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StartseiteInformationen am MorgenBrüchiger Frieden und tägliche Not08.02.2018

Leben im Süd-JemenBrüchiger Frieden und tägliche Not

Seit der Eskalation des Jemen-Konflikts 2014 sind die Fronten verfestigt. Im immer noch umkämpften Norden haben die Huthi-Rebellen das Sagen, im Süden die Exilregierung von Präsident Hadi. Dort herrscht eine Art Scheinfrieden, doch alte Konflikte kommen jetzt wieder zum Vorschein.

Von Oliver Ramme

Zwei Männer stehen im Vordergrund. Im Hintergrund spielen Kinder vor einem Müllberg. (Deutschlandradio / Oliver Ramme)
Alltag in Aden (Deutschlandradio / Oliver Ramme)
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Das Treppenhaus ist mit Scherben überseht. Wächter Abdul führt durch das Gold Mohur Sheraton Hotel. Oder das, was davon übrig ist. Seit über drei Jahren hat das noble Hotel keinen Gast mehr empfangen – erzählt Abdul.

Die Gänge sind dunkel, Halogenlampen hängen an Drähten aus den Decken. In den Suiten sind die Möbel umgeworfen - wie nach einem Raubüberfall. Staub hat sich über alles gelegt - wie ein Sterbetuch.

Abdul hat eine Zigarette in der Hand, die Waffe hat er unten gelassen.

"Ich passe hier mit vier andern auf, dass nicht noch weiter die Möbel geplündert werden. Seit dem wir vor einem Jahr Stellung bezogen haben, kommt keiner mehr her zum Klauen."

Investitionen der Vergangenheit liegen in Schutt

Abdul zeigt eine Suite im fünften Stock. Ein riesiges Loch klafft in der Außenwand. Ein Raketeneinschlag. Draußen der Sandstrand, rechts und links die felsigen Ausläufer des Vulkans. Alles menschenleer. Nur Krähen ziehen ihre Kreise. Geschossen wurde hier zuletzt vor zwei Jahren. Kaum vorstellbar, dass die Gewalt in wenigen Tagen wiederkehren wird.

Das Hotel ist eine Ruine. Und ein Sinnbild für Aden. Viele, vor allem große Gebäude in der Hafenmetropole, sind zerschossen. Das heißt: Die Millioneninvestments in dem ehedem armen Land sind zerstört.

Der tägliche Kampf ums Überleben

Auf dem Markt im Stadtteil Crater. Schroffe Berge eines erloschenen Vulkans umgeben diesen Bezirk. Crater ist lebendig, dreckig, Müll liegt herum, heiß und voller Menschen.

Ein Mann geht durch eine unbefestigte Straße im Stadtteil Crater in Aden/Jemen. (Deutschlandradio / Oliver Ramme)Stadtteil Crater in Aden (Deutschlandradio / Oliver Ramme)

Nur vom Markt halten sich die Leute fern. Obwohl die Marktstände reich bestückt sind mit Obst, Gemüse, Fisch. Bananen, Orangen. Äpfeln oder Guavas - alles ist liebevoll arrangiert. Doch die Händler klagen.

"Die Leute haben kein Geld mehr. Der Staat zahlt seine Gehälter, wenn überhaupt verspätet. Und die Preise steigen. In den letzten drei Jahren haben sich die Preise verdoppelt. Die Kiste Guavas hier kostete mal 6.000 Rial, heute 10.000. Und dann die Inflation."

Umgerechnet 20 Euro für ein Kiste Früchte. In einem Land, in dem der Normalbürger vielleicht zwei, drei Euro am Tag verdient. Wenn der Staat überhaupt zahlt. Überall die selben Klagen. Die galoppierende Inflation! Löhne, die nicht gezahlt werden! Eine Regierung, die vor drei Jahren aus der Hauptstadt Sanaa hierher geflohen ist und hier in Aden nichts tut. So die Vorwürfe. 

Die Anspannung ist zum Greifen nahe. Schüsse fallen -noch nicht.

Kilometerlange Schlangen an Tankstellen. Noch so ein Wutfaktor in Aden. Soldaten der Regierung müssen die Zapfsäulen bewachen. Rechts neben der Einfahrt steht ein Jeep – auf der Landefläche ist eine MG aufgepflanzt.

Diese Frau ist gleich dran. Sie ist komplett verschleiert, nur ihre Augen sind sichtbar.

"Ich als Frau darf direkt vorfahren. Die Männer aber müssen warten. Manchmal ein, zwei Tage. Und das verrückte ist, wenn sie vorfahren sagen sie mit einmal: 'Kein Benzin mehr'. Die Leute sind sauer. Manchmal kommt es hier auch zu Schießereien."

Nur der gemeinsame Feind vereint

Es brodelt unter dem Vulkan in Aden. Aber nicht nur wegen der wirtschaftlichen Misere. Ein alter Konflikt zwischen Nord- und Südjemen bricht sich Bahn. Die Wiedervereinigung von 1990. Und dieser Konflikt wird in wenigen Tagen wieder zu Blutvergießen führen.

Der einzig gemeinsame Nenner ist der Feind. Die Huthis im Norden des Jemen. Sonst haben die einzelnen Koalitionäre, die Saudis, die Emirate, die Regierung Hadi und die Menschen hier im Süden nur wenig gemein. Man belauert sich argwöhnisch. Keiner traut keinem.

Treffen mit Mansor Saleh. Er ist Sprecher des STC – den Southern Transitional Council. Den Überbrückungsrat des Südens. Kurz: Separatisten.

"Wir sprechen für die Leute im Süden. Und alle hier sagen, die Vereinigung von 1990 ist gescheitert. Der STC will die Unabhängigkeit. Wir sind zwar Teil der Koalition, der gegen die Huthis kämpft – aber nur bis der gemeinsame Feind geschlagen ist. Danach kommt die Unabhängigkeit."

Hoffen auf die Unabhängigkeit

Wenige Tage später wird sich herausstellen, dass diese Reihenfolge keine Gültigkeit mehr hat.

Hier im Süden sind alte Rechnungen mit dem Norden  offen. Nahezu jeder hier in Aden weiß von Gängelungen zu berichten. Die Regierung im Norden habe nach der Wiedervereinigung den Süden ausgebeutet und belogen. Aufstände nach 1990 im Süden wurden blutig niedergeschlagen. Das hat man hier nicht vergessen. Jetzt ist die Regierung aus Sanna hier, sucht Unterschlupf und ist geschwächt. Wann, wenn nicht jetzt, die Unabhängigkeit des Südens?

Eine voll verschleierte Frau mit kleinem Kind wird im Krankenhaus behandelt. (Deutschlandradio / Oliver Ramme)Eine Frau mit kleinem Kind wird im Krankenhaus behandelt. (Deutschlandradio / Oliver Ramme)

Ein Saal im Zentralkrankenhaus in Aden. Die Kinderklinik. Mütter – komplett verschleiert in schwarzen Gewändern – sitzen mit ihren kranken Kindern auf den Betten. Der Saal ist überfüllt. Zwar gehen die Cholerafälle deutlich zurück. Dafür werden viele Fälle von Masern registriert. Mitten drin die Leiterin der Kinderklink, Dr, Nahla Arishi.

"Letzten Juni und Juli haben wir zwischen 250 und 300 Cholera-Fälle täglich empfangen. Es gab überhaupt keine Betten mehr. Auch hatten wir nicht genügend Medizin. Und die Patienten lagen auf den Böden. Jetzt ist es viel weniger, weil Medizin da ist und wir mehr Aufklärungsarbeit haben."

Dr Arishi betet, dass ihrem Krankenhaus eine dritte Cholerawelle erspart bleibt.

Alles scheint brüchig hier im Süden des Jemen. Der Nord-Süd-Konflikt, die unterschiedlichen Interessen der Koalition gegen die Huthis und immer wieder Krankheitsepidemien.  

Wenige Tage später bricht das Kartenhaus in sich zusammen. Separatisten kämpfen gegen die Soldaten der Regierung Hadi. Dutzende Sterben. Über hundert werden verletzt. Zur Zeit herrscht wieder Ruhe. Aber das Gemisch unter dem Vulkan ist hoch explosiv.

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