Kommentare und Themen der Woche 14.11.2020

Leben mit CoronaWir brauchen Langmut und eine gesunde FehlerkulturVon Michael Seidel, Chefredakteur "Schweriner Volkszeitung"

Beitrag hören Die Fußgängerzone Neuhauser Straße am Karlstor in der Innenstadt von München (imago/Ralph Peters)Leben in Zeiten der Pandemie (imago/Ralph Peters)

Wirtschaft, Gesundheits- oder Bildungssektor - viele Gesellschaftsbereiche stehen durch die Corona-Pandemie auf dem Prüfstand, kommentiert Michael Seidel. Lösungen müssten schlussendlich in den Parlamenten neu ausgehandelt werden - mit dem Zugeständnis Fehler machen zu dürfen und zu korrigieren.

Als wäre der November nicht schon trist genug, muss der unbeliebteste Monat nun auch noch für den zweiten Lockdown in der Coronakrise herhalten. Um es bei aller Einsicht in Notwendigkeiten klar auszusprechen: Corona ist Mist. Es verändert die Menschen.

Ein Beispiel: Seit vielen Jahren geht meine jetzt 81-jährige Mutter zweimal pro Woche zum Tanzen. Nicht gemütlicher Rentnerschubs, sondern Rock'n'Roll, Twist und Discofox. Ich halte da konditionell keine halbe Stunde mit. Das Tanzen ist für sie nicht nur Quell von Lebensfreude, sondern hält den Rollator fern und erst recht das Altersheim.

Doch seit dem ersten Lockdown schon ist Schluss mit Tanzen. Ohne das Training, vielmehr aber noch ohne die auch geistig herausfordernden sozialen Kontakte beklagt sie zusehends körperlichen wie intellektuellen Verfall. Diesen Kollateralschaden der Pandemie fängt kein Hilfsprogramm auf.

Coronavirus (imago / Rob Engelaar / Hollandse Hoogte)Übersicht zum Thema Coronavirus (imago / Rob Engelaar / Hollandse Hoogte)

Wie wollen wir leben?

Nun aber besteht Hoffnung dank der Aussicht auf den ersten Impfstoff. Abgesehen davon, dass die Vorfreude ein bisschen messianisch anmutet, ist es schlicht Tatsache, dass der Stoff noch nicht zugelassen ist. Wir brauchen also weiterhin Geduld und Langmut. Und ernsthafte Überlegungen, wie wir mit dem Virus leben wollen.

Mehrere Injektionsnadeln liegen in einem Halbkreis, das Foto ist künstlerisch verfremdet. (imago / Future Image) (imago / Future Image)Biontech/Pfizer und Co.​Wettlauf um den Corona-Impfstoff 
Im Wettlauf um die Entwicklung eines Corona-Impfstoffs haben Biontech und Pfizer, ein vielversprechendes Zwischenergebnis gemeldet. Auch andere Projekte sind schon sehr weit. Ein Überblick.

Der nun angekündigte deutsch-amerikanische Impfstoff ist nach international anerkannten Regeln auf Wirksamkeit und Sicherheit getestet. Dennoch weiß niemand, wie lange er tatsächlich immun machen wird. Genauso wichtig wären deshalb zielgenaue antivirale Medikamente, um schwere und schwerste Erkrankungen, die es trotz Impfstoffs weiter geben wird, wirkungsvoll behandeln zu können.

Hilfen kommen nicht immer zeitnah an

Für die Wirtschaft bedeutete der erste Lockdown eine Vollbremsung. In der zweiten Welle werden die großen Kreisläufe am Laufen gehalten. Für die zuvor überhitzte Weltwirtschaft könnte die Pandemie sogar heilsam sein. Die zweifache Gefahrenbremsung führt - sofern nicht dagegen an subventioniert wird - zur Trennung von Spreu und Weizen, zu einem Innovationsschub in Richtung Nachhaltigkeit, hoffentlich zur Abkehr von der Hatz nach einem immer noch billigeren Billiglohnstandort.

Die Wirtschaft wird sich erholen, auch dank des staatlichen Füllhorns - vorausgesetzt, die Verteilungsbürokratie kommt hinter den politischen Beschlüssen noch hinterher.

Schulen auf dem Prüfstand

Im Moment hapert es - peinlich, peinlich - an der Programmierung von Antragsformularen für die Soforthilfen. Aber auch die schon im Sommer beschlossenen Millionen für die Digitalisierung der Schulen kommen noch immer nicht an Land. Deshalb wird etwa Mecklenburg-Vorpommern jetzt in Vorleistung gehen, damit Schulen endlich die benötigte Hardware für Lehrer und Schüler anschaffen können.

Doch damit wird es nicht getan sein: Schulbau- und -Sanierungspläne gehören allesamt auf den Prüfstand. Denn neben funktionstüchtigen Fenstern und hygienischen Toiletten bedarf es künftig womöglich grundlegend überdachter technischer Ausstattungen - von der Breitbandanbindung bis hin zu Filteranlagen, die verlässlich Viren und Bakterien aus Klassenräumen ziehen.

Maskenpflicht in der Schule (imago / MedienServiceMüller) (imago / MedienServiceMüller)Schule in Coronazeiten - "Für den hybriden Unterricht nicht vorbereitet"
Die Folgen des ersten Lockdowns seien für einzelne Schüler wirklich dramatisch, sagte der Bildungsforscher Andreas Schleicher im Dlf. Bei der Digitalisierung sei noch viel zu tun, der Präsenzunterricht sei alternativlos.

Kulturlandschafft nimmt den größten Schaden

Ein Bereich jedoch wird wohl bleibende Schäden davontragen: Die Kultur-, Veranstaltungs- und Kreativwirtschaft. Abgesehen von wenigen Großverdienern sind das Menschen, die sich schon zu normalen Zeiten ihre Selbstverwirklichung mit Selbstausbeutung erkaufen. Viele Künstler werden den Traum, anderen Menschen geistige Nahrung und Lebensfreude zu schenken, begraben haben, weil die warmen Worte der Politik ihnen den Lebensunterhalt nicht gesichert haben.

Am dringendsten aber ist eine Restaurierung des öffentlichen Gesundheitsdienstes. Nicht die Infektionszahlen oder die Inzidenzwerte sind der eigentliche Grund für den neuerlichen Lockdown, sondern die Überlastung der Gesundheitsämter, die eine Nachverfolgung und Unterbrechung aller Infektionsketten unmöglich macht.

Zudem muss die Wertigkeit von Berufsbildern wie dem der Alten- und Krankenpflegerinnen dringend revidiert werden. Gelegentliche Betroffenheitsgesten wie Applaus vom Balkon sind nett, aber nichts wert.

Eine Krankenpflegerin versorgt einen sterbenskranken Hospiz Bewohner, der im Bett liegt. (picture aliiance / dpa / Tobias Hase) (picture aliiance / dpa / Tobias Hase)Was bringt die "Konzertierte Aktion Pflege"?
Mehr Geld, mehr Ausbildungsplätze, mehr Anerkennung: Das will die Politik für Menschen in Pflegeberufen erreichen. 2018 ging ein großes Projekt an den Start, nun wurde ein Zwischenbericht vorgelegt. Ein Überblick.

Mut zur Lücke

Solche Fragen können nicht dauerhaft durch Krisenkabinette entschieden werden. Sie müssen gesellschaftlich unter möglichst breiter Beteiligung, aber schlussendlich in unseren Parlamenten neu ausgehandelt und mit Mehrheit entschieden werden.

Dabei sollte uns der Krisenmodus gelehrt haben, dass man nicht alles bis ins Detail ausdiskutieren und gelegentlich zu Tode debattieren muss. Wenn wir das Leben mit diesem Virus, dem sicherlich andere folgen werden, erfolgreich gestalten wollen, braucht es den Mut zur Lücke und eine gesunde Fehlerkultur, die das Ergänzen und Korrigieren untauglicher Maßnahmen ohne Sorge vor Gesichtsverlust zum Normalfall macht.

Michael Seidel (Ecki Raff)Michael Seidel (Ecki Raff)Michael Seidel ist seit 1. Januar 2013 Chefredakteur im Zeitungsverlag Schwerin GmbH & Co.KG (medienhaus:nord), in dem die "Schweriner Volkszeitung", die "Norddeutschen Neuesten Nachrichten" (Rostock) sowie "Der Prignitzer" (Land Brandenburg) erscheinen. Er studierte nach dem Volontariat beim DDR-Fernsehen in Leipzig Journalistik, arbeitete zunächst für TV und Radio, 1995 wechselte er zur Tageszeitung "Nordkurier". Mehr als elf Jahre war er Landes-Korrespondent in Schwerin, ab 2006 Newsdesk-Chef im Neubrandenburger Haupthaus, ab 2008 stellvertretender, ab 2009 Chefredakteur beim "Nordkurier". Zu seinen journalistischen Schwerpunkten gehören seit Anfang der 1990er-Jahre die Themen politische Bildung, Bürgergesellschaft und Rechtsextremismus. 

  

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