelmäßig - und das heißt im Berliner Ensemble fast vier Stunden lang – die Existenz ruiniert. Mehrmals geschieht diese Transformation. Und weil in dem harten Typen doch auch die Seele des naiven, liebenden Mädchens steckt, leidet er ziemlich unmännlich im Gespräch mit dem rücksichtslosen Flieger, als deutlich wird, dass dieser seine Verlobte Shen Te emotional rücksichtslos ausbeutet. Matthias Mosbach spielt den Flieger als schnoddrigen Luftikus mit Klampfe, der Shen Te in der Maske des Shui Ta beim „Lied von der Wehrlosigkeit der Götter und Guten" begleitet.

"Warum erscheinen die Götter nicht auf unseren Märkten
Und verteilen die Fülle der Waren
Und gestatten den vom Brote und vom Wein Gestärkten
Miteinander nun freundlich und gut zu verfahren?"

Hauch von depressiver Hippie-Partie

Gelegentlich unterstützt von einem Klavier, Trompetchen und weiteren Instrumenten weht einen im zweiten Teil der Aufführung ein Hauch von milde depressiver Hippie-Partie an; die im ersten Teil skizzierten Ansätze surrealer Komik sind jetzt einer breiten elegischen Ach-Mensch-Rührung gewichen. Auch Antonia Bill verliert in der anstrengenden Doppelrolle immer mehr an darstellerischer Trennschärfe. Die Horde der Vorstadtprolls, die tatsächlich ein bisschen so aussieht, als habe sie Haußmann in den 90er Jahren in der Neuköllner Sonnenallee aufgesammelt, kräht zunehmend müde ihre Lebensweisheiten heraus. Aus der Masse sticht Traute Hoess als Witwe Shin heraus. Aber an der Frage, ob es den guten Menschen gibt, haben sich mittlerweile die Schauspieler müde gespielt und die Zuschauer müde geguckt. Brecht hatte sich dereinst an ihr müde geschrieben. Dass „Die Verhältnisse nicht so sind", fürs Gute im Menschen, hatte er zuvor schon in der Dreigroschenoper konstatiert. Mit seinem guten Menschen von Sezuan ist er nie wirklich zum Ende gekommen.

"Wertes Publikum, is noch nich fertig, kommse später noch mal wieder". Das hätte eigentlich am Berliner Ensemble aushängen müssen. Aber diesmal nicht wegen Brecht, sondern weil die Aufführung von Leander Haußmann in ihrem Wechsel von lähmend stecken bleibenden Szenen und Skizzen einiger Regie-Ideen noch in einem amorphen, völlig heterogenen Zustand steckt, keinen Rhythmus hat und keine Seele.

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